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Die Stampadore-Madonna aus Haidhausen

Staffel 1 · Folge 9 · 09:30

Was verbindet ein verheerendes Erdbeben in Norditalien, eine Marienstatue aus Haidhauser Lehm und den Aufstieg Münchens zur Großstadt? Jahr für Jahr kamen Tausende Menschen aus dem Friaul nach Bayern und arbeiteten unter härtesten Bedingungen in den Münchner Ziegeleien. Sie formten Millionen von Ziegeln – und bauten damit buchstäblich das moderne München.

Eine besondere Spur führt bis heute zurück nach Italien: die Madonna dei Fornaciai, 1875 in München geschaffen und Schutzpatronin der Ziegelarbeiter. Beim schweren Erdbeben von 1976 überstand sie die Katastrophe nahezu unversehrt. Eine Geschichte über Migration und Ausbeutung, über Hoffnung und Zusammenhalt – und über die fast vergessenen Menschen, die München Stein für Stein aufgebaut haben.


Am 6. Mai 1976 erschüttert ein schweres Erdbeben das Friaul in Nordostitalien. Fast tausend Menschen verlieren ihr Leben, ganze Ortschaften werden zerstört. Auch in München ist das Beben deutlich zu spüren. In der italienischen Gemeinde Avilla di Buja übersteht eine besondere Marienstatue die Katastrophe beinahe unversehrt – eine Figur, die aus Haidhauser Lehm geformt und in einer Münchner Ziegelei gebrannt wurde.

Diese Statue führt direkt zu einem kaum bekannten Kapitel der Münchner Stadtgeschichte. Über Jahrzehnte kamen jedes Jahr rund 15.000 Saisonarbeiter aus dem Friaul nach Bayern, um in den Ziegeleien zu arbeiten. Sie formten Millionen von Ziegeln, aus denen Wohnhäuser, Kirchen, Fabriken und ganze Stadtviertel entstanden. Ohne ihre Arbeit wäre das rasante Wachstum Münchens im 19. Jahrhundert kaum denkbar gewesen.

In dieser Folge der Münchner Zeitensprünge erzählen wir die Geschichte dieser Männer, Frauen und Kinder, die oft unter härtesten Bedingungen arbeiteten. Wir begleiten die sogenannten Fornaciai auf ihrem langen Weg über die Alpen, werfen einen Blick auf das Akkordantensystem mit seinen mächtigen Capuzats und zeigen, warum die italienischen Arbeitskräfte für die Ziegeleibesitzer zugleich unverzichtbar und billig waren. Dabei wird deutlich, wie Kinderarbeit, endlose Arbeitstage und fehlende soziale Absicherung den Alltag vieler Familien bestimmten.

Im Mittelpunkt steht aber auch die außergewöhnliche Geschichte der Madonna dei Fornaciai. Die Terrakottafigur wurde 1875 vom Münchner Bildhauer Josef Knabl aus Haidhauser Lehm geschaffen, im Ringofen der Ziegelei Anton Graßl gebrannt und mit einem Pferdefuhrwerk nach Avilla di Buja gebracht. Dort wird sie bis heute als Schutzpatronin der Ziegelarbeiter verehrt und erinnert an die enge Verbindung zwischen Bayern und dem Friaul. Dass sie das Erdbeben von 1976 nahezu unbeschadet überstand, macht ihre Geschichte umso außergewöhnlicher.

Wir besuchen außerdem den Ziegelbrenner-Brunnen am Preysingplatz in Haidhausen – eines der wenigen Münchner Denkmäler, das arbeitenden Menschen gewidmet ist. Er erinnert an jene, deren Namen heute kaum noch bekannt sind, deren Hände aber das Fundament der wachsenden Großstadt schufen.

Eine Folge über Migration, harte Arbeit und gesellschaftlichen Wandel – und über die Menschen, die München Stein für Stein aufgebaut haben, deren Geschichte aber allzu oft hinter den prächtigen Fassaden verschwindet. Denn wer die Stadt verstehen will, sollte nicht nur ihre Bauwerke betrachten, sondern auch an diejenigen denken, die sie errichtet haben.