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28. März 1884
Carl Peters gründet die Gesellschaft für deutsche Kolonisation

Berlin * Carl Peters gründet die Gesellschaft für deutsche Kolonisation, in der überwiegend kleine Gewerbetreibende, Offiziere und Beamte sowie kleinere und mittlere Kaufleute vertreten sind. Während der Deutsche Kolonialverein das gehobene Besitz- und Bildungsbürgertum repräsentiert, ist die Gesellschaft eher nationalistisch-rassistisch geprägt und steht in harter Konkurrenz zum Deutschen Kolonialverein. 

1891
Deutschland will seinen Kolonialbesitz ausweiten

Berlin * Neben der Deutschen Kolonialgesellschaft zählt bald auch der im Jahr 1891 gegründete, extrem nationalistische Alldeutsche Verband, dessen Programm stark von rassistischem und antisemitischem Gedankengut geprägt ist. Nun versucht Deutschland durch den Erwerb weiterer Handelsvertretungen seinen Kolonialbesitz auszuweiten. 

Im Vordergrund stehen jetzt aber Fragen des nationalen Prestiges und der Selbstbehauptung in einer sozialdarwinistisch verstandenen Konkurrenz der Großmächte. Denn Deutschland als kolonialpolitischer Nachzügler muss den ihm zustehenden Anteil jetzt einfordern.

1897
In Deutsch-Südwestafrika bricht eine Rinderpest aus

Deutsch-Südwestafrika * Die Herero erwirtschafteten ihren Lebensunterhalt traditionell mit der Rinderzucht. Als es im Jahr 1897 zu einer Rinderpest ausbricht, werden die Herden der Herero stark dezimiert. Durch die zunehmende Aneignung des Landes, insbesondere wertvoller Weidegründe, durch die sich die deutschen Siedler in den Besitz der Rinder bringen wollen, kommt es in der Folge zu empfindlichen Einbußen der Herero.

Das betrifft nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle Werte. Hinzu kommen noch Betrügereien der Siedler. Durch die daraus resultierende Verarmung waren viele Herero gezwungen, Lohnarbeit auf deutschen Farmen anzunehmen.  Andere, noch Vieh besitzende Herero, geraten immer öfter in Konflikte mit den Siedlern, wenn sie ihre Herden auf dem nunmehr von den Deutschen beanspruchtem Land weiden ließen. Zornige Siedler vertreiben die Hirten oftmals gewaltsam.

Neben dem existenzbedrohenden Verlust immer größerer Weidegebiete war es die rassistische Diskriminierung der Herero, die als Auslöser für den Aufstand wirkt. Weitere schwere Vergehen waren Vergewaltigung und Mord, deren sich Siedler gegenüber den Herero schuldig gemacht hatten. Dass diese Fälle vielfach nicht oder nur milde bestraft werden, verstärkt die Spannungen weiter. 

3. Juni 1906
Josephine Baker – eine Weltkünstlerin wird geboren 

St. Louis, Missouri * Freda Josephine McDonald, die später als Josephine Baker weltberühmt wird, kommt in St. Louis zur Welt. Ihre Mutter Carrie McDonald verdient ihren Lebensunterhalt unter anderem als Wäscherin; die Identität ihres biologischen Vaters ist nicht zweifelsfrei geklärt. Josephine wächst in großer Armut und unter den Bedingungen der rassistischen Ausgrenzung auf. Als Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin feiert sie später vor allem in Paris internationale Erfolge. Darüber hinaus engagiert sie sich im französischen Widerstand und im Kampf gegen Rassismus. 

2. Juli 1917
Rassistisches Massaker prägt Josephine Baker 

East St. Louis, Illinois * In East St. Louis, unmittelbar gegenüber von St. Louis am anderen Ufer des Mississippi, greifen weiße Mobs die Schwarze Bevölkerung an. Menschen werden misshandelt, erschossen und gelyncht, Häuser und ganze Straßenzüge in Brand gesetzt. Dutzende Menschen sterben, Tausende verlieren ihr Zuhause oder fliehen über den Fluss. Die elfjährige Josephine McDonald erlebt die Schrecken des Massakers und die rassistische Gewalt in ihrer Heimatregion. Diese Erfahrung prägt sie nachhaltig. Als Josephine Baker setzt sie sich später öffentlich und mit großer Entschlossenheit gegen Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung ein. 

26. August 1920
Der 19. Verfassungszusatz bestätigt das Frauenwahlrecht 

Vereinigte Staaten * US-Außenminister Bainbridge Colby bestätigt offiziell die Ratifizierung des 19. Zusatzartikels zur Verfassung. Bund und Bundesstaaten dürfen das Wahlrecht nun nicht mehr aufgrund des Geschlechts verweigern oder beschränken. Damit erreicht die jahrzehntelange Frauenwahlrechtsbewegung einen historischen Erfolg. In der Praxis bleibt der Zugang zu den Wahlurnen jedoch ungleich: Rassistische Wahlgesetze und andere diskriminierende Bestimmungen schließen insbesondere viele Schwarze, indigene und asiatischstämmige Frauen weiterhin aus. 

Februar 1928
Rassistische Proteste gegen Josephine Baker 

Wien * Bereits die Ankündigung eines Auftritts von Josephine Baker im Wiener Ronacher löst eine rassistisch und moralisch aufgeladene Protestkampagne aus. Konservative und katholische Kreise organisieren Kundgebungen und Gottesdienste gegen die Künstlerin und warnen: „Der schwarze Teufel kommt“. Rassistische Plakate und Zeitungsberichte sprechen vom „Negerskandal“ und dämonisieren Baker. Auch die Wiener NSDAP fordert wegen ihrer angeblich „obszönen“ Darbietungen ein Auftrittsverbot. 

Die Auseinandersetzung erreicht den österreichischen Nationalrat. Der christlichsoziale Abgeordnete Anton Jerzabek bezeichnet Bakers Tanz als Gefahr für die öffentliche Moral und verlangt mit dem Worten „Wir können keine pornografischen Tanzaufführungen zulassen“ ein Verbot. Der liberale Abgeordnete Adalbert Graf Sternberg verteidigt dagegen die künstlerische Freiheit und weist darauf hin, dass der Mensch nach christlichem Verständnis von Gott nackt erschaffen worden sei. „Wenn wir Nacktheit verbieten, kommt das Blasphemie gleich.“ Die angekündigte Revue darf im Ronacher schließlich nicht stattfinden. 

9. März 1928
Doppeldeutiger Spott über rassistische Gerüchte 

Wien * Die satirische Wochenzeitung „Götz von Berlichingen“ kommentiert die rassistisch aufgeladene Berichterstattung über Josephine Baker mit einem doppeldeutigen Scherz: „Die Gerüchte, wonach Josephine Baker eine Menschenfresserin sein soll, beruhen auf der tendenziösen und böswilligen Entstellung der Tatsache, daß sie neulich im Café einen Weißen verlangt hat.“ 

Die Pointe spielt damit, dass „ein Weißer“ sowohl einen mit Milch servierten Kaffee als auch einen weißen Mann bezeichnen kann. Der Text verspottet die Gerüchte über Baker, greift dafür jedoch selbst auf das rassistische Klischee vom Kannibalismus zurück. 

Ab 1950
Josephine Baker gründet ihre „Regenbogenfamilie“ 

Les Milandes im Périgord * Josephine Baker und ihr Ehemann Jo Bouillon beginnen, Kinder unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Religion zu adoptieren. Im Laufe der folgenden Jahre nehmen sie zehn Jungen und zwei Mädchen aus verschiedenen Ländern und von fünf Kontinenten auf. Nach zeitgenössischen Darstellungen erhält das Familienprojekt auch den päpstlichen Segen. 

Mit ihrer „Regenbogenfamilie“ will Baker ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus und religiöse Vorurteile setzen. Die Kinder wachsen gemeinsam im Château des Milandes auf, das zum Mittelpunkt des „Dorfes der Welt“ und der von Baker ausgerufenen „Hauptstadt der universellen Brüderlichkeit“ wird. Ihr Zusammenleben soll beweisen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft friedlich als Geschwister miteinander leben können.

10. Januar 1951
Josephine Baker erzwingt ein Publikum ohne Rassentrennung 

Miami Beach * Josephine Baker tritt im berühmten Nachtklub „Copa City“ nur unter der Bedingung auf, dass Schwarze und weiße Gäste gleichermaßen zugelassen werden. Nach längeren Verhandlungen verpflichtet sich der Betreiber vertraglich, das Publikum unabhängig von Hautfarbe und Religion einzulassen. Baker sorgt zusätzlich dafür, dass Schwarze und weiße Prominente gemeinsam die Premiere besuchen. Die ausverkaufte Vorstellung vor einem gemischten Publikum wird zu einem wichtigen Erfolg im Kampf gegen die Rassentrennung. 

Fortan verlangt Baker auch bei weiteren Auftritten in den Vereinigten Staaten entsprechende Vertragsklauseln. Trotz heftiger rassistischer Anfeindungen nutzt sie ihre internationale Bekanntheit, um gegen die sogenannten Jim-Crow-Bestimmungen und die Diskriminierung Schwarzer Amerikaner vorzugehen. 

28. August 1963
Josephine Baker spricht beim Marsch auf Washington 

Washington, D. C. * Rund 250.000 Menschen nehmen am „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ teil. Josephine Baker reist aus Frankreich an und tritt in der Uniform der französischen Luftstreitkräfte mit ihren militärischen Auszeichnungen vor die Menge. Als eine der wenigen Frauen erhält sie das Wort; ihre gut zweiminütige Ansprache ist die längste Rede einer Frau an diesem Tag. Wenig später hält Martin Luther King seine berühmt gewordene Rede „I Have a Dream“. 

Baker ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren eine engagierte Bürgerrechtlerin: Sie weigert sich, vor nach Hautfarbe getrenntem Publikum aufzutreten, und kämpft öffentlich gegen Rassismus und Diskriminierung. Aufgrund ihrer dokumentierten Beziehungen zu Frauen und ihres selbstbestimmten Lebens gilt sie heute zugleich als Ikone der queeren Bewegung.