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Ab dem Jahr 41
Claudius stärkt die Donaugrenze und das römische Straßennetz 

Augsburg und Raetien * Kaiser Claudius lässt die römische Grenze an der Donau durch Kastelle sichern und baut das Straßennetz im Alpenvorland aus. Um 46/47 wird die Via Claudia Augusta vollendet. Sie verbindet Oberitalien über die Alpen mit Augusta Vindelicum, dem heutigen Augsburg, und der Donau. Die Siedlung entwickelt sich zu einem bedeutenden Verwaltungs-, Handels- und Verkehrszentrum der Provinz Raetia. 

92
Domitian beschränkt den Weinbau in den Provinzen 

Rom und römische Provinzen * Kaiser Domitian verbietet die Anlage neuer Weinberge in Italien und ordnet an, einen Teil der Rebstöcke in den Provinzen zu roden. Damit will er die Getreideerzeugung fördern und einer Überproduktion von Wein entgegenwirken. Das Edikt wird offenbar nur unvollständig umgesetzt; der Weinbau an Rhein und Mosel besteht fort.

282
Probus fördert den Weinbau in den Provinzen 

Römisches Reich * Kaiser Probus fördert den Wiederaufbau der durch Kriege verwüsteten Provinzen. Einer spätantiken Überlieferung zufolge erlaubt er den Bewohnern Galliens, Spaniens und Britanniens ausdrücklich, Reben anzubauen und Wein herzustellen. Später gilt er deshalb auch an Rhein und Mosel als bedeutender Förderer des Weinbaus. Wie stark seine Maßnahmen den dortigen Anbau tatsächlich beeinflussen, ist historisch jedoch nicht eindeutig belegt. 

3. März 321
Der Sonntag wird arbeitsfrei

Rom ? • Der Kaiser Konstantin der Große erklärt den Sonntag, den Heiligen Tag des Christentums und des Mithraskultes, für arbeitsfrei – für „alle Richter und Einwohner der Städte, auch die Arbeiter aller Künste“. Einzig landwirtschaftliche Arbeiten bleiben sonntags erlaubt. Das Edikt des Kaisers gilt als die Geburtsstunde des staatlich geschützten Ruhetags. 

Ab 380
Augustinus legt die Grundlagen der Lehre vom gerechten Krieg 

Römisches Reich * Seit Konstantin das Christentum fördert und Kaiser Theodosius I. es 380 zur maßgeblichen Religion des Reiches erhebt, muss die Kirche ihr Verhältnis zu Staat, Militär und Krieg neu bestimmen. Augustinus versucht, das christliche Friedensgebot mit der staatlichen Gewaltanwendung zu vereinbaren. Ein Krieg kann für ihn nur dann gerechtfertigt sein, wenn eine rechtmäßige Obrigkeit ihn anordnet, schweres Unrecht abgewehrt oder gesühnt werden soll und die Wiederherstellung des Friedens das Ziel bleibt. Eroberungslust, Ruhmsucht, Grausamkeit und persönliche Rache gelten dagegen als unzulässige Beweggründe. Damit schafft Augustinus wichtige Grundlagen der späteren Lehre vom gerechten Krieg. 

962
Papst Johannes XII. krönt Otto I. „den Großen“ in Rom zum Kaiser

Rom * Papst Johannes XII. krönt den römisch-deutschen König Otto I. „den Großen“ in Rom zum Kaiser. Seitdem besteht eine unverbrüchliche Verbindung zwischen den beiden Funktionen.  

  • Der deutsche König versteht sich automatisch als Anwärter auf das Kaisertum.  
  • Der Papst gilt als der richtige „Koronator“ für den Papst.  

Damit entsteht eine besondere Beziehung zwischen dem römisch-deutschen König und dem Papst.  

Die Päpste werden im Umkehrschluss  

  • ihr Recht ableiten, die Eignung des zukünftigen Kaisers zu überprüfen und  
  • auf die Erhebung zum deutschen König Einfluss zu nehmen. 
1. November 996
Der Name Ostarrichi für Österreich taucht erstmals auf

Bruchsal * Kaiser Otto III. überträgt dem Bischof von Freising, Gottschalk von Hagenau, Grundbesitz im Raum von Neuhofen an der Ybbs im heutigen Niederösterreich. In dieser Urkunde taucht erstmals der Name „Ostarrichi“ für Österreich auf.

Ostarrichi gehört zu dieser Zeit zum Herzogtum Baiern, bis es 1156 als Herzogtum Österreich unabhängig wird. 

Ab 18. November 1095
Papst Urban II. ruft zur Vertreibung der Türken aus Kleinasien auf

Clermont * Ein Höhepunkt der Reise von Papst Urban II. ist das Konzil, das bis zum 27. November 1095 in der Hauptkirche von Clermont tagt. Unter dem Vorsitz des Papstes werden finanzielle und organisatorische Angelegenheiten der französischen Kirche abgearbeitet.

Am Ende des Konzils hält das Kirchenoberhaupt auf einem Feld vor der Stadt eine Rede, in der es den anwesenden Rittern und Klerikern zunächst die Ergebnisse des Konzils darlegt, danach gegen den Kaiser und den Gegenpapst wettert und anschließend die Befreiung der Kirche von aller weltlichen Gewalt fordert.

Schließlich ruft Papst Urban II. die Anwesenden zum Kriegszug zur Vertreibung der Türken aus Kleinasien auf. Als die Menge die päpstliche Predigt am Ende begeistert mit den Worten „Deus lo vult - Gott will es!“ quittiert, bestimmt der oberste Kirchenmann, dass dies der Schlachtruf sein soll.

Suchbegriffe: Templer, Kreuzzug
August 1096
Zum Überleben müssen die Kreuzfahrer plündern

Naher Osten * Erst die militärisch besser ausgestatteten Kreuzfahrer-Kontingente haben mehr Erfolg. Das zügige Fortkommen der Kreuzfahrer behindern allerdings arme Pilger, die sich ihnen angeschlossen haben. Dadurch erreichen sie Konstantinopel erst Ende des Jahres 1096/Anfang 1097.

Nachdem die Kreuzfahrer von der dortigen Bevölkerung feindlich aufgenommen sowie vom byzantinischen Kaiser nur widerwillig unterstützt und nur mit knapp bemessenem Proviant versorgt werden, ziehen sie auf eigene Faust durch Kleinasien weiter. Seit sie islamisches Gebiet betreten haben, gibt es kein funktionierendes System für Versorgung mit Nachschub mehr. Um Überleben zu können, müssen die Kreuzfahrer plündern.

Die bewaffneten Pilger besiegen die Türken bei Dorylaeum und Eregli. Nach einem anstrengenden Marsch gelangen sie nach Antiochia. Sie belagern die Stadt siebeneinhalb Monate und schlagen in deren Verlauf zwei muslimische Verstärkungsarmeen.

6. Januar 1103
Kaiser Heinrich IV. verkündet den Reichslandfrieden

Mainz * Mit dem durch Kaiser Heinrich IV. verkündeten Reichslandfrieden stehen alle Juden unter dem persönlichen Schutz des Kaisers. Das bedeutet aber, dass sie ab sofort keine Waffen mehr tragen dürfen und darauf angewiesen sind, sich von des Kaisers Truppen beschützen zu lassen. Das Gesetz begründet 

  • die Ausnahmestellung der Juden und zugleich
  • ihre Wehr- und Waffenunwürdigkeit.
Juni 1154
Herzog Heinrich der Löwe erhält das Herzogtum Baiern zuerkannt

Goslar * Auf dem Reichstag in Goslar erhält Herzog Heinrich der Löwe von Kaiser Friedrich Barbarossa das Herzogtum Baiern zuerkannt. Es wird aber noch bis zum 8. September 1156 dauern, bis der Babenberger-Herzog Heinrich XI. „Jasomirgott“ offiziell auf das Herzogtum verzichtet. 

6. April 1156
Kaiser Friedrich Barbarossa erklärt alle Zölle am Main für aufgehoben

Worms * In Worms erklärt Kaiser Friedrich Barbarossa in einer Urkunde alle Zölle am Main - bis auf wenige Ausnahmen - für aufgehoben. Fernhändler hatten sich bei ihm beschwert, dass sie zwischen Bamberg und Mainz allzu oft von regionalen Herrschern zur Kasse gebeten würden. Die Anmaßung königlicher Befugnisse durch die Fürsten widerspricht aber den politischen Zielen Kaiser Friedrich Barbarossas, weshalb er diesen Missbrauch eindämmen will.

Der Kaiser setzt den Grundherren daraufhin eine Frist, binnen der sie die Berechtigung dieser Zollerhebungen anhand königlicher Privilegien nachzuweisen haben. Nur die wenigsten Betroffenen können den geforderten Nachweis erbringen.  

Gut vorstellbar, dass sich vor diesem Hintergrund auch ein heftiger Streit über die bischöflichen Einnahmen aus dem Zoll, dem Markt, der Münze und der Isarbrücke in Föhring entzündet hat.  
Man muss davon ausgehen, dass Herzog Heinrich XII. „der Löwe“ die unsicheren Rechtsgrundlagen des Freisinger Bischofs Otto I. über seine selbstherrlich geschaffenen Einrichtungen bewusst sind.

Außer den Ansprüchen der beiden Kontrahenten spielt dabei natürlich auch das machtpolitische Interesse des Kaisers mit. Dieser tritt zwar vordergründig als unparteiischer Richter oder Schlichter auf, kann aber im Hintergrund agierend so seine Interessen und Ziele dennoch verwirklichen. Der Herzog und der Kaiser ziehen also am gleichen Ende des Seiles.

8. September 1156
Herzog Heinrich XII. der Löwe erhält das Herzogtum Baiern

Konstanz * Der 26-jährige Welfenherzog Herzog Heinrich XII. der Löwe erhält von seinem Cousin Kaiser Friedrich I. Barbarossa das Herzogtum Baiern übertragen. Der Herzog verfügt damit aber nicht über ein in sich geschlossenes Areal, sondern muss auf seinem Herrschaftsgebiet unter anderem eine bischöfliche Enklave tolerieren, zu der neben dem Freisinger Dombezirk auch die Brücke in Föhring gehört. Zwei wichtige ehemalige Römerstraßen durchziehen das Herzogtum Baiern von Ost nach West, um sich bei Augsburg zu vereinen:  

  • Die von Salzburg kommende Straße überschreitet die Isar bei Grünwald, wobei der beschwerliche Übergang bereits gegen Ende des ersten Jahrtausends aufgegeben worden ist.
  • Der andere, der von Wien über Wels kommende Verkehrsweg, überquert die Isar bei Föhring und zieht dadurch den gesamten Fernhandelsverkehr auf sich. Dieser Isarübergang liegt also auf dem Gebiet des Freisinger Bischofs Otto I., dem Onkel Kaiser Friedrich Barbarossas. 
1157
Die Salzstraße wird nach Munichen umgeleitet

München - Haidhausen * Im Jahr 1157 - zuvor und danach war Herzog Heinrich XII. der Löwe nicht in Baiern - wird die Salzstraße nach Munichen umgeleitet.  

  • Die Salzstraße muss man sich als Trampelpfad vorstellen, denn der Lastentransport erfolgt noch nicht mit Fuhrwerken oder Karren, sondern mit Saumpferden. 
  • Sie führt noch nicht über den Gasteig (= gacher Steig = steiler Weg) hinunter zur Isar, sondern nutzt eine Fuhrt etwa auf der Höhe der heutigen Maximiliansbrücke.  

Dass der Welfenherzog ein elementares Interesse an der Aufhebung des unrechtmäßig in Föhring eingerichteten bischöflichen Fernhandelsmarktes hat, ist naheliegend, da er der größte Nutznießer dieser Entscheidung ist. Und der Freisinger Bischof will nach den Erfahrungen von Worms retten, was noch zu retten ist. Schon deshalb ziehen die beiden Kontrahenten gemeinsam mit dieser Angelegenheit vor den Kaiser. 

14. Juni 1158
Der Augsburger Schied - Münchens Geburtsurkunde

Augsburg - München * Ein vergilbtes Pergament im Format 34 × 44 Zentimeter gilt als die Geburtsurkunde der bayerischen Landeshauptstadt. Die von Kaiser Friedrich I. Barbarossa auf dem Reichstag in Augsburg unterzeichnete Urkunde ging als „Augsburger Schied“ in die Geschichte ein. In dem Kaiserdiplom, das als „conventio“ – also als Übereinkunft – bezeichnet wird, werden die Streitpunkte verbindlich geregelt. 

„Mit Zustimmung und Willen der beiden streitenden Parteien“ wird festgelegt:

  • Der Markt, der bislang in Föhring abgehalten wurde, ebenso die Zollbrücke und die Münzstätte, werden dort künftig nicht mehr bestehen.
  • Als Ersatz hat Herzog Heinrich der Kirche von Freising ein Drittel des Gesamteinkommens aus seinem Marktzoll zu München übertragen, sei es aus Abgaben für Salz, sei es für andere dort ein- und ausgehende Groß- und Kleinstückwaren.  
  • Bezüglich des Zöllners wird vereinbart, dass jede Partei einen eigenen einsetzen kann oder – falls gewünscht – beide gemeinsam einen bestimmen, der beiden verantwortlich ist.
  • Ähnlich verhält es sich mit der Münze: Ein Drittel der Einkünfte erhält der Bischof, zwei Drittel stehen dem Herzog zu. Eine Münzstätte soll nach Ermessen des Herzogs errichtet werden. Zudem darf auch der Bischof von Freising eine eigene Münzstätte gründen, wenn er es wünscht. Von deren Erträgen erhält der Herzog lediglich ein Drittel, das er – unabhängig von dessen Höhe – nach dem Willen des Bischofs als Lehen weitergeben soll, wie es offenbar bereits geschehen ist.

Von einem Unrecht oder gar einer Freveltat des Welfenherzogs findet sich in dieser kaiserlichen Urkunde kein Wort. Als Zeugen für die Richtigkeit des Rechtsspruchs werden vier hohe geistliche Würdenträger und vier weltliche Herrscher benannt. 

Doch auch wenn die Kaiserurkunde den Charakter einer gütlichen Einigung in sich trägt, so ist sie in ihrem Kern doch ein regalienrechtlicher Spruch des Kaisers. Mit diesem Kompromiss kann Kaiser Friedrich I. Barbarossa einen Interessenausgleich zwischen dem Bischof von Freising und dem baierischen Herzog erzielen und damit beide zufrieden stellen.  

Nach dem 11. November 1158
Unrechtmäßige Verlegung des Marktrechts von Freising nach Föhring

Roncaglia * Zwischen dem 11. und 26. November 1158 findet in Roncaglia ein Reichstag statt. Dabei erlässt Kaiser Friedrich Barbarossa ein Gesetz, das jede nicht genehmigte Erhebung von Abgaben untersagt.  

Darunter fällt freilich auch die unrechtmäßige Verlegung des Marktrechts von Freising nach Föhring durch - den inzwischen verstorbenen - Bischof Otto I.. Auffällig ist dabei die Nähe dieses Gesetzes und der Wormser Urkunde vom 6. April 1156 zum Föhringer Konflikt. 

Um den 1. Februar 1176
Der Bruch zwischen Friedrich Barbarossa und Heinrich dem Löwen

Chiavenna * Es kommt zum Bruch zwischen Friedrich Barbarossa und Heinrich dem Löwen, nachdem der Herzog in Chiavenna am Comer See dem Kaiser die militärische Unterstützung für dessen kriegerischen Auseinandersetzungen in der Lombardei versagt. Denn als Gegenleistung verlangt Herzog Heinrich der Löwe die Kaiserpfalz Goslar und deren reichen Silberminen. Eine Forderung, die der Kaiser strikt ablehnt.  

Es kommt angeblich zum Kniefall des Kaisers vor dem mächtigen und uneinsichtigen Herzog - und damit kommt es unausweichlich zum Konflikt. Nun beginnt der Stern des Löwen zu sinken, denn ein kaiserlicher Kniefall gehört zum Zeremoniell der staatlichen Ordnung und gilt zugleich als ein Verfassungselement. Da sich aber der Welfenherzog auch durch diese kaiserliche Geste nicht erweichen lässt, verletzt er die Regeln, was ihm als Überheblichkeit, Hochmut und Verachtung gegenüber dem Reich und dem Kaiser ausgelegt wird. 

Um den März 1176
Heinrich der Löwe hält sich letztmalig in seinem baierischen Herzogtum auf

München * Im Februar und März 1176 hält sich Herzog Heinrich der Löwe zum letzten Mal seinem baierischen Herzogtum auf.  

Denn je rasanter es mit Münchens Wirtschaft aufwärts geht, desto steiler vollzieht sich der Abstieg des Welfenherzogs. Der Grund liegt in der Verweigerung Heinrichs des Löwen an, den Kaiser in seinen kriegerischen Auseinandersetzungen in der Lombardei zu unterstützen. 

Suchbegriffe: Lombardei
11. November 1178
Herzog Heinrich erhebt Klage gegen Fürstbischof Philipp von Köln

Speyer * Herzog Heinrich XII. der Löwe erhebt auf dem Hoftag zu Speyer Klage gegen den Fürstbischof Philipp von Köln und andere Fürsten, weil diese ihm Unrecht zugefügt haben.

Der ebenfalls anwesende Kölner Bischof hat zwar mit seiner Gegenklage einen schwachen Stand, doch Kaiser Friedrich Barbarossa greift nicht Herzog Heinrichs, sondern die Klage seiner Gegner auf und setzt zur Behandlung dieser Angelegenheit einen Hoftag in Worms an. 

13. Januar 1179
Herzog Heinrich der Löwe wird als Angeklagter vorgeladen

Worms * Auf dem Hoftag zu Worms wird der eigentliche Ankläger Herzog Heinrich als Angeklagter vorgeladen. Er ist sich über die gegen ihn eingeleitete Aktion im Klaren und glaubt nicht mehr daran, sein Recht zu erlangen. Die Verweigerung von Chiavenna hat ihn in die Isolierung geführt. Aus den verschiedensten und zum Teil weit zurückliegenden Gründen haben sich der Kaiser, der Kölner Erzbischof sowie viele sächsische Bischöfe und Adelige gegen den Löwen verbündet.

Der Gerichtstag bringt ihnen den ersten Erfolg: Da sich Heinrich weigert zu erscheinen, macht er sich, da er „die Majestät verachtete“, der Rechtsverweigerung, der contumancia, schuldig.

Kaiser Friedrich I. Barbarossa kommt das Nichterscheinen des Herzogs gerade recht, da er sich auf diesem Wormser Hoftag die schwäbischen Welfenbesitzungen, die er nur wenige Wochen zuvor trotz des Erbvertrags zwischen Welf VI. und Heinrich dem Löwen gekauft hatte, formell übertragen lässt. 

24. Juni 1179
Heinrich der Löwe kommt nicht zum Hoftag in Magdeburg

Magdeburg * Da der Welfenherzog Heinrich der Löwe auf dem Hoftag in Magdeburg - trotz Ladung - wieder nicht erscheint, verfällt er der Ächtung, die nach Ablauf von einem Jahr das Verfahren mit der Oberacht abschließt.

Mit dem Aussprechen der Oberacht würde der Herzog alle Besitzungen und Lehen verlieren. Würde er sich aber „unterwerfen“, dann wäre der Kaiser berechtigt, ihn wieder in seine Gnade aufzunehmen und teilweise oder vollständig von Neuem in seine Güter und Rechte einzusetzen. Herzog Heinrich hat also ein Jahr Zeit, sein „Unrecht“ wieder gutzumachen. 

Juli 1179
Das volksrechtliche Verfahren wird mit einem lehnsrechtlichen überlagert

Köln * Unter der Führung des Fürstbischofs Philipp von Köln überlagert die Mehrzahl der Fürsten und Bischöfe das kaiserliche volksrechtliche Verfahren mit einem Zweiten nach der strengen lehnsrechtlichen Prozessordnung.

Es geht ihnen dabei nicht um die Beschleunigung der Angelegenheit, sondern darum, dass der Kaiser das Urteil nicht mehr abmildern und die dem Löwen entzogenen Lehen und Ämter am Ende doch wieder an ihn zurückgeben kann.  

Gerade Erzbischof Philipp von Köln geht es um diese Rechtssicherheit. Der von der Kölner Kirche beherrschte westfälische Teil des Herzogtums Sachsen soll nicht wieder gefährdet sein und vor allem vor einer etwaigen Rückgabe an den Herzog geschützt werden. Deshalb verwundert es nicht, dass es erneut der Kölner Fürstbischof war, der das Verfahren nicht nur konsequent fordert, sondern es auch in Gang bringt.

13. Januar 1180
Herzog Heinrich der Löwe verliert alle Reichslehen

Würzburg * Auf dem Hoftag zu Würzburg fällen die Fürsten wegen Nichterscheinen des Beklagten ihr Urteil: Herzog Heinrich werden - noch vor dem Aussprechen der Oberacht - alle Reichslehen abgesprochen und Kaiser Friedrich Barbarossa zur Neuverteilung übertragen. Dieses Urteil kann der Kaiser weder abmildern noch darauf in anderer Form einwirken.   

Verfahrenstechnisch entscheidend für den Kölner Erzbischof Philipp ist die Vollstreckung des lehnrechtlichen Urteils noch vor der Verkündigung der volksrechtlichen Oberacht. 

13. Juli 1180
Kaiser Barbarossa widerruft die Belehnung des Herzogtums Baiern

Regensburg * Auf dem Reichstag zu Regensburg widerruft Kaiser Friedrich Barbarossa die Belehnung des Herzogtums Baiern an Herzog Heinrich dem Löwen. Das Regensburger Urteil, der zweiten für die Gründung Münchens wichtigen Kaiserurkunde, wird vom selben Fürstengremium getroffen, das den Herzog zuvor abgesetzt hat und steht damit natürlich in einem engen Zusammenhang mit der Entmachtung Heinrichs des Löwen.  

Erstmals ist darin von der Zerstörung der Brücke und der gewaltsamen Verlegung des Marktes von Föhring die Rede. Die Regensburger Kaiserurkunde bezieht sich allerdings mit keinem Wort auf den Augsburger Schied vom 14. Juni 1158. Dafür heißt es:  „Es mögen daher in Gegenwart und Zukunft alle Getreuen des Reiches wissen, dass unser geliebter Albert, Bischof von Freising, vor unserer Majestät erschienen ist und untertänig vor uns Klage geführt hat, dass der Edelmann Heinrich von Braunschweig, vormals Herzog von Baiern und Sachsen, den Markt mit der Brücke in Föhring, den seine Kirche seit uralten Zeiten ungestört in Besitz gehabt hatte, zerstört und ihn gewaltsam in den Ort München verlegt habe“.  

Die Darstellung ist knapp und sehr ungenau. Welchen Markt und welche Brücke sollte denn der Löwe zerstört haben? Lautete der erste Punkt des Augsburger Schieds vom 14. Juni 1158 doch: „Der Markt, der bisher zu Föhring abgehalten wurde, die Zollbrücke und die Münze, werden dort künftig nicht mehr bestehen“.  

Für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Stadt enthält der vierte Absatz des Kaiserdiploms eine regalrechtliche Regelung. Demnach wird dem Freisinger Bischof der Markt und die Zollbrücke übertragen. Wie künftig die Einkünfte der Münze aufgeteilt werden, darüber trifft die Urkunde jedoch keine Aussage.  

Um diesen Sachverhalt und die Berechtigung der Klage zu untermauern und eine spätere eventuelle Zurücknahme der Entscheidung zu verhindern, bietet der Freisinger Bischof eine Reihe von hochrangigen Würdenträgern als Zeugen auf.

Damit ist die Rechnung des Klage führenden Bischofs von Freising aufgegangen, indem er sich an das knapp einen Monat zuvor abgeschlossene landrechtliche Verfahren angehängt und gewonnen hat. Er hat in dieser Verfahrensweise die Gelegenheit gesehen, über eine Verurteilung des Welfenherzogs als Friedens- und Rechtsbrecher einen Gewinn für die eigene Kirche herauszuholen. Die Münchner Stadtherrschaft der Freisinger Bischöfe wird bis zum Jahr 1240 andauern. 

11. November 1181
Herzog Heinrich der Löwe muss sich dem Kaiser zu Füßen werfen

Erfurt * Herzog Heinrich der Löwe muss sich auf dem Hoftag zu Erfurt  den Kaiser zu Füßen werfen und um Gnade bitten. Mit dieser Geste ist die Entmachtung des einst einflussreichen Herzogs vollstreckt. Der Kaiser ist durch das lehnsrechtliche Urteil ohne jede Handlungsmöglichkeit.

Nur noch die Rückgabe des Eigenbesitzes gesteht man dem Ex-Herzog Heinrich dem Löwen unter der Voraussetzung zu, dass dieser sich zu einem Exil am Königshof in London - bei seinem Schwiegervater - bereit erklärt. Die deutschen Fürsten meinen, er soll künftig nicht mehr ihrem Stand angehören. 

1222
Streit um den weißen Ordensmantel

Heiliges Land * Zwischen den Templern und dem aufstrebenden Deutschen Orden kommt es zum Streit über dessen Ordenskleidung. Die Templer beanspruchen den weißen Mantel als besonderes Kennzeichen ihrer Ritterbrüder und wenden sich dagegen, dass auch Deutschordensritter diese Farbe tragen. 

Kaiser Friedrich II., ein einflussreicher Förderer des Deutschen Ordens, weist die Templer an, dessen Mitglieder wegen ihrer weißen Mäntel nicht zu behindern. Der schwarze Mantelkreuz unterscheidet die Deutschordensritter weiterhin deutlich von den Templern, die später ein rotes Kreuz auf weißem Grund tragen.

18. April 1328
Kaiser Ludwig der Baier setzt Papst Johannes XXII. wegen Häresie ab

Rom - Avignon * Kaiser Ludwig der Baier setzt Papst Johannes XXII. unter dem Vorwurf der Häresie ab und lässt den Beschluss durch eine Volksversammlung bestätigen.

Papst Johannes XXII. schickt daraufhin im Gegenzug eine Bannbulle nach Rom, worauf Ludwig der Baier für ihn die Todesstrafe wegen Ketzerei verkündet.

27. Mai 1328
Kaiser Ludwig der Baier und Papst Nikolaus V. krönen sich gegenseitig

Rom * Kaiser Ludwig der Baier und Papst Nikolaus V. krönen sich gegenseitig. Größere Bedeutung erlangt Nikolaus V. nie. Nach Ludwigs Kaiserkrönung und seiner Abreise aus Rom findet er nicht einmal mehr genug Anhänger in Italien. Sein eigentliches Ziel, den Papst in Avignon zu schwächen, ist gescheitert.

4. August 1329
Der Hausvertrag von Pavia trennt Baiern und Pfalz 

Pavia - Oberbaiern - Pfalz * Kaiser Ludwig IV., genannt „der Baier“, und die Nachkommen seines verstorbenen Bruders Rudolf I. teilen im Hausvertrag von Pavia ihre Besitzungen. 

Rudolf II., sein Bruder Ruprecht I. und ihr Neffe Ruprecht II. erhalten die Pfalz am Rhein sowie Teile des baierischen Nordgaus, die später als Oberpfalz bezeichnet werden. Ludwig und seinen Söhnen verbleibt Oberbaiern. Niederbaiern ist von der Vereinbarung ausgenommen. 

Damit entstehen eine pfälzische und eine oberbaierische Linie des Hauses Wittelsbach. Trotz der Teilung bleiben Rauten und Löwe gemeinsame Wappenzeichen der Dynastie. 

Um Januar 1330
Wilhelm von Ockham trifft mit seinen Gefährten in München ein

München * Wilhelm von Ockham trifft mit seinen Gefährten in München ein, wo er bis zu seinem Tod bleibt. Er kann seine Stellung als Berater des Kaisers festigen und hilft Kaiser Ludwig den Baiern auch im Ehestreit um Margarete von Tirol mit einem Gutachten.

Februar 1330
Der Freisinger Bischof Konrad IV. von Klingenberg flüchtet nach Österreich

Freising * Nach der Rückkehr Kaiser Ludwigs IV. des Baiern aus Italien flüchtet der Freisinger Bischof Konrad IV. von Klingenberg nach Österreich. Das Bistum wird seither vom Freisinger Dompropst Leutold von Schaunberg verwaltet. Aus Verärgerung lässt Bischof Konrad IV. von Klingenberg das Domkapitel durch Papst Benedikt XII. exkommunizieren - allerdings ohne jede Wirkung. 

1332
Die Falknerei wird zum festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens

München * Kaiser Ludwig der Baier hat festgelegt: „Es mögen auch die Ritter alle Kurzweil vol treiben, mit Pyrsen, mit Paizzen, mit Jagen“. In der Folge werden die zur Falkenjagd notwendigen und kunstvoll gearbeiteten Gerätschaften zum Statussymbol und zum Kennzeichen der Zugehörigkeit zur Oberschicht. Damit ist die Falknerei zum festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens an den Fürstenhöfen geworden.

6. November 1332
München erhält das Recht der Salzniederlage und des Salzhandels

München * Kaiser Ludwig IV. der Baier bestätigt der Stadt München das Recht der Salzniederlage und des Salzhandels. Er gibt ihr damit ein regelrechtes Salzhandelsmonopol. Von Wasserburg her darf das Salz zwischen Landshut und dem Gebirge nur bei München über die Isar gebracht werden. Die Urkunde wird - wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung - mit einer Goldbulle besiegelt. Sie gilt als Magna Charta der Stadt.  

Der Salzhandel ist - neben dem Handel mit Wein - die wichtigste Quelle des wirtschaftlichen Aufstiegs der Stadt und war schon 1158 ein Auslöser der Marktverlegung von Föhring nach Munichen. 

2. November 1341
Bei der Rückkehr vom Jagdausflug ist das Tor verriegelt

Tirol * Nachdem die elf Jahre andauernde Ehe zwischen Margarete von Tirol, später genannt „Maultasch“, und Johann Heinrich von Luxemburg kinderlos geblieben war, nimmt die 23-jährige Margarete ihr Schicksal selbst in die Hand. Bei der Rückkehr von einem Jagdausflug findet ihr 20-jähriger Ehemann das Tor von Schloss Tirol verriegelt vor.

Um 10. Dezember 1341
Margarete von Tirols Ehe wird für ungültig erklärt

Tirol * Kaiser Ludwig der Baier erklärt die Ehe der Tiroler Gräfin Margarete und ihrem Gatten Johann Heinrich von Luxemburg für „nicht vollzogen“ und damit für ungültig. 

Dass Margarete von Tirol ihren Ehemann Johann Heinrich von Luxemburg aus Schloss Tirol aussperrt, ist vermutlich mit Kaiser Ludwig dem Baiern abgestimmt gewesen, da sich dieser äußert, dass „sogleich die ganze Erde aussterben würde, käme die Fähigkeit zum Beischlaf abhanden“.

Um Januar 1342
Gegenbischof Ludwig von Kammerstein stirbt auf dem Weg nach Tirol

Freising - Tirol * Der Freisinger Gegenbischof Ludwig von Kammerstein verunglückt auf dem Weg nach Tirol und stirbt. Er sollte die erste Ehe der Margarete „Maultasch“ von Tirol mit Johannes von Böhmen auflösen und die neue mit dem Kaisersohn Ludwig V. den Brandenburger schließen.  

Daraufhin erklärt Kaiser Ludwig IV. der Baier die Ehe der Tiroler Gräfin Margarete und ihrem Gatten Johann Heinrich von Böhmen (Luxemburg) für „nicht vollzogen“ und damit für ungültig.

Der Nachfolger des Freisinger Gegenbischofs wird Leutold von Schaumburg-Julbach.

28. Januar 1342
Ludwig der Brandenburger erlässt den Großen Tiroler Freiheitsbrief

Tirol * Herzog Ludwig der Brandenburger, der älteste Sohn Kaiser Ludwigs des Baiern und künftiger Ehegatte der Gräfin Margarete von Tirol, erlässt den Großen Tiroler Freiheitsbrief. Darin

  • bestätigt er den Tirolern die Rechte des Landes und
  • verspricht ihnen, keine Steuern ohne Zustimmung der Landstände zu erheben, sowie
  • die Regierung nur nach Rücksprache mit den Landständen zu führen.
  • Außerdem darf er keine Ausländer - auch keine Baiern - in Dienst nehmen und
  • ​Margarete nicht außer Land bringen.
10. Februar 1342
Ludwig der Brandenburger heiratet Margarete „Maultasch“ von Tirol

Schloss Tirol * Herzog Ludwig V. der Brandenburger, der älteste Sohn Kaiser Ludwigs des Baiern, heiratet auf Schloss Tirol die Gräfin Margarete von Tirol, später genannt „Maultasch“. Das Paar lebte - kirchenrechtlich gesehen - 17 Jahre in wilder Ehe.

8. Mai 1342
Verbot der feuergefährlichen Stroh- und Schindeldächer

München * Kaiser Ludwig IV. der Baier erteilt der Stadt in einem 2. Gunstbrief die volle Zuständigkeit und Entscheidungsgewalt in allen Bauangelegenheiten. Bisher besaß die Kommune dieses Recht nur für den Marktplatz [siehe 4. Mai 1315].

Kaiser Ludwig vereinbart mit der Stadt - zur Verhütung von Bränden - das Verbot der feuergefährlichen Stroh- und Schindeldächer. Neu erbaute Häuser und Stadel sollen künftig mit Ziegeln gedeckt und - wenn der Bauherr das erforderliche Vermögen besitzt - auch die Wände aus Stein gemauert werden. Schmieden, die nicht aus Mauerwerk bestehen, werden abgerissen.

Durch strenge Strafbestimmungen soll der Ausbruch von Bränden verhütet werden. Feuergefährliche Betriebe müssen vor die Stadtmauern. 

1359
Eine 17 Jahre andauernde „Wilde Ehe“ wird sanktioniert

Tirol - Rom-Vatikan * Die Ehe zwischen der Gräfin Margarete „Maultasch“ von Tirol und dem Markgrafen Johann Heinrich von Mähren, die Kaiser Ludwig der Baier anno 1341 für ungültig erklärt hatte, wird nun auch vom Papst annulliert. Erst damit wird die 17 Jahre andauernde „Wilde Ehe“ von Herzog Ludwig dem Brandenburger mit Margarete von Tirol kirchenrechtlich sanktioniert. 

20. September 1378
Zwei Päpste konkurrieren untereinander

Fondi * Die protestierenden Kardinäle verlassen den päpstlichen Hof, schließen sich mit den Franzosen zusammen und wählen in Fondi Robert von Genf zum Papst Clemens VII.. Damit ist das Schisma besiegelt: Zwei Päpste konkurrieren um den Anspruch, der „wahre Inhaber der kirchlichen Höchstgewalt“ zu sein.

Das Abendländische Schisma unterscheidet sich gegenüber früheren Kirchenspaltungen fundamental. Waren es in vergangenen Zeiten meistens Könige und Kaiser, die im Streit mit dem Papst ihnen genehme Gegenpäpste einsetzten, so war die jetzige Trennung aus der Mitte der Kirche entstanden. Außerdem gleicht es einem revolutionärer Akt, dass sich das Kardinalskollegium selbst die Kompetenz zusprach, einen Papst abzusetzen und einen Nachfolger zu wählen.

Frankreich, England und Spanien erklären Clemens VII. zum rechtmäßigen Papst. Das deutsche Reich ist uneins, aber Kaiser Carl IV. und sein Nachfolger Wenzel unterstützten Urban VI., ebenso Schottland, Ungarn und weitere Territorien.

26. Mai 1388
Ein zufälliger Reliquien-Fund auf dem Andechser Burgberg

Andechs * Auf dem halbverfallenen Burgberg in Andechs machen die Herzöge Stephan und Johann unter dem Altar zufällig einen Fund. Sie entdecken eine eisenbeschlagene Holztruhe, die selbst 150 Jahre nach der Zerstörung der Andechser Burg, nicht einmal nennenswert Rost angesetzt hat, und in welcher zahlreiche Reliquien eingelagert sind. Darunter befinden sich  

  • drei Hostien,  
  • das Spottzepter und  
  • das Schweißtuch Christi,  
  • ein Teil der Dornenkrone,  
  • ein Stück der Lanze des Longonius,  
  • das Brautkleid und das Kreuz der heiligen Elisabeth,  
  • das Siegeskreuz Karls des Großen,  
  • sowie zahlreiche Hirnschalen, Rippen, Fuß- und Armknochen.  

Allerdings war bis zu ihrem wundersamen Auftauchen von diesen Reliquien niemals die Rede.  

Die baierischen Herzöge bringen das Schatzkästlein samt Inhalt in die Lorenzkapelle des Alten Hofes. Die Kapelle hat schon vorher zur Aufbewahrung der Reichsinsignien gedient. Der Aufbewahrungsort und die Art der Reliquien sind eine bewusste Anspielung auf die verlorenen Reichsinsignien.  

Ob es Zufall oder ein geschickt eingefädelter Coup ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Auch deshalb, weil gleichzeitig eine Vernebelungstaktik beginnt. Die Einträglichkeit eines solchen Fundes ist den Herzögen freilich bekannt. Und der seit 1385 begonnene Bau der Neuen Veste kostet viel Geld. 

25. März 1409
Das Konzil von Pisa beginnt

Pisa * Das Konzil von Pisa beginnt. Noch nie zuvor hat ein Kardinalskollegium - ohne Rücksprache mit Papst oder Kaiser - ein allgemeines Konzil der Gesamtkirche einberufen. Die Initiative der Kardinäle stößt auf breite Zustimmung: Über 600 Kleriker nehmen am Konzil von Pisa teil.

Die parallel einberufenen Konzilien der beiden Päpste Gregor XII. in Cividale und Benedikt XIII. in Perpignan haben nicht annähernd so viele Teilnehmer. Die überwiegende Zustimmung des Klerus zum Konzil in Pisa isoliert die beiden Päpste auf Dauer.

Das Konzil von Pisa zitiert die Päpste Gregor XII. und Benedikt XIII. nach Pisa und macht ihnen nach deren Weigerung einen förmlichen Ketzerprozess als hartnäckige Schismatiker. Damit ist die entscheidende Grundlage für das weitere Vorgehen geschaffen.

Um den 10. April 1504
Herzog Albrecht IV. erhält finanzielle und militärische Hilfe

München * Herzog Albrecht IV. von München-Oberbaiern erklärt sich bereit, die Gerichte Kufstein, Kitzbühel und Rattenberg an König Maximilian I. für seine Vermittlungstätigkeiten abzutreten. König Maximilian I. sagt ihm daraufhin eine finanzielle Unterstützung und 10.000 Mann als Hilfstruppe zu. 

23. April 1504
König Maximilian I. verhängt über Herzog Ruprecht die Reichsacht

Augsburg * König Maximilian I. belehnt den Münchner Herzog Albrecht IV. mit den Ländern von Herzog Georg dem Reichen und verhängt über Herzog Ruprecht von der Pfalz und seinen Anhängern die Reichsacht. 

Herzog Albrecht IV. und sein Sohn Herzog Wilhelm IV. verfügen über ein Heer von insgesamt 60.000 Mann. Diese setzen sich zusammen aus baierischen und königlichen Truppen sowie der Reichstadt Nürnberg, die alleine 5.000 Mann stellt, und andere Unterstützer wie der Schwäbische Bund, Herzog Ulrich von Württemberg und Markgraf Friedrich II.. 

30. Juli 1505
Der Kölner Schiedsspruch beendet den Landshuter Erbfolgekrieg

Köln * Der Kölner Schiedsspruch des römisch-deutschen Königs Maximilian I. beendet den Landshuter Erbfolgekrieg.  

  • Die wittelsbachischen Teilherzogtümer München-Oberbaiern und Landshut-Niederbaiern werden wieder vereinigt.  
  • Das Landshuter Erbe wird geteilt zwischen dem Pfalzgrafen, den bairischen Herzögen und König Maximilian I..  
  • Das Fürstentum Pfalz-Neuburg wird gebildet. 
8. Juli 1506
Das Primogeniturgesetz legt die Unteilbarkeit Baierns fest

München * Im sogenannten „Primogeniturgesetz“ legt Herzog Albrecht IV. die Unteilbarkeit Baierns fest. Künftig soll nur mehr der erstgeborene Sohn im Baiernland herrschen soll. Für die nachgeborenen Söhne müssen die herzoglichen Familienväter anderswo Einnahmen und Finanzquellen eröffnen. 

Als sich Baiern während der Gegenreformation nicht nur eindeutig zur katholischen Sache bekennt, sondern auch mit allen Mitteln dafür eintritt, bieten sich zur standesgemäßen Versorgung die kirchlichen Pfründe für eine Sekundogenitur geradezu an. 

Gleichzeitig kann damit Baierns politischer Einflussbereich erheblich vergrößert werden. Das Ziel der baierischen Kirchenpolitik ist der zur Kaiserwahl wichtige Kölner Erzbischofsstuhl und - mit ihm verbunden - möglichst viele Bischofsstühle zwischen Hildesheim und Lüttich, aber auch in Freising und Regensburg. 

12. Januar 1519
Kaiser Maximilian I. stirbt auf der Burg in Wels

Wels * Kaiser Maximilian I. stirbt gegen 3 Uhr früh auf der Burg in Wels im Alter von 60 Jahren. Zur Buße hat er verfügt, dass seine Leiche gegeißelt, seine Haare geschoren und seine Zähne eingeschlagen werden. Dennoch seien seine Pferde in Tränen ausgebrochen und hätten in tiefer Trauer tagelang nichts gefressen. 

Suchbegriffe: Wels
8. Mai 1521
Über Martin Luther wird die Reichsacht verhängt

Worms * Als Folge der päpstlichen Bannbulle vom 3. Januar 1521 wird in Worms von Kaiser Carl V. das Edikt gegen Martin Luther erlassen.

  • Über Luther wird die Reichsacht verhängt und außerdem
  • das Lesen und die Verbreitung seiner Schriften verboten. 
  • Luther kann von jedermann, der seiner habhaft wird, an Rom ausgeliefert werden. 
  • Seine Beherbergung ist bei Strafe verboten. 
10. Juni 1530
Großer Empfang für Kaiser Carl V.

München * Kaiser Carl V. hält sich vom 10. bis zum 14. Juni in München auf. Der Besuch des Kaisers ist natürlich der gesellschaftliche Höhepunkt der Residenzstadt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Als sich am Freitag vor Pfingsten der ranghöchste deutsche Adelige in Begleitung seines Bruders, König Ferdinand von Böhmen, mehreren Herzögen, Mark- und Pfalzgrafen sowie geistlichen Würdenträgern, den Mauern der Stadt nähert, veranstalten die Münchner ein Riesenspektakel mit einer unglaublichen Prachtentfaltung. 

10. Juni 1530
Ein Manöverspiel für die kaiserliche Gefolgschaft

Ramersdorf - Haidhausen - München * Die kaiserliche Gefolgschaft wird kurz hinter Ramersdorf, auf einer Lüften genannten Schafweide, von einer festlich herausgeputzten Ritterschar begrüßt, die den Rahmen für ein Manöverspiel bilden.

Wie der Historiker Sigmund Riezler in seiner Baierischen Geschichte berichtet, ist hier „mit den herzoglichen Heerpaukern und Trompetern die Reiterei der Landsassen und Hofbeamten aufgestellt, 550 Pferde stark, darunter etwa 300 in vollständiger Rüstung, Blankharnisch, Armzeug, Knieköpfen, die Rosse mit Eisenstrinen, alle in roten Röcken mit dem herzoglichen Wappen auf dem Ärmel, eine buntschimmernde Masse, überragt von langen, schwarz und weiß bemalten Spießen mit schwarzen Fransen. An den Anführern bewundert man damastene Röcke, goldene Ketten und vergoldete Waffen“.

Jeder Reiter hat hinter sich einen Pagen, der ihm die Lanze und den Helm mit wallenden Federn trägt. Ein alter Kriegsmann, der Ritter Dietrich von Knöringen, befehligt diese glänzende „cavalli alla borgognona“.

Um den Empfangsplatz bilden einhundert Feldgeschütze - Quartanen, Schlangen, Falkonetlein und Mörser - einen Halbkreis, wobei die Zuschauer ganz besonders eine achtzehn Fuß lange, hölzerne, mit Eisenringen umwickelte Büchse interessiert. Diese haben baierische Truppen im Jahr 1525 vor Rastatt den aufständischen Bauern abgenommen. 

10. Juni 1530
Ein Manöver mit vielen Toten und Verletzten

München - Haidhausen * Der eigentliche Höhepunkt soll aber erst rund achthundert Meter weiter kommen, etwa an der Stelle des heutigen Rosenheimer Platzes. Dort ist innerhalb von wenigen Tagen - fast nach Hollywood-Manier - eine wehrhaft aussehende Burg mit vier Türmen und Bastionen aus Holz, Leinwand und Farbe errichtet worden. Alles wirkt sehr realistisch.

In der Festung warten einhundert schwerbewaffnete Männer, bis die Gäste auf der Ehrentribüne Platz genommen haben. Auf ein Zeichen Herzog Wilhelms IV. rücken die von Ramersdorf kommenden Angreifer heran und es kommt unausweichlich zur Schlacht, bei der sechzehnhundert Mann unter ohrenbetäubendem Kriegsgeschrei das Schloss stürmen.

Nachdem einige an die Mauern gelehnte Sturmleitern von den Verteidigern der Burg umgestoßen worden sind und sich dabei die Angreifer und das nachdrängende Fußvolk etliche Blessuren zugezogen haben, „überkam beide Seiten eine große, unbändige Wut“, schreibt unser Zeitzeuge. Und da es sich sowohl bei der Burgbesatzung als auch bei den Angreifern um „temperamentvolle, rauflustige und keine Schmähung duldende Altbaiern” handelt, wird aus dem zur Ergötzung des Kaisers veranstaltetem Scheingefecht sehr schnell blutigster Ernst.

Die Manöver-Gegner dreschen derart rabiat aufeinander ein, dass am Ende acht Tote und eine unbekannte Zahl von Männern verletzt liegen bleibt. Das wird von den Ehrengästen auf ihren Tribünen natürlich nicht bemerkt. Immerhin erhalten die Getöteten ein Begräbnis auf dem Salvatorfriedhof und deren Witwen und Waisen ein jährliches Gnadengeschenk aus der landesherrlichen Privatschatulle.

Auf dem Manöverfeld schießen die Angreifer die Burg später schließlich noch in Trümmer und Fetzen. Der Chronist vermerkt: „Mit ungeheuerem Krachen entluden sich alle Geschütze auf einmal.” Immerhin zeigt sich Kaiser Carl V. von dem Manöver und der dabei gezeigten baierischen Kampfkraft mächtig beeindruckt.

10. Juni 1530
Begrüßung mit Prachtentfaltung und lebenden Bildern

München - Haidhausen * Nach der Schlacht bei Haidhausen setzt sich der Festzug wieder in Richtung München in Bewegung. Als die hochrangigen Persönlichkeiten von der Stadt aus sichtbar werden, beginnt ein aufwendig inszenierter Empfang:

  • In ganz München läuten die Glocken.
  • Von Türmen und Stadtmauern werden Salutschüsse abgefeuert.
  • Auf der Isarbrücke findet ein Fischerstechen statt.
  • Über dem Isartor schwebt ein Ballon in Gestalt eines fliegenden Drachens.
  • Noch darüber ziehen weiß-blaue Fahnen mit dem bayerischen Wappen vorbei – getragen von einem Schwarm Tauben.

Entlang des weiteren Weges erwarten die Gäste die damals beliebten „lebenden Bilder“ – aufwendig inszenierte Schauspiele mit drastischen Szenen. Je blutiger die Darstellung, desto größer offenbar das Interesse. An diesem Pfingstfreitag bekommen die Münchner reichlich Spektakel geboten.

  • Auf einer Bühne bei der Hochbrücke im Tal wird die Geschichte der biblischen Königin Esther gezeigt, die als Gemahlin des persischen Königs Xerxes I. ihrem jüdischen Volk zur blutigen Rache verhilft.
  • Das zweite Bild zeigt die Skythenkönigin Tomyris, wie sie das abgeschlagene Haupt des Perserkönigs Cyrus in einen Eimer voller Blut stößt. „Der Schauplatz bei den städtischen Fleischbänken war dafür nicht übel gewählt“, bemerkt der Historiker Siegmund Riezler trocken.
  • Auf einer dritten Bühne in der Burgstraße lässt der Perserkönig Cambyses II. einen ungerechten Richter hinrichten, dessen Haut abziehen und damit einen Sessel beziehen. Auf diesem muss der Sohn des Verurteilten Platz nehmen – als Mahnung, künftig gerecht zu urteilen.
  • Weitere Darstellungen zeigen das Herausreißen eines Herzens aus der geöffneten Brust eines Opfers und ähnliche Grausamkeiten, die vom Publikum offenbar mit Zustimmung aufgenommen werden. Lediglich der Kaiser zeigt sich laut einem Augenzeugen „ein wenig befremdet ob des vielen Blutes“.

Der päpstliche Legat Lorenzo Campeggi soll dazu angemerkt haben, die Szenen seien nicht ohne versteckte Anspielung inszeniert worden: Man könne sie als Warnung an die „Ketzer“ verstehen – für den Fall, dass diese den von Seiner Majestät angebotenen Gottesfrieden nicht annähmen, werde man zu härteren Mitteln greifen. 

11. Juni 1530
Das Programm für Kaiser Carl V. geht weiter

München - Perlach * Das Programm für Kaiser Carl V. geht weiter. Die Gäste und die Gastgeber pflegen das Waidwerk und begeben sich zur Hirschjagd auf die Perlacher Haid. Mehr als einhundert Hirsche finden bei dieser eingestellten Jagd den Tod. Der päpstliche Legat Campeggi würdigt das Abschlachten von zuvor eingefangenen Tieren später als „schönste Hirschjagd der Welt“. 

11. Juni 1530
Ein 70.000 Gulden teuerer Prunk und Glanz für den Kaiser

München-Graggenau * Danach gibt es im Lusthaus im Hofgarten ein Menü. „Um ein Uhr nachts“, nach dem 32. Gang, gibt der Kaiser das Zeichen zum Aufbrechen. Man verlässt den Hofgarten, um anschließend am Tanz im Rathaus teilzunehmen, wo „die schönsten Frauen des Landes bis gegen vier Uhr früh morgens im Reigen sich schwangen“.

Der 70.000 Gulden teuere Prunk und Glanz soll beim Habsburger Kaiser den Eindruck entstehen lassen, dass bei den Wittelsbachern kein Mangel besteht. Das dazu notwendige Geld hat der Baiernherzog Wilhelm IV. ein Jahr zuvor dem Volk als Türkenkriegssteuer abgepresst. 

14. Juni 1530
Kaiser Carl V. verlässt München in Richtung Augsburg

München - Augsburg * Kaiser Carl V. und sein Gefolge verlassen München in Richtung Augsburg, wohin er einen Reichstag einberufen hat. Dort sollen die Religionsparteien geeinigt werden, doch der Kaiser will „die lutherische Ketzerei in Deutschland mit Stumpf und Stil ausrotten“. Denn genau dieses Versprechen hat er am 24. Februar 1530 Papst Clemens VII. ja gegeben.

1534
Die Gesellschaft Jesu wird gegründet

Rom * Die Gesellschaft Jesu wird von dem ehemaligen Offizier Ignatius von Loyola gegründet und wie ein Militärverband aufgebaut. Ihr Tätigkeitsfeld sehen die Jesuiten vor allem in der geistigen Erneuerung und Seelsorge. In der Folgezeit entwickelt er sich zum Kampforden der katholischen Kirche.

Der Jesuit Lamormain wird viele Jahre später behaupten: „Wenn es nicht die Schulen der Gesellschaft gegeben hätte, die nach dem weisen Ratschluss der Kaiser und Erzherzöge in Wien, Prag, Graz, Olmütz und anderenorts in Deutschland gegründet wurden, dann wäre von der katholischen Religion kaum eine Spur übrig geblieben.“

1544
Baiern kennt nur die Strafbarkeit des Schadenszaubers

München - Herzogtum Baiern * Im Herzogtum Baiern orientiert man sich vorläufig noch an dem Strafrechtskommentar des Andreas Perneder. Diese ist für die Strafrechtspraxis im Herzogtum wichtiger als die von Kaiser Carl V. im Jahr 1532 erlassene Constitutio Criminalis Carolina.  

Der baierische Kommentar kennt nur die Strafbarkeit des Schadenszaubers. Den sonstigen Aberglauben, insbesondere die weiße Magie, hält Perneder dagegen nicht für strafbar. 

1572
Heinrich Schobinger kommt in den Besitz des Zaichingerhofes

Bogenhausen * Durch die Heirat mit Juliana Stadler im Jahr 1572 gelangt der Kaufmann und Waffenschmied Heinrich Schobinger der Jüngere in den Besitz des Zaichingerhofs an der Ismaninger Straße (109). 

Schobinger, Inhaber zahlreicher Ämter sowohl in der Münchner Bürgerschaft als auch im Dienst der baie­rischen Herzöge, Kurfürsten und des Kaisers, stammt aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Wyl im Kanton St. Gallen, die sich Anfang des 16. Jahrhunderts in München niedergelassen hat.

5. Dezember 1577
Fürstbischof Ernst stellt sich zur Wahl

Köln * Ernst, der Bischof von Freising, Lüttich und Hildesheim, tritt - unterstützt von Papst und Kaiser - als Kandidat für die Nachfolge des Kölner Fürstbischofs Salentin von Isenburg an. Doch bei der Wahl erhält 

  • Gebhard Truchsess von Waldburg-Trauchenburg vom Kölner Domkapitel zwölf Stimmen, 
  • Herzog Ernst von Baiern kommt auf zehn, 
  • zwei Stimmen sind ungültig. 

Daraufhin leitet das baierische Herzogshaus eine Wahlanfechtung in die Wege. 

2. Februar 1582
Der Kölner Kurfürst Gebhard von Waldburg-Trauchenburg heiratet

Bonn * Der Kölner Kurfürst Gebhard Truchsess von Waldburg-Trauchenburg heiratet Agnes von Mansfeld in Bonn. Außerdem will er das Kölner Kurerzstift säkularisieren und den Protestantismus einführen. Der Papst fordert Waldburg-Trauchenburg auf, von seinen Plänen Abstand zu nehmen, denn sein Erfolg hätte 

  • die Balance zwischen den Konfessionen zu Lasten des Katholizismus stark verändert. 
  • Ganz Nordwestdeutschland droht protestantisch zu werden. 
  • Auch die katholische Mehrheit für die Kaiserwahl wackelt plötzlich gewaltig. 
4. Oktober 1582
Umstellung des Kalenders bei den Katholiken

Rom-Vatikan * Papst Gregor XIII. reformiert den auf die Antike zurückgehenden Julianischen Kalender, um damit die Nachtgleichen wieder mit dem Kalender in Übereinstimmung zu bringen. Auf den 4. Oktober soll der 15. Oktober 1582 folgen.

Kaiser Rudolph II. fordert daraufhin die Reichsstände auf, den neuen Gregorgianischen Kalender einzuführen. Doch während die Katholischen Stände den Kalender annehmen, lehnen ihn die Evangelischen Stände aus konfessionellen Gründen ab.

Damit werden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zwei Kalender mit unterschiedlicher Tageszählung benutzt, was die Handels- und Rechtsgeschäfte massiv beeinträchtigt. Das bleibt so bis zum 17. Februar 1700 so.

Das Kölner Domkapitel wählt Bischof Ernst zum Erzbischof von Köln
23. Mai 1583
Das Kölner Domkapitel wählt Bischof Ernst zum Erzbischof von Köln

Köln * Das Kölner Domkapitel wählt den 28-jährigen baierischen Herzog Ernst, der bereits Herr über die drei Bistümer Freising, Hildesheim und Lüttich ist, einstimmig zum neuen Kölner Erzbischof und Kurfürsten. Damit ist die katholische Mehrheit bei der Kaiserwahl wieder gesichert. Zum Dank wird Fürstbischof Ernst unmittelbar nach seiner Wahl vom Papst bestätigt, obwohl das Konzil von Trient eine derartige Ämterhäufung strikt untersagt hat. Für das baierische Haus Wittelsbach bringt der Erfolg einen erheblichen Bedeutungszuwachs. 

  • Mit dieser Wahl erhält er den ersten Kurhut für die baierisch-wittelsbachischen Fürsten. Das Herzogtum Baiern erreicht mit Maximilian I. erst vierzig Jahre später diese Rangerhöhung. 
  • Außerdem sollen baierische Prinzen in den nächsten 178 Jahren die Kölner Kurwürde erreichen und viele Bistümer in Nordwestdeutschland regieren. 
  • Mit der Wahl Ernsts zum Kurfürsten wird eine protestantische Mehrheit im Kurkolleg, das den Kaiser wählt, verhindert. 
  • Kurfürst Ernst kann allerdings nur geschützt von baierischen Waffen in Köln einziehen. 
18. Januar 1598
Erzherzog Ferdinand II. bedankt sich für die erteilte Ehedispens

Wien - Rom-Vatikan * Erzherzog Ferdinand II. bedankt sich bei Papst Clemens VIII. für die erteilte Ehedispens mit Herzogin Maria Anna von Baiern. Zuvor waren von protestantischer Seite Angriffe auf das Paar unternommen worden.

Beanstandet wurden der beträchtliche Altersunterschied, wobei die 24-jährige Maria Anna lediglich vier Jahre älter als Ferdinand II. war, dann die Hässlichkeit der Braut und schließlich die nahe Verwandtschaft der Geschwisterkinder. [Ferdinands Mutter Erzherzogin Maria war die Schwester von Maria Annas Vater Wilhelm V..]  Schon deshalb musste der päpstlicher Dispens eingeholt werden.

26. April 1607
Die Protestanten belagern das Kloster Heiligkreuz in Donauwörth

Donauwörth * Zur nächsten Markusprozession schickt der Kaiser Kommissare nach Donauwörth, die einen geregelten Ablauf sicherstellen sollen. Doch die Protestanten belagern das Kloster Heiligkreuz und lassen weder die Kommissare noch die Katholiken zur Prozession aus dem Kloster. Der ausschließlich aus Protestanten bestehende Stadtrat toleriert dieses Verhalten.

3. Juni 1609
Der Kaiser überlässt dem baierischen Herzog die Reichsstadt Donauwörth

München - Wien * Herzog Maximilian I. präsentiert dem Kaiser für die Exekution von Donauwörth eine Rechnung in Höhe von 255.403 Gulden. Kaiser Rudolf II. verpfändet daraufhin dem baierischen Herzog dafür die Reichsstadt Donauwörth. Maximilian I. lässt umgehend die Ausübung des protestantischen Glaubens verbieten und führt die Gegenreformation und damit die Rekatholisierung ein.

9. Juli 1609
Kaiser Rudolf II. stellt den Majestätsbrief aus

Prag * Kaiser Rudolf II. und zugleich König von Böhmen stellt den sogenannten Majestätsbrief aus. Er gewährt den evangelischen Landständen des Königreichs Böhmen besondere Privilegien zu. Der Majestätsbrief beinhaltet

  • das Recht der Stände den König zu wählen,
  • er erlaubt den Protestanten den Bau von Kirchen und Schulen in den Städten und auf dem Land,
  • er beendet die gegenreformatorischen Bestrebungen der katholischen Adeligen, indem er die gewaltsame Bekehrung der Untertanen verbietet, und
  • er überträgt den Protestanten die bis dahin angeeigneten Kirchengüter.
17. Februar 1612
Kölns Kurfürst und Erzbischof Ernst stirbt bei der Jagd

Arnsberg - Köln * Kölns Kurfürst und Erzbischof Ernst stirbt bei einem Jagdausflug im westfälischen Arnsberg in Westfalen. Er wird im Kölner Dom beigesetzt. Sein Nachfolger wird der jüngste Sohn von Herzog Wilhelm V., Herzog Ferdinand von Baiern, der Bischof von Lüttich.

Er erhält nun zusätzlich das Bistum Köln einschließlich der Kurfürstenwürde, dazu die Bistümer Hildesheim und Münster, ohne dass dagegen der Papst, der Kaiser oder die Fürsten einschreiten. Nur das Freisinger Domkapitel widersteht allen Einschüchterungsversuchen des Münchner Hofs. 

Ferdinand zeigt sich als kompromissloser Vorkämpfer einer kirchlichen Restauration auf der Grundlage des Trienter Konzils. Trotzdem weigert er sich lebenslang, die höheren Weihen zu empfangen und als konsekrierter Bischof seiner Ämter zu walten. Selbst die Jesuiten in seiner Umgebung, die als ständige Berater und Beichtväter die einflussreichsten Positionen einnehmen, können Ferdinand diese Entscheidung nicht abringen. 

29. Juni 1617
Die böhmischen Landstände wählen Erzherzog Ferdinand zum König

Prag * Aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustandes wählen die böhmischen Landstände Erzherzog Ferdinand - noch zu Lebzeiten von Kaiser und König Matthias - zum designierten König von Böhmen, nachdem auch er die im Majestätsbrief garantierten Freiheiten und Privilegien beeidet. Erzherzog Ferdinand II. wird von dem böhmischen Ständen - trotz seines bekanntermaßen kämpferischen Katholizismus - zum König gewählt und im Prager Veitsdom feierlich gekrönt.

Doch die an den herzoglichen, königlichen und kaiserlichen Höfen sitzenden und Einfluss habenden Jesuiten wollen - ebenso wie der spanische Hof - die Bestimmungen des Majestätsbriefes rückgängig machen. Sie ersinnen eine Gegenstrategie, in deren Folge zwei protestantische Kirchen abgerissen werden.

Um März 1618
Die protestantischen Landstände in Böhmen beschweren sich beim Kaiser

Prag * Die protestantischen Landstände in Böhmen rufen einen Landtag ein, auf dem sie die im Majestätsbrief gewährten Rechte verletzt sehen und beim Kaiser Beschwerde einlegen.

Dessen Antwort ist kurz und bündig. Er verbietet weitere Sitzungen des Landtags und setzt damit den Majestätsbrief faktisch außer Kraft.

23. Mai 1618
Die Delinquenten werden defenestriert und landen auf dem Misthaufen

Prag * Die Ständevertreter begeben sich in das Schloss auf dem Hradschin, um die kaiserlichen Beamten zur Rede zu stellen. Es kommt zu einem heftigen Streit, in dessen Folge die Aufständischen zwei Statthalter Ferdinands samt deren Sekretär aus einem Fenster der Burg werfen. Doch die katholischen Statthalter überleben, was in der katholischen Propaganda umgehend zu einer Engels- und Marienerscheinung und damit zu einem Wunder umgedeutet wird.

Weniger pathetische Stimmen sprechen von einem Misthaufen der den Sturz abgemildert hat. Doch auch einen Misthaufen hätten - nach einem freien Fall aus 18 Metern Höhe - drei Ungeübte nicht so leicht überstanden, dass sie hinterher noch in der Lage gewesen wären wegzulaufen. Die Lösung liegt wahrscheinlich an der unter dem Fenster schräg verlaufenden Wand. Durch die kleinen Fenster konnten die Delinquenten nicht mit Schwung „defenestriert“ werden und so nach unten rutschen.

Die Ereignisse auf der Prager Burg stilisieren die katholischen Propagandisten zur Staatsaffäre hoch. Der Prager Fenstersturz ist die Initialzündung für den Dreißigjährigen Krieg.

21. November 1618
Peter Ernst II. Graf von Mansfelds Truppen erobern Pilsen

Pilsen * Peter Ernst II. Graf von Mansfeld gelingt nach einem 15-stündigen Kampf die Einnahme der habsburgtreuen Stadt Pilsen. Es ist der erste Belagerungskampf des Dreißigjährigen Krieges. Pilsen gilt als bedeutendster Stützpunkt der katholischen Kaisertreuen und hatte sich dem Böhmischen Aufstand nicht angeschlossen.

Der Söldnerführer Graf von Mansfeld lässt nach der gewonnenen Schlacht einen Galgen errichten, an dem als Erster der Pilsener Henker sein Leben lässt. Ihm wird nachgesagt, dass er sich bei der Verteidigung der Stadt als Scharfschütze mit einer stets treffenden Teufelskugel hervorgetan hätte. Die meisten Verteidigererhalten aber einen freien Abzug, heuern aber hinterher bei der Mansfeldschen Armee an.

Nach dem Fall von Pilsen bekommt die protestantische Sache in Böhmen großen Auftrieb. Der Kaiser verhängt zur Strafe die Reichsacht über Mansfeld. 

20. März 1619
König Ferdinand will in Prag die Regierung antreten

Wien * Matthias, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, stirbt in Wien. Umgehend, als sei nichts gewesen, teilt König Ferdinand den Böhmischen Ständen in Prag mit, dass er gewillt sei, jetzt die Regierung anzutreten. Im gleichen Brief bestätigt er den böhmischen Landständen alle bisherigen Privilegien und Freiheiten.

Doch die Böhmen glauben die Zusagen des Habsburgers nicht mehr und akzeptieren unter den gegebenen Umständen den als Gegenreformatoren bekannten Erzherzog nicht mehr als ihren König. Als Alternative schlagen sie Jan Smirický, einen schwerreichen böhmischen Adeligen zur Wahl vor. Das ist - in dieser stockaristokratischen Welt - nun wirklich revolutionär.

8. Oktober 1619
Herzog Maximilian I. wird großzügig entschädigt

München * Herzog Maximilian I. von Baiern sichert Kaiser Ferdinand II. im Münchner Vertrag die Unterstützung der Liga - unter seinem Oberbefehl - gegen das aufständische Böhmen zu. Kaiser Friedrich II. sagt dem Baiernherrscher

  • das uneingeschränkte Direktorium über die katholische Liga zu 
  • und garantiert ihm Ersatz für alle Unkosten, die er beim Krieg gegen Böhmen haben würde. 
  • Bis zur endgültigen Abrechnung sind ihm pfandweise österreichische Länder zu übertragen.

Nur mündlich erhält Herzog Maximilian I. das kaiserliche Versprechen, dass Kurfürst Friedrich V. geächtet und die pfälzische Kurwürde nach Baiern verlagert wird.

Oktober 1620
Die „Rebellion von Prag“ ist der erhoffte Anlass zum Krieg

Prag * Für Erzherzog Ferdinand ist die „Rebellion von Prag“ der erhoffte Anlass, um gegen die „böhmischen Stände“ loszuschlagen.

Die „Ständevertreter“ interpretieren ihre Gewalttat als Notwehr, doch für den habsburgischen Kaisersohn ist die kriegerische Niederwerfung der „Aufständischen“ unausweichlich geworden.
Die dafür notwendige Finanzierung soll durch die eingezogenen Güter der „Rebellen“ sichergestellt werden.
Außerdem soll „der Schrecken der Hinrichtungen die Stände zum Gehorsam zwingen“.

In Prag geht inzwischen das Gerücht um, dass die „Jesuiten“ eine „Bluthochzeit“, also die Ermordung der Protestanten, planen. Andererseits streuen die kaiserlich Gesinnten das Gegengerücht, wonach die „böhmischen Stände“ vom „türkischen Kaiser Hilfe begehrt hätten“.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den „Kaiserlichen“ und den „Böhmischen“ beginnen.

Am Morgen des 8. November 1620
Die Schlacht am Weißen Berg entbrennt

Prag * Der Karmeliten-Pater Dominicus a Jesu Maria tritt mit einem von kalvinistichen Bilderstürmern geschändeten Marienbild um den Hals und dem Kreuz in der Hand vor die Söldnertruppen und ruft im mitreißenden Glaubenseifer zum Kampf auf. Engel würden die katholische Sache zum Sieg führen. Der Schlachtruf lautet: „Maria!“

Am Weißen Berg entbrennt der Kampf gegen das böhmische Ständeheer. Eine Übermacht von 32.400 kaiserlichen Infanteristen und 7.550 Reitern tritt gegen 8.000 böhmische Fußsoldaten und 5.000 Kavalleristen an. In nur einer einzigen Stunde erringen die Kaiserlichen einen triumphalen Sieg über die böhmischen Rebellen.

Domenicus a Jesus Maria stilisiert anschließend den Kampf zu einer Schlacht des Katholizismus gegen den Unglauben hoch. Die vernichtende Niederlage des protestantischen Heeres wird dementsprechend als Sieg des Katholizismus und schließlich als göttliches Wunder umgedeutet.

Im Morgengrauen des 9. November 1620
Der „Winterkönig“ Friedrich V. flieht Hals über Kopf

Prag * Der „Winterkönig“ Friedrich V. flieht Hals über Kopf von der Burg. Der Prager Hradschin ist damit wieder fest in der Hand des katholischen Kaisers.

Friedrich V. wird zum Rädelsführer einer „im Reich teutscher Nation niemalen erhört, gesehenen noch gelesenen Rebellion“ erklärt und unter „des Heiligen Reichs Acht“ gestellt. „Seine Liebden“ Maximilian habe über das Heer der Rebellen „durch Verleyhung Göttlicher Gnaden und Beistand obgesiegt“.

22. Januar 1621
Herzog Maximilian I. heimlich als Kurfürst vorgesehen

Wien * Der als „Winterkönig“ verunglimpfte wittelsbachisch-pfälzische Kurfürst Friedrich V. wird vom Kaiser geächtet und verliert seine Kurfürstenwürde sowie die Oberpfalz. 

Erst mit der Reichsacht gegen Friedrich V. entsteht die juristische Voraussetzung, um die Kurwürde neu zu übertragen und die Lehen neu zu vergeben. Baierns Herzog Maximilian I. erhält zwar die politische Zusage, doch der Kaiser kann die Kurwürde nicht einfach privat vergeben, weil sie 

  • Teil der Reichsverfassung ist [= Goldene Bulle],
  • das Gleichgewicht der Kurfürsten verändern und dadurch
  • protestantischen Widerstand provozieren würde.

In der Folge soll auch die Bevölkerung wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurückgeführt werden. Die Oberpfalz war 

  • zwischen 1556 und 1563 lutherisch, 
  • zwischen 1563 und 1576 calvinistisch reformiert, 
  • zwischen 1576 bis 1583 wieder lutherisch und 
  • zwischen 1583 und 1628 erneut calvinistisch. 
22. Januar 1621
Kaiser Ferdinand II. erklärt Friedrich V. zum Reichsfeind

Wien * Kaiser Ferdinand II. erklärt Friedrich V. zum Reichsfeind - ohne die üblichen Formvorschriften zu erfüllen. Dadurch kann der Habsburger sein Versprechen gegenüber Herzog Maximilian I. von Baiern erfüllen: Die Belehnung mit der pfälzischen Kur. 

21. Juni 1621
In Prag wird ein blutiges Gericht über die Aufständischen gehalten

Prag * Nach dem Zusammenbruch des Böhmischen Aufstands und der Flucht des Winterkönigs Friedrich V. lässt Kaiser Ferdinand II. - vor dem Altstädter Rathaus in Prag - ein blutiges Gericht über seine Anhänger halten.

43 Todesurteile gegen protestantische böhmische Adelige werden gesprochen, 27 werden an diesem Tag öffentlich vollstreckt. 24 durch das Schwert, drei am Galgen. Zwölf der abgeschlagenen Köpfe werden zur Abschreckung am Prager Brückenturm aufgesteckt und erst zehn Jahre später durch die sächsische Besatzungsmacht entfernt. 

7. Januar 1623
Der Regensburger Fürstentag beginnt

Regensburg * Der Regensburger Fürstentag beginnt. Um die Verhältnisse nach der Niederschlagung des Böhmischen Aufstands zu regeln, lädt Kaiser Ferdinand II. die Regenten aus Köln, Mainz, Trier, Kursachsen, Brandenburg, Braunschweig-Wolfenbüttel, Pommern, Hessen-Darmstadt, Baiern, Salzburg und Bamberg zu einem Treffen nach Regensburg.

Bis auf Hessen-Darmstadt lehnen alle protestantischen Fürsten die Teilnahme ab. Sachsen und Brandenburg entsenden lediglich Beobachter zu dieser Besprechung. 

25. Februar 1623
Maximilian I. erhält die Kurwürde auf Lebenszeit

Regensburg * Kaiser Ferdinand II. löst sein Versprechen ein und belehnt Herzog Maximilian I. von Baiern auf dem Regensburger Fürstentag mit der pfälzischen Kur des gestürzten „Winterkönigs“ Friedrich V..

  • Wie verabredet erhält Maximilian I. die Kurwürde nur auf Lebenszeit.
  • Damit verbunden erhält Baiern die Oberpfalz als Pfandbesitz.
  • Die Rheinpfalz kommt unter baierische und spanische Verwaltung.

Damit ist die katholische Mehrheit im siebenköpfigen Kurfürstenkollegium gesichert. Die baierischen Wittelsbacher besitzen nun - mit Köln - über zwei der sieben Kurwürden. 

4. Oktober 1624
Der Beginn der Rekatholisierung in Oberösterreich

Wien - Oberösterreich * In das von Kaiser Ferdinand II. an das Herzogtum Baiern verpfändete Oberösterreich soll eine Reformkommission die evangelisch gewordenen Untertanen wieder katholisch machen. Durch ein Patent Kaiser Ferdinands II. wird die Ausweisung aller evangelischen Schulmeister und Prediger im Lande ob der Enns verfügt.

Da die freigewordenen Pfarrstellen nicht mit einheimischen Pfarrern besetzt werden können, holt man italienische Priester aus dem italienischen Teil Tirols. Diese sprechen kaum deutsch und können deshalb die Messe, wie es zuvor üblich war, nicht in der Landessprache halten. 

10. Oktober 1625
Eine Religionsedikt für Oberösterreich

Wien - Oberösterreich * Nach einer kaiserlichen Instruktion wird in dem von Baiern besetzten Oberösterreich durch ein Religionsedikt die totale Gegenreformation eingeführt.

Alle protestantischen Einwohner Oberösterreichs müssen bis Ostern 1626 katholisch werden - oder auswandern. Wer sich zu diesem Schritt entschließt, muss zehn Prozent seines Vermögens als Nachsteuer bezahlen. 

Um den 25. November 1626
Die aufständischen Bauern werden in vier blutigen Schlachten geschlagen

Oberösterreich * Eine baierisch-kaiserliche Armee besiegt in vier blutigen Schlachten die sich tapfer und verzweifelt wehrenden Bauern in Oberösterreich vollständig. 8.000 Bauern kommen dabei ums Leben.

Ende November herrscht wieder Ruhe im Land. Ein weiterer Widerstand der Untertanen ist nicht mehr zu befürchten. 

1628
Kurfürst Ferdinand von Köln verstärkt die Hexenverfolgung

Köln * Kurfürst Ferdinand von Köln, sowie Bischof von Lüttich, Hildesheim, Münster und Paderborn, erlässt eine überarbeitete Hexenprozessordnung, in der er die Regelungen der kaiserlichen Halsgerichtsordnung - Constitutio Criminalis Carolina verschärft und den Einsatz der Folter erleichtert. 

22. Februar 1628
Kurfürst Maximilan I. gibt seinen oberösterreichischen Pfandbesitz zurück

München - Wien * Kurfürst Maximilan I. ist durch die Aufstände die Freude an seinem oberösterreichischen Pfandbesitz abhanden gekommen. In einem in München geschlossenen Vertrag wird das Land gegen den Besitz der Oberpfalz und Gebieten der Rheinpfalz an Kaiser Ferdinand II. zurückgegeben.

22. Februar 1628
Die baierische Kurwürde wird erblich

München * Der zweite Münchner Vertrag zwischen Kaiser Ferdinand II. und Kurfürst Maximilian wird unterzeichnet. Er beinhaltet, dass

  • die am 25. Februar 1623 nur auf Lebenszeit verliehene Kurwürde auch auf Maximilians Erben übertragen wird, 
  • die Oberpfalz und die rechts des Rheins liegenden Gebiete der unteren Pfalz um 13 Millionen verkauft werden,
  • Baiern Oberösterreich wieder an den Kaiser zurückgibt. 
6. März 1629
Kaiser Ferdinand II. erlässt das Restitutionsedikt

Wien * Kaiser Ferdinand II. erlässt - in Übereinstimmung mit den Kurfürsten von Mainz, Köln, Trier und Baiern - das Restitutionsedikt, das jede „Entfremdung von katholischem Kirchengut nach dem Stichjahr 1552 für unrechtmäßig“ erklärt.

Davon betroffen sind rund 500 Klöster und Konvente vor allem in Niedersachsen und Württemberg, die Erzbistümer Bremen und Magdeburg sowie zwölf reichsunmittelbare Bistümer in Norddeutschland. Nur Meißen, Merseburg und Naumburg werden dem Kurfürsten von Sachsen aus politischen Rücksichten vorerst überlassen. Es erhebt sich nicht nur bei den protestantischen Reichsständen lauter Protest. Selbst der Papst äußert Bedenken.

3. Juli 1630
Ein für den Kaiser wenig erfolgreicher Regensburger Kurfürstentag

Regensburg * Kaiser Ferdinand II. eröffnet den Regensburger Kurfürstentag. Er wird bis November dauern. Auf dem Kurfürstentag will Kaiser Ferdinand II.

  • die Wahl seines Sohnes Ferdinand III. zum deutsch-römischen König sichern und
  • Unterstützung gegen die niederländischen Generalstaaten einfordern.

Doch die Kurfürsten verweigern die Zustimmung zur Wahl Ferdinands III. und fordern stattdessen

  • eine Verringerung der kaiserlichen Armee und
  • eine Milderung der Kriegskosten.
  • Der kaiserliche Oberbefehlshaber Albrecht von Wallenstein wird seines Postens enthoben.
    Der 71-jährige Johann Tserclaes Graf von Tilly erhält dafür zusätzlich zu seinem Kommando der katholischen Liga nun auch noch den Oberbefehl über das kaiserliche Heer.
  • Der Kaiser einer Überprüfung des Restitutionsedikts zustimmen. 
6. Juli 1630
Gustav II. Adolf landet mit 13.000 Mann an der Küste Pommerns

Pommern * Der schwedische König Gustav II. Adolf landet mit einem Heer von 13.000 Mann an der Küste Pommerns und greift in die kriegerischen Auseinandersetzungen des Dreißigjährigen Krieges ein. Ihm werden zwei siegreiche Schlachten genügen, um die kaiserlich-katholische Position in Norddeutschland zu zerschlagen und bis an die habsburgischen Erblande vorzudringen. 

20. Mai 1631
Die Kaiserlichen bereiten Magdeburg ein grausliches Blutbad an

Magdeburg * Es kommt zu einem ersten schweren Geschützfeuer auf die Stadt Magdeburg und die umliegenden Dörfer. Am frühen Morgen dringen die katholischen Kaiserlichen, angeführt vom katholischen Oberbefehlshaber Graf Johann Tserclaes von Tilly und General Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim, in die Stadt ein und richten ein grausliches Blutbad an. Magdeburg versinkt in einer Orgie aus Gewalt, Zerstörung und Plünderung. Entsetzte Offiziere bitten Graf von Tilly dagegen einzuschreiten und erhalten die knappe Antwort: „Der Soldat muss etwas haben für seine Gefahr und Mühsal.“

Gegen Mittag fängt die Stadt zu Brennen an. Ob planmäßige Feuer gelegt worden sind, womöglich durch die Verteidiger der Stadt, wird nie geklärt. Jedenfalls verlieren dabei mehr als 15.000 Menschen - nach anderen Quellen sogar bis zu 30.000 Menschen - ihr Leben.  

Die sogenannte „Magdeburger Hochzeit“ gilt als das größte und schlimmste Massaker während des Dreißigjährigen Krieges, über das man in ganz Europa entsetzt ist. Es heißt, die Taten und der Schrecken sind in ihrer Entsetzlichkeit „nicht in Worte zu fassen und nicht mit Tränen zu beweinen“. 

17. September 1631
Bei Breitenfeld werden die Kaiserlichen vernichtend geschlagen

Breitenfeld * In der Schlacht bei Breitenfeld [6 Kilometer von Leipzig entfernt] besiegen die Truppen des schwedischen Königs Gustav II. Adolf die Kaiserlichen vernichtend. 12.000 Kaiserliche bleiben tot auf dem Schlachtfeld, 7.000 geben sich gefangen und werden ohne weiteres in die Reihen der Schweden aufgenommen. Außerdem gehen die Kriegskasse und sämtliche Geschütze verloren. Die schwedischen Verbündeten verlieren etwa 3.000 Mann. 

15. April 1632
Schwedens König Gustav Adolf erkämpft den Lechübergang

Rain am Lech * In der „Schlacht bei Rain am Lech“ werden die Kaiserlichen unter Führung des katholischen Oberbefehlhabers Johann Tserclaes  Graf von Tilly von den Truppen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolfs besiegt. Dadurch können die Schweden den Lech überschreiten, womit ihnen das ganze Kurfürstentum Baiern offen steht. Die Baiern müssen jetzt die leidvollen Erfahrungen mit dem Durchzug feindlicher Heere durchleben.

Graf von Tilly wird in der Schlacht durch einen Schuss schwer am Bein verwundet. Kurfürst Maximilian I. zieht sich daraufhin in das stark befestigte Ingolstadt zurück.  

Die Erfolge des schwedischen Königs, den seine Anhänger „Löwe aus Mitternacht“ und „Gideon des Nordens“ nennen, von seinen Feinden aber als „Schneekönig“ verspottet wird, machen seinen katholischen Kriegsgegnern Angst. Besonders nach dem „Massaker von Magdeburg“. 

16. November 1632
Der Schwedenkönig Gustav II. Adolf verliert sein Leben

Lützen - Wien * Der Schwedenkönig Gustav II. Adolf verliert in der Schlacht von Lützen sein Leben. Sein Widersacher, Albrecht von Wallenstein, setzt dem geschwächten Gegner nicht nach, sondern zieht sich danach ins Winterquartier nach Böhmen zurück.  

In Wien stoßen diese Entscheidungen auf Unverständnis, denn hier herrscht eine unbeschreibliche Freude „wegen der Königlichen Majestät zu Schweden Todesfall“. 

Nach dem 7. September 1634
Kurfürst Maximilian I. will sein Gelöbnis erfüllen

München * Nachdem München 

  • von der drohenden Besetzung und Plünderung durch Kontributionen freigekauft werden und
  • das kaiserlich-ligistische und durch spanische Truppen verstärkte Heer in der Schlacht bei Nördlingen am 6. September 1634 einen entscheidenden Sieg über die Schweden erringen konnte,

beauftragt Kurfürst Maximilian I. nach seiner Rückkehr eine Kommission zu überlegen, „was es für ein werkh sein [...] möchte“, mit dem er sein Gelöbnis erfüllen könne. Der hochrangige Beraterkreis schlägt die Stiftung eines jährlichen Lobamtes in der Frauenkirche und die Errichtung eines neuen Altars in der entsprechenden Kapelle vor. Sie bewegen sich damit im damals üblichen Rahmen für ein Exvoto. 

15. Juli 1635
Kurfürst Maximilian I. heiratet Maria Anna von Österreich

Wien • Der 62-jährige Kurfürst Maximilian I. heiratet - ohne Einhaltung des Trauerjahres, ein halbes Jahr nach dem Tod seiner ersten Ehefrau Elisabeth Renata - die 25-jährige Maria Anna. Sie ist die Tochter seiner Schwester Maria Anna und des römisch-deutschen Kaisers Ferdinand II.. Maximilian I., schon Vetter und Schwager des Kaisers, wird damit auch noch sein Schwiegersohn.

Die Eile ist verständlich. Der Baiernregent hat zwar die erbliche Kurfürstenwürde errungen, aber noch immer keinen Thronfolger gezeugt. In seinem Alter ist es also höchste Zeit. 

12. Dezember 1637
Angekündigte Grundsteinlegung für die Mariensäule

München * Kurfürst Maximilian I. teilt dem Münchner Rat - ohne Rücksicht auf dessen Bestimmungsrecht über den Marktplatz - selbstherrlich mit, er werde „der Heiligen Himlkönigin zu Ehrn, und ewiger gedechtnus, ein offentliches Monumentum, von einer Seulen, und darauf stehenden unnser lieben Frauen Bildtnus, mitten deß Plazs, aufrichten“. Die Arbeiten beginnen zwei Tage später.  

Er begründet dies mit der „unbezweifelbaren Fürbitte der Himmelskönigin und Muttergottes“, die als Patronin und Beschützerin das Land und die Stadt „von Brand und anderm feindlichen Verderben behütet und errettet“.  

Der Rat der Stadt, der zu dieser Entscheidung nicht herangezogen worden ist, muss dies unwidersprochen hinnehmen, obwohl die Stadt seit dem Jahr 1315 das Privileg Kaiser Ludwigs des Baiern besitzt, alleine über die Bebauung des Platzes bestimmen zu dürfen. Auf dem zentralen Platz der Bürgergemeinde München ist künftig der Landesherr mit einer persönlichen Votivgabe präsent.  

10. September 1649
Ferdinand Maria soll eine savoyische Prinzessin heiraten

München - Wien • In einem Brief informiert Kurfürst Maximilian I. den in Wien residierenden Kaiser Ferdinand III. über seine Absicht, seinen ältesten Sohn Ferdinand Maria mit einer Prinzessin von Savoyen zu verheiraten. Begründung: „Im Deutschland unserer Tage gibt es keine katholische Prinzessin mehr, die nicht nicht nur von ihrer Person, sondern auch von ihrem Haus her besser geeignet wäre, um das Ansehen [des Hauses Baiern] zu erhöhen.“ 

24. August 1657
Kurfürst Ferdinand Maria verzichtet auf die Kaiserkrone

München - Wien • Der baierische Kurfürst Ferdinand Maria lässt - die Vor- und Nachteile der Kaiserkrone abwägend - die politische Vernunft siegen und erklärt gegenüber Wien, dass er die Krone zurückweisen und seine Stimme nur einem Habsburger geben werde. Die Begründung fasst er in einem Brief zusammen:

  • die „zur Erhaltung der Kays. Hochheit und Reputation“ unumgänglichen Kosten,
  • die heillosen Zustände im Reich,
  • die Verantwortung, die dabei auf den Kaiser falle und  die Gefahren für das eigene Land.
  • Den zu erwartenden Kampf mit Habsburg auf sich zu nehmen, lohnt sich nicht.

Das heißt allerdings nicht, dass man begeistert ist, dass wieder ein Habsburger die Krone bekommen soll und Österreich seine Macht behaupten oder gar erweitern kann. 

12. Januar 1658
Kurfürst Ferdinand Maria erhält das Amt des Reichsvikars

Waldmünchen • Kurfürst Ferdinand Maria verpflichtet sich im Vertrag von Waldmünchen die Wahl des Habsburgers Leopold [I.] zum Kaiser zu unterstützen. Im Gegenzug entscheiden die Habsburger den langwierigen Streit zwischen dem baierischen Kurfürsten Ferdinand Maria und seinem Vetter Carl Ludwig von der Pfalz um das Amt des Reichsvikars zugunsten Ferdinand Marias. 

18. Juli 1658
Leopold I. wird zum Kaiser gewählt

Frankfurt am Main • Nachdem Kurfürst Ferdinand Marias Wahlkapitulation unterzeichnet worden ist, wird der erst achtzehnjährige Erzherzog Leopold I. in Frankfurt am Main zum Kaiser gewählt und gekrönt. Leopold ist ein engstirniger und dumpf-katholischer Habsburger.

Mit der Wahl endete das längste Interregnum [= kaiserlose Zeit] der neueren Zeit. Der Verzicht des baierischen Kurfürsten auf die Kaiserkrone erspart dem Reich und Baiern unabsehbare Wirren. 

28. August 1658
Ein Festumzug zu Ehren des neugekrönten Kaisers

München-Maxvorstadt * Kurfürst Ferdinand Maria veranstaltet zu Ehren des neu gekrönten Kaisers Leopold I. den Festumzug „Applausi festivi barriera“ mit anschließendem Turnier. Kaiser Leopold I. macht auf seiner Rückreise von den Krönungsfeierlichkeiten in Frankfurt vom 26. August bis 4. September in München Station. 

1660
Hofmedicus Dr. Johann Joachim Becher wird Kaiserlicher Hofrat

Wien * Der ehemalige Hofmedicus Dr. Johann Joachim Becher wird Kaiserlicher Hofrat.

Er ist der bedeutendste Kameralist des 17. Jahrhunderts. Er wettert schon seit Langem gegen die Einfuhr fremder Industrieerzeugnisse und meint, es wäre für ihn „sicherlich verdienstvoller, das Seidenwerk zu fördern, als wenn er etliche alte Weiber im Spital etwan ¼ Jahr eher dem Tod entnommen, noch als wan er etlichen Bauern aus dem Urin propheceyet hätte“.

Dr. Becher wird als „unruhiger, immer mit Chimären, aber vielen Kenntnissen und guten Einfällen beschäftigter Kopf“ beschrieben. 

20. Januar 1663
Beginn des Immerwährenden Reichstags in Regensburg

Regensburg * Der Reichstag trifft im Regensburger Rathaus zusammen, um über die durch die Türken heraufbeschworene Gefahr an der Ostgrenze des Reiches zu beraten. Kaiser Leopold I. benötigt Geld für die bevorstehende Verteidigung des Landes.

Daneben geht es um den schon länger schwelenden Streit um die Ausarbeitung einer Wahlkapitulation und die Königswahl. Bei den Auseinandersetzungen um die Wahlkapitulation geht es um das Recht, Gesetze zu erlassen und um deren Inhalte. Außerdem soll sich der Reichstag mit den liegengebliebenen Problemen des Dreißigjährigen Krieges befassen.

Der Reichstag wird sich bis Februar 1803 nicht mehr auflösen und geht als Immerwährender Reichstag in die Geschichte ein. Regensburg wird damit zum Sitz von etwa 70 Komitialgesandtschaften ausländischer Staaten. Dies auch deshalb, weil seit der Umwandlung des Reichstags in den Immerwährenden Reichstag die Landesfürsten kaum noch selbst teilnehmen, sondern sich durch Gesandte vertreten lassen. 

1. Februar 1681
Geplante Altötting-Wallfahrt mit kleinem Hofstaat

Wien - München * In einem Brief teilt Kaiser Leopold I. dem baierischen Kurfürsten mit, dass er „mit kleinem Hofstaat“ die Wallfahrt nach Altötting unternehmen wird und bringt seine Hoffnung zum Ausdruck, den Kurfürsten am Ziel treffen zu können 

„Kleiner Hofstaat“ bedeutete 455 Personen, 297 Pferde, 16 Kutschen und 16 Maultiere. Im kaiserlichen Gefolge befinden sich unter anderem 15 Köche und zusätzlich zwei extra für die Kaiserin, dazu ein Küchentürhüter und der Kammerzwerg, der Hofnarr. Im Hofstaat der Kaiserin ist neben den Hofdamen, Garderobenda­men, Kammerzofen und sonstigem, meist weiblichen Personal, auch ein „Extraweib“ aufgeführt. Ihre Funktion ist ungeklärt. 

6. März 1681
Kurfürst Max Emanuel trifft in Altötting ein

Altötting * Der baierische Kurfürst Max Emanuel trifft gemeinsam mit seinem Onkel Maximilian Philipp und dessen Ehefrau Maurita Febronia in Altötting ein.

Die Etikette hätte eigentlich verlangt, dass der Kurfürst den Kaiser persönlich empfängt. Doch für den dann zu erwartenden „Empfang mit großem Zeremoniell“ wäre in Altötting nicht ausreichend Platz vorhanden gewesen. So lautet jedenfalls die offizielle Begründung. 

10. März 1681
Bündnisverhandlungen am Wallfahrtsort

Altötting * Es kommt zu einem Gespräch zwischen dem Kaiserpaar und den drei Wittelsbachern. Zum Abschied übergibt Leopold I. dem Kurfürsten Max Emanuel einen mit Diamanten besetzten Degen. Nach einem gemeinsamen Besuch der heiligen Messe in der Gnadenkapelle nimmt  man auf dem Kapellplatz öffentlich voneinander Abschied.

Die vielen Freundlichkeiten, die Leopold I. dem Kurfürsten erwiesen hat, verfehlen nicht den Zweck, für den sie berechnet waren: Max Emanuel lässt sich politisch auf die Seite Habsburgs ziehen, weg von Frankreich. 

15. Januar 1682
Bündnisverhandlungen wegen der Türkengefahr

München - Wien * Kurfürst Max Emanuel erklärt dem kaiserlichen Gesandten in München seine Bereitschaft zu Bündnisverhandlungen. Nicht verkennen darf man dabei freilich, dass dies auch im elementaren Interesse Baierns war, schließlich trennten nur die Länder des Hauses Habsburg damals das kleine Kurfürstentum vom Machtbereich der gefürchteten Türken. 

26. Januar 1683
Ein österreichisch-baierisches Bündnis gegen die Osmanen

München - Wien * Dem Treffen von Altötting vom März 1681 folgen langwierige Verhandlungen zwischen den kaiserlichen und den baierischen Abgesandten, die letztlich in einem Defensivbündnis enden, in dem sich das Kurfürstentum Baiern verpflichtet, in den bevorstehenden Auseinandersetzungen mit den Osmanen ein Truppenkontingent von 8.000 Mann zu stellen.

Baiern kann die Zusage aushandeln, dass das Land jährlich Subsidienzahlungen in Höhe von 250.000 Gulden, im Kriegsfall von 450.000 Gulden, erhält.

Da jedoch vorhersehbar ist, dass Wien - in Anbetracht der politischen Lage, der sonstigen Verpflichtungen und der verstärkten Kriegsanstrengungen gegen die Osmanen - diese Summe nie aufbringen kann, verlangen die kurfürstlichen Verhandlungsführer Sicherheiten. Das waren die Einkünfte der Grafschaft Neuburg am Inn, der Markgrafschaft Burgau und des Mautamtes Tarvis. Das Ziel ist eine spätere Gebietserweiterung um die Ämter Kufstein und Rattenberg.

Der Bündnisvertrag bedeutet jedoch keinesfalls die völlige Abkehr von Frankreich. Zwar werden sich die politischen Beziehungen zwischen München und Paris ein wenig abkühlen, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, künstlerischen und kulturellen Beziehungen wurden jedoch kaum beeinträchtigt. 

31. März 1683
Ein breites Devensivbündnis gegen die Osmanen

Rom - Wien - Warschau * Der päpstlichen Diplomatie gelingt es Ende März 1683, Kaiser Leopold I. und den polnischen König Johann III. Sobieski zum Abschluss eines Defensivbündnisses gegen die Osmanen zu bringen. Auch Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden und Kurfürst Johann Georg III. von Sachsen erklären sich zum Beistand des Kaisers bereit. 

Papst Innozenz XI. unterstützt die christlichen Herrscher in ihrem Kampf gegen die vorrückenden Türken mit 1,5 Millionen Gulden - und seinem Segen. Er selbst sieht sich als „Streiter für die Reinhaltung des katholischen Glaubens“. Schon deshalb bemüht er sich während seines ganzen Pontifikates, die Fürsten zu einer „Heiligen Liga“ zum „Kampf und zur Abwehr der Osmanen“ zu gewinnen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche bittet mit einem päpstlichen Aufruf die Gottesmutter unter der Parole „Maria hilf!“ um ihre Unterstützung. 

Um den 5. Juli 1683
Eine erste osmanische Vorhut vor Wien

Wien * Die erste Vorhut des osmanischen Heeres taucht vor Wien auf. Großes Kopfzerbrechen bereitet den Bewohnern Wiens das Verhalten des Kaisers, der sich auch weiterhin seinem Jagdvergnügen widmet und die Türkengefahr scheinbar ignoriert. Will er lediglich verharmlosen oder zeigen, dass die Angst vor der Gefahr übertrieben ist? Doch je näher die Hauptstreitmacht des türkischen Heeres auf die kaiserlichen Hauptstadt zukommt, desto mehr wächst  auch bei Kaiser Leopold I. die Angst. 

7. Juli 1683
Die Kaiserfamilie verlässt Wien fluchtartig

Wien - Krems - Melk - Linz - Passau * Kaiser Leopold verlässt fluchtartig - gemeinsam mit seiner Gemahlin Eleonore von Pfalz-Neuburg - seine Residenzstadt. 69 Kaleschen [= vierrädrige leichte Kutschen] und 32 schwere Wagen für den Kaiser und 33 Kaleschen, 22 schwere Wagen und 203 leichte Wagen für die Prinzessinnen und Prinzen verlassen samt dem Hofstaat die vor der Belagerung stehende Stadt.

Die Flucht führte zunächst nach Krems und von dort über Melk und Linz per Schiff nach Passau. 

23. Juli 1683
Die Türken bestürmen das erste Mal die Stadt Wien

Wien * Die Osmanen bestürmen das erste Mal die Stadt Wien, um danach in rascher Abfolge immer heftiger anzugreifen.

Die Kaiserstadt ist von allen Seiten eingeschlossen, sodass der Befehlshaber der Kaiserlichen Truppen, Herzog Carl von Lothringen, angesichts der türkischen Übermacht, mit seinem 33.000 Männer umfassenden Heer den Rückzug antreten muss. Er bezieht jenseits des Wiener Waldes Stellung. Das Abendland steht dadurch vor der Gefahr, von dem Türkenheer überrannt zu werden. 

7. September 1683
Kurfürst Max Emanuel kommt mit dem Schiff in Linz an

Linz * Kurfürst Max Emanuel kommt mit dem Schiff in Linz an. Kaiser Leopold I. empfängt ihn persönlich am Ufer und führt ihn zum Schloss, wo die Kaiserin ihren Gatten „mit einer Prinzessin erfreut“ hat. Das Mädchen wird noch am Nachmittag getauft. Kurfürst Max Emanuel fungiert als Taufpate, bevor er am Abend nach Wien weiter reist. 

5. März 1684
Gründung einer Heiligen Liga zum Kampf und zur Abwehr der Osma­nen

Rom * Mit Unterstützung von Papst Innozenz XI., der sich selbst als „Streiter für die Rein­haltung des katholischen Glau­bens“ sieht, gelingt die Gründung einer Heiligen Liga zum „Kampf und zur Abwehr der Osma­nen“. König Johann III. Sobieski von Polen, Kaiser Leopold I. und die Republik Venedig schließen dazu ein Bündnis, dem zwei Jahre später auch Russland beitreten wird.

Durch die Heilige Liga fließen umfangreichere Subsidien, sodass die baierische Armee auf eine Sollstärke von 18.000 Mann erhöht werden kann. 

14. Juli 1684
Die Belagerung von Buda durch die Kaiserlichen beginnt

Buda/Ofen * Am Jahrestag des Anfangs der Belagerung Wiens, beginnen die Kaiserlichen mit der Belagerung von Buda. Zwar schaffen es die Belagerer, die Unterstadt von Buda einzunehmen, doch die türkischen Verteidiger wehren alle weiteren Angriffe ab. Und nachdem die Zahl der diensttauglichen kaiserlichen Soldaten von 34.000 auf 12.500 gesunken ist, sinkt die Motivation und Kampfmoral auf ein extrem niedriges Niveau ab. 

19. August 1685
Neuhäusl wird von der kaiserlichen Armee erobert

Neuhäusl - München - Wien * Auf die Entsatzschlacht von Gran folgt die Eroberung von Neuhäusl. Wieder ist Max Emanuel am Erfolg der Schlachten wesentlich beteiligt. Baierns Kurfürst hat schon am Beginn der Allianz mit Kaiser Leopold I. ein selbstständiges Kommando verlangt. Dass er sich der Befehlsgewalt einem in der Hierarchie unter ihm stehenden Herzog Carl von Lothringen unterordnen muss, wird von ihm als auf Dauer nicht hinnehmbar angesehen und führt deshalb zu steten Protesten.

Je länger der Krieg dauert und je häufiger Kurfürst Max Emanuel entscheidend in die Kämpfe eingreift, desto lauter fordert er den Oberbefehl über alle kaiserlichen Truppen. Als Schwiegersohn hat sich die Beziehung zum Kaiser inzwischen besonders intensiviert, was die Ansprüche des Kurfürsten zusätzlich erhöht.

Doch genau jene militärischen Tugenden, die Max Emanuel bisher auszeichneten, sprechen in Wien gegen die Übertragung einer so großen Verantwortung an den Kurfürsten, auch wenn er durch seine Kühnheit, Risikofreude, Spontanität und seiner Lust zum Handstreich ohne Rücksicht auf das eigene Leben die wichtigsten Siege für den Kaiser errang. Den Wiener Kriegsplanern ist Max Emanuel einfach zu ungestüm. 

2. September 1686
Buda/Ofen wird von der kaiserlichen Armee gestürmt

Buda/Ofen * Mittags um ein Uhr, kommt es zum erfolgreichen Generalsturm auf die Festung. Grausame Szenen spielen sich bei der Eroberung von Buda/Ofen ab. Der ganze Zorn der siegreichen christlichen Soldaten entlädt sich nun gegen die Heiden.

Die Wut über die angeblichen Gräueltaten der Osmanen gegen die Zivilbevölkerung und der von Kirche und Glauben angefachte religiöse Hass entladen sich nun an der Bevölkerung von Buda/Ofen. Alles was sich den Christen entgegen stellt, muss sterben. Selbst Kinder und Säuglinge werden ein Opfer der zügellosen Soldateska.

Ein brandenburgischer Augenzeuge berichtet: „Ich bin erstaunet, was da ist vorgegangen, daß auch Menschen viel grausamer als Bestien gegeneinander sich bezeigeten“. Nur Wenigen gelingt die Flucht auf die Burg. 

12. August 1687
Ein glänzender Sieg der Kaiserlichen Armee

Mohács * Bei einer der seltenen Feldschlachten des Türkenkriegs stehen 60.000 Türken etwa 50.000 Verbündeten des Kaisers am Berge Harsán bei Mohács gegenüber. Die Schlacht endet mit einem glänzenden Sieg der Kaiserlichen.

Der von Kurfürst Max Emanuel befehligte linke Flügel erzwingt den Sieg, indem er zuerst den ersten Angriff der türkischen Reiterei abwehrt, danach mit einem Gegenangriff den Gegner zurückwirft und so lange beschäftigt, bis Herzog Carl von Lothringen die türkischen Verschanzung gewinnen kann.

7. Januar 1688
​Papst Innozenz XI. kennt das Ergebnis der Wahl nicht an

Köln * Die Kölner Domherren legen sich - auf Wunsch des Fürstbischofs Maximilian Heinrich - einstimmig für Wilhelm Egon von Fürstenberg als Koadjutor [= Nachfolger] für den Kölner Bischofsstuhl fest.  

  • Kaiser Leopold I. erklärt die Wahl für ungültig und auch  
  • Papst Innozenz XI. erkennt das Ergebnis der Wahl nicht an und zögert die Sache so lange hinaus, bis Kurfürst Maximilian Heinrich stirbt. 
5. Juni 1688
Der Kölner Kurfürst Maximilian Heinrich stirbt

Köln - Berg am Laim - Berchtesgaden * Der aus der baierisch-wittelsbachischen Linie stammende Kölner Kurfürst Maximilian Heinrich stirbt. Damit ist die Konkurrenz über die Wahl des Nachfolgers auf dem Kölner Bischofsstuhl wieder offen. Angeführt von Kaiser Leopold I. sammeln sich alle frankreichfeindlichen Kräfte hinter dem 17-jährigen baierischen Kandidaten Joseph Clemens. 

Die Hofmarkherrschaft über Berg am Laim geht an Maximilian Heinrichs Neffen Joseph Clemens über. Joseph Clemens wird zudem Fürstprobst der Probstei Berchtesgaden. 

27. Oktober 1692
Geburt des baierischen Kurprinzen Ferdinand Joseph in Wien

Wien - Brüssel * Baierns Kurfürstin Maria Antonia bringt in der Wiener Hofburg einen Sohn zur Welt. Das Kind wird noch am selben Tag vom päpstlichen Nuntius im Beisein des Kaiserpaares in feierlicher Zeremonie auf den Namen Joseph Ferdinand Leopold getauft.  

Kurfürst Max Emanuel, der Vater des Kindes, ordnet - nachdem er von der Geburt seines Sohnes erfahren hat - in Brüssel eine Festbeleuchtung an - und gibt ein Galadiner. Er nutzt schließlich jeden sich bietenden Grund zum Feiern. 

19. März 1694
Kurfürst Joseph Clemens und Kurfürst Max Emanuel treffen in Lüttich ein

Lüttich * Kölns Kurfürst Joseph Clemens und der baierische Kurfürst Max Emanuel treffen in Lüttich ein. Pfalzgraf Ludwig Anton, Koadjutor des Bistums Mainz und Hochmeister des Deutschritterordens, hat inzwischen enormen Eindruck im Lütticher Domkapitel hinterlassen. Er wird auch von Kaiser Leopold I. gefördert.

14. September 1696
Ein Testament zu Gunsten des baierischen Kurprinzen Ferdinand Joseph

Madrid * König Carl II. von Spanien regelt in seinem Testament die Erbfolge. Trotz Geheimhaltung sickert durch, dass es zu Gunsten des baierischen Kurprinzen Joseph Ferdinand lautet. Spanien hat bis zu diesem Zeitpunkt immer am Prinzip der Unteilbarkeit der spanischen Monarchie festgehalten. Prinz Joseph Ferdinand von Baiern hat im Stammbaum - als Urenkel des spanischen Königs Philipp IV. und Maria Anna von Österreich - den höchsten Anteil spanisch-habsburgischen Blutes.  

Doch auch Österreich schiebt einen Universalerben für den spanischen Thron vor:  Erzherzog Carl, den jüngsten, im Jahr 1685 geborenen Sohn Kaiser Leopolds I. aus dessen dritter Ehe. 

2. Oktober 1700
Carl II. bestimmt Philipp von Anjou zum Erben Spaniens 

Madrid * Der schwer kranke und kinderlose König Carl II. von Spanien unterzeichnet ein neues Testament. Darin bestimmt der 38-jährige Habsburger den französischen Prinzen Philipp von Anjou, einen Enkel König Ludwigs XIV., zu seinem alleinigen Nachfolger. Die spanische Gesamtmonarchie mit ihren europäischen Besitzungen und dem weitreichenden Kolonialreich soll ungeteilt erhalten bleiben. 

Carl II. stirbt bereits am 1. November. Ludwig XIV. nimmt das Erbe für seinen Enkel an, der als Philipp V. den spanischen Thron besteigt. Kaiser Leopold I. erkennt die testamentarische Regelung jedoch nicht an und beansprucht die spanische Krone für seinen Sohn Erzherzog Carl.  

Der Streit bedroht das europäische Mächtegleichgewicht: Viele Staaten fürchten eine französisch-spanische Vorherrschaft unter den Bourbonen. Im Frühjahr 1701 beginnen in Oberitalien die ersten Kampfhandlungen des Spanischen Erbfolgekriegs, der sich bald auf weite Teile Europas und die überseeischen Kolonien ausdehnt. 

2. November 1700
Das Testament des spanischen Königs Carl II. wird eröffnet

Madrid - Versailles * Das Testament des spanischen Königs Carl II. wird eröffnet. Er vermacht darin die gesamte spanische Monarchie an Herzog Philipp von Anjou, dem zweitältesten Enkel des Franzosenkönigs Ludwig XIV.. Ludwig XIV. stellt daraufhin sofort seine bislang verfolgten Teilungsabsichten hinten an und unterstützt seinen Enkelsohn, der schon im Februar 1701 in Madrid einziehen kann.  

Die Seemächte akzeptieren Philipp V. als spanischen König nicht - und Kaiser Leopold I. lehnt das Testament aus grundsätzlichen Erwägungen ab, da es faktisch den deutschen Zweig der Familie enterben würde. 

Ab 2. November 1700
Die spanische Erbfolge bringt Max Emanuel in Bedrängnis 

Brüssel - München * Nach dem Tod Carls II. und der Bekanntgabe seines Testaments befindet sich der baierische Kurfürst Max Emanuel in einer schwierigen Lage. Der zum spanischen König bestimmte Philipp von Anjou ist zwar sein Neffe, wird aber von Kaiser Leopold I. und anderen europäischen Mächten nicht als rechtmäßiger Erbe anerkannt. 

Als Generalstatthalter der Spanischen Niederlande muss Max Emanuel entscheiden, ob er dem neuen bourbonischen König dient oder sich auf die Seite seiner bisherigen habsburgischen Verbündeten stellt. Zugleich hofft er weiterhin auf eine Königskrone, territoriale Gewinne und eine dauerhafte Sicherung seiner Statthalterschaft. Der Tod seines Sohnes Joseph Ferdinand, der zeitweise als Erbe Spaniens vorgesehen war, hat seine ursprünglichen Aufstiegspläne bereits 1699 zunichtegemacht. 

In den folgenden Monaten nähert sich Max Emanuel Frankreich an. Im März 1701 schließt er schließlich ein geheimes Militärbündnis mit Ludwig XIV. und stellt Baiern damit auf die Seite der Bourbonen. 

18. Januar 1701
Kurfürst Friedrich III. krönt sich zum „König in Preußen“ 

Königsberg * Der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. setzt sich in der Schlosskirche von Königsberg eigenhändig die Krone auf und krönt anschließend seine Gemahlin Sophie Charlotte. Als Friedrich I. führt er fortan den Titel „König in Preußen“. Die Selbstkrönung soll zeigen, dass er seine Königswürde keinem weltlichen Herrscher verdankt. 

Der Titel bezieht sich auf das souveräne Herzogtum Preußen, das außerhalb des Heiligen Römischen Reiches liegt. In Brandenburg bleibt Friedrich weiterhin Kurfürst, da innerhalb des Reiches grundsätzlich nur der Herrscher Böhmens eine Königskrone trägt. 

Kaiser Leopold I. erkennt die Rangerhöhung an, nachdem Friedrich ihm militärische Unterstützung im bevorstehenden Spanischen Erbfolgekrieg zugesichert hat. Die Krönung bildet einen entscheidenden Schritt beim Aufstieg Brandenburg-Preußens zur europäischen Großmacht. 

13. Februar 1701
Kurköln stellt sich auf die Seite Frankreichs 

Kurköln * Joseph Clemens von Baiern, Kurfürst und Fürstbischof von Köln, schließt mit Frankreich einen Allianzvertrag. Nach außen verpflichtet sich Kurköln lediglich zu einer „bewaffneten Neutralität“, tatsächlich bindet sich der geistliche Kurstaat jedoch an Ludwig XIV. und bedroht damit die südöstliche Flanke der benachbarten Niederlande. Joseph Clemens handelt dabei unter dem Einfluss seines Bruders, des baierischen Kurfürsten Max Emanuel, und seines Kanzlers Johann Friedrich Karg von Bebenburg. 

Die Entscheidung hat für Kurköln verheerende Folgen. Das Erzstift wird zu einem der ersten Kriegsschauplätze des Spanischen Erbfolgekriegs im Heiligen Römischen Reich. 1702 belagern alliierte Truppen die kurkölnische Festung Kaiserswerth und besetzen Bonn. Joseph Clemens flieht ins französische Exil und kann erst nach dem Friedensschluss von 1714 in seine Territorien zurückkehren. 

18. Februar 1701
Philipp V. hält seinen Einzug in Madrid 

Madrid * Der 17-jährige Philipp von Anjou zieht feierlich in Madrid ein und übernimmt vor Ort die Herrschaft über die spanische Monarchie. Der Enkel des französischen Königs Ludwig XIV. ist bereits im November 1700 gemäß dem Testament Carls II. als Philipp V. zum König ausgerufen worden. Mit ihm gelangt erstmals ein Angehöriger des Hauses Bourbon auf den spanischen Thron. 

Die Bevölkerung Madrids empfängt den jungen Herrscher mit großer Begeisterung und verbindet mit ihm die Hoffnung auf politische Erneuerung. Im Mai erkennen ihn die kastilischen Cortes offiziell als König an. Kaiser Leopold I. und seine Verbündeten bestreiten jedoch Philipps Erbrecht – der Streit um die spanische Krone weitet sich zum Spanischen Erbfolgekrieg aus. 

9. März 1701
Max Emanuel bindet sich heimlich an Frankreich 

Versailles * Frankreich und Baiern schließen einen geheimen Bündnisvertrag. Kurfürst Max Emanuel verpflichtet sich zunächst zur Neutralität im drohenden Spanischen Erbfolgekrieg; Ludwig XIV. garantiert im Gegenzug den Schutz der baierischen Stammlande. Ein späterer Zusatzvertrag soll Max Emanuel außerdem dabei unterstützen, die schwäbischen und fränkischen Reichsstände in einem neutralen Bündnis zu halten. Frankreich stellt dafür Subsidien zum Unterhalt einer 15.000 Mann starken baierischen Armee bereit. 

Nach dem Tod seines Sohnes Joseph Ferdinand, der zeitweise als künftiger König von Spanien vorgesehen war, sieht Max Emanuel in der europäischen Bündniskrise eine neue Aufstiegschance. Durch geschicktes Taktieren zwischen Frankreich und Kaiser Leopold I. hofft er, territoriale Gewinne und schließlich eine Königskrone für das Haus Wittelsbach zu erreichen. 

Die offiziell verkündete Neutralität ist daher vor allem ein politisches Druckmittel. Als Wien seine weitreichenden Forderungen ablehnt, wandelt Max Emanuel das Abkommen 1702 in ein offensives Bündnis mit Frankreich um und führt Baiern in den Krieg gegen Kaiser und Reich.

7. September 1701
Die Haager Große Allianz entsteht 

Den Haag * England, die Republik der Vereinigten Niederlande und Kaiser Leopold I. schließen die Haager Große Allianz. Das Bündnis soll die weitere Ausdehnung der französischen Macht verhindern und ausschließen, dass die Kronen Frankreichs und Spaniens jemals vereinigt werden. Außerdem vereinbaren die Partner die Sicherung der Niederlande, die Übertragung spanischer Besitzungen in Italien an das Haus Österreich und den Schutz ihrer Handelsinteressen. 

Damit formiert sich die entscheidende Koalition gegen Ludwig XIV. und den bourbonischen König Philipp V. von Spanien. Der Vertrag verschärft den Spanischen Erbfolgekrieg und stellt auch Kurfürst Max Emanuel vor eine folgenschwere Entscheidung: Durch sein Bündnis mit Frankreich steht Baiern künftig auf der Gegenseite der kaiserlichen Allianz.

22. Oktober 1701
Geburt der späteren Kaiserin Maria Amalia 

Wien * Erzherzogin Maria Amalia Josepha Anna kommt als jüngere Tochter des späteren Kaisers Joseph I. und seiner Gemahlin Wilhelmine Amalie von Braunschweig-Lüneburg zur Welt. 

Im Jahr 1722 heiratet sie den baierischen Kurprinzen Carl Albrecht. Nach dessen Regierungsantritt wird sie 1726 Kurfürstin von Baiern und nach seiner Wahl zum römisch-deutschen Kaiser Carl VII. im Jahr 1742 Kaiserin. Ihre habsburgische Abstammung dient Carl Albrecht später als Grundlage für seine Ansprüche auf Teile des österreichischen Erbes. 

1702
Kurbaierns Aufrüstung belastet das Land 

Kurfürstentum Baiern * Kurfürst Max Emanuel lässt die Verfahren zur Anwerbung und Aushebung neuer Soldaten verschärfen. Die rasch wachsende Armee soll seinen bevorstehenden Kriegseintritt an der Seite Frankreichs ermöglichen. Freiwillige reichen dafür nicht aus, weshalb die Behörden zunehmend auf Zwang zurückgreifen. 

Selbst der kurbaierische Hofkriegsrat warnt, dass die Aushebungen der Landwirtschaft dringend benötigte Arbeitskräfte entziehen und damit auch die Steuerkraft des Landes schwächen. Dennoch setzt die Regierung ihre Rekrutierungspolitik fort. Baiern unterhält bei einer Bevölkerung von etwa 1,1 Millionen Menschen schließlich ein Heer von rund 27.000 Mann. 

Die Methoden und sozialen Folgen ähneln den Zwangsrekrutierungen, welche die kaiserliche Besatzungsverwaltung 1705 anordnet. Der entscheidende Unterschied liegt für die Bevölkerung darin, dass die Männer nun nicht mehr für den eigenen Landesherrn, sondern für die Truppen der verhassten Besatzungsmacht dienen sollen. 

26. März 1702
Max Emanuel sucht ein Königreich als Ersatz für Baiern 

München - Brüssel - Versailles - Wien * Kurfürst Max Emanuel versucht, den Spanischen Erbfolgekrieg für eine Rangerhöhung und den Aufbau einer souveränen Erbherrschaft zu nutzen. In seinen Bündnisverhandlungen mit Frankreich und Spanien fordert er am 26. März 1702 die Spanischen Niederlande, in denen er bislang nur als Statthalter regiert, als erblichen Eigenbesitz. Ersatzweise ist er bereit, das Herzogtum Mailand unter vergleichbaren Bedingungen anzunehmen. Gleichzeitig verfolgt Max Emanuel einen weitergehenden Tauschplan: Sollte Baiern im Krieg an Kaiser Leopold I. fallen oder diesem im Rahmen eines Friedensschlusses überlassen werden, will der Kurfürst für sich und seine Nachkommen die Königreiche Neapel und Sizilien erhalten. Damit würde er zwar sein angestammtes Kurfürstentum aufgeben, dafür aber ein souveränes italienisches Königreich und die ersehnte Königskrone gewinnen. 

Die Spanischen Niederlande, Mailand sowie Neapel und Sizilien bilden somit keine Bestandteile eines einzigen Tauschangebots, sondern unterschiedliche Alternativen. Max Emanuel hält sich mehrere Möglichkeiten offen und verhandelt zeitweise sowohl mit Frankreich als auch mit dem Kaiser. Keiner seiner weitreichenden Territorialpläne wird verwirklicht. 

15. Mai 1702
Die Große Allianz tritt in den Krieg ein

London - Den Haag - Wien * England, die Republik der Vereinigten Niederlande und Kaiser Leopold I. eröffnen offiziell den Krieg gegen die bourbonische Machtstellung in Frankreich und Spanien. England und die Generalstaaten erklären beiden Königreichen den Krieg. Der Kaiser erkennt Philipp V. nicht als rechtmäßigen spanischen König an und richtet seine Kriegserklärung deshalb gegen Frankreich, Philipp von Anjou und dessen Unterstützer. 

Damit weitet sich der bereits 1701 in Oberitalien begonnene Kampf zum europäischen Krieg aus. Auch die Kolonien und die Weltmeere werden zu Kriegsschauplätzen. Die Allianz will eine Vereinigung der französischen und spanischen Kronen verhindern, die spanischen Niederlande sichern und Teile des spanischen Erbes für das Haus Habsburg gewinnen. 

Kurfürst Max Emanuel von Baiern und sein Bruder, der Kölner Kurfürst Joseph Clemens, stehen auf der Seite Frankreichs. Ihre Länder geraten dadurch unmittelbar in den Krieg gegen Kaiser und Reich.

17. August 1702
Kaiser Leopold weist Max Emanuels Forderungen zurück 

München - Wien * Am Münchner Hof trifft die lange erwartete Antwort Kaiser Leopolds I. auf die Forderungen des baierischen Kurfürsten ein. Max Emanuel verlangt für ein Bündnis mit dem Kaiser weitreichende Gegenleistungen: die Anerkennung einer Königswürde für das Haus Wittelsbach, die Abtretung der Markgrafschaft Burgau und mehrerer Tiroler Herrschaften sowie das Herzogtum Mailand oder die Königreiche Neapel und Sizilien als Tauschobjekt für Baiern. 

Kaiser Leopold lehnt diese Forderungen ab und erinnert Max Emanuel an seine Pflichten als Kurfürst und Reichsstand. Damit scheitert der letzte ernsthafte Versuch, ihn auf die Seite des Kaisers und der Haager Allianz zu ziehen. 

18. August 1702
Max Emanuel entscheidet sich für Frankreich 

München - Versailles * Einen Tag nachdem Kaiser Leopold I. seine weitreichenden Forderungen nach einer Königskrone und territorialen Zugewinnen zurückweist, entscheidet sich Kurfürst Max Emanuel mit seinen Beratern endgültig für die französische Seite. Er nimmt das bereits ausgehandelte Offensivbündnis mit König Ludwig XIV. an. 

Damit wird das seit März 1701 bestehende Defensiv- und Neutralitätsabkommen zu einem Angriffsbündnis erweitert. Frankreich verspricht Subsidien, militärische Unterstützung und Entschädigung für den Fall, dass Baiern im Krieg besetzt wird. Max Emanuel erhofft sich Gebietserweiterungen und die Erhebung seines Hauses in den Königsrang. 

Die Entscheidung führt Baiern in den Krieg gegen Kaiser und Reich. Wenige Wochen später lässt Max Emanuel die Reichsstadt Ulm überraschend besetzen und beginnt damit den sogenannten baierisch-deutschen Krieg.

8. September 1702
Max Emanuel eröffnet den Krieg gegen Kaiser und Reich 

Ulm * Baierische Truppen überfallen und besetzen die Freie Reichsstadt Ulm. Mit diesem Landfriedensbruch gibt Kurfürst Max Emanuel seine Neutralität endgültig auf und eröffnet seinen eigenen Krieg gegen Kaiser und Reich, die sogenannte Baierische Diversion. 

Der Spanische Erbfolgekrieg hat bereits 1701 begonnen und wird zu diesem Zeitpunkt in Italien, am Rhein und in den Spanischen Niederlanden geführt. Mit dem Angriff auf Ulm weitet Max Emanuel den Krieg auf Süddeutschland aus. Die strategisch wichtige Reichsstadt soll Baiern den Weg zu den französischen Truppen am Oberrhein öffnen. Kurz darauf lässt der Kurfürst auch Memmingen und Dillingen besetzen. 

Neben Max Emanuel stellt sich unter den Kurfürsten des Reiches nur sein Bruder Joseph Clemens von Köln offen auf die Seite Frankreichs. Beide hoffen, mit französischer Unterstützung ihre Territorien zu erweitern und die Stellung des Hauses Wittelsbach zu stärken. 

30. September 1702
Der Reichstag beschließt den Reichskrieg gegen Frankreich 

Regensburg * Der Immerwährende Reichstag beschließt den Reichskrieg gegen Frankreich und stellt für die Reichsarmee das Dreifache des gewöhnlichen Truppenkontingents bereit. Anlass sind die französischen Angriffe auf Reichsgebiet sowie die Unterstützung Frankreichs für reichsfeindliche Unternehmungen. 

Max Emanuel hat sich durch sein Bündnis mit Ludwig XIV. und die gewaltsame Besetzung Ulms gegen Kaiser und Reich gestellt. Baiern wird damit zum Kriegsschauplatz und muss mit Angriffen kaiserlicher und reichsständischer Truppen rechnen. Der Kurfürst wird jedoch noch nicht förmlich geächtet; die Reichsacht gegen Max Emanuel und seinen Bruder Joseph Clemens folgt erst 1706. 

4. Januar 1703
Kaiserliche Truppen erhöhen den Druck auf Baiern 

Passau - Neuburg am Inn * Kaiserliche Truppen, die seit Dezember 1702 im Hochstift Passau stehen, besetzen Neuburg am Inn. Sie wollen damit einen strategisch wichtigen Flussübergang sichern und einem möglichen baierischen Vorstoß nach Oberösterreich zuvorkommen. Angehörige der Besatzung plündern außerdem das benachbarte Kloster Vornbach. 

Die Besetzung bildet einen ersten unmittelbaren Vorstoß gegen den baierischen Machtbereich. 

Februar 1703
Max Emanuel erobert Neuburg an der Donau 

Neuburg an der Donau * Baierische Truppen unter dem persönlichen Befehl Kurfürst Max Emanuels belagern und erobern Neuburg an der Donau. Die Stadt ist die ehemalige Residenz des Herzogtums Pfalz-Neuburg, das dem mit Kaiser Leopold I. verbündeten pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm untersteht. 

Mit der Besetzung sichert Max Emanuel einen wichtigen Donauübergang und erweitert seine Machtstellung in Richtung Franken und Oberpfalz. Zugleich verwirklicht er einen Teil seiner territorialen Pläne: Der Kurfürst betrachtet Pfalz-Neuburg als altes Erbe des Hauses Wittelsbach und will es dauerhaft seinem Herrschaftsgebiet einverleiben. 

2. März 1703
Kaiserliche und fränkische Truppen dringen in die Oberpfalz ein 

Franken - Oberpfalz - Oberösterreich - Innviertel * Kaiserliche und reichsständische Truppen beginnen einen koordinierten Zangenangriff auf das Kurfürstentum Baiern. Von Norden setzt sich Generalfeldmarschall Hermann Otto Graf von Limburg-Styrum mit etwa 7.000 kaiserlichen und fränkischen Soldaten von Greding aus in Richtung Oberpfalz in Bewegung. In den folgenden Tagen schlagen seine Truppen den baierischen Widerstand bei Mallerstetten nieder und stoßen über Dietfurt auf Neumarkt vor. 

Gleichzeitig überschreitet Feldmarschall Leopold Anton Graf Schlick mit rund 12.000 österreichischen, sächsischen und dänischen Soldaten von Oberösterreich aus die baierische Grenze. Seine Truppen nehmen die Grenzbefestigungen bei Riedau ein und rücken über Ried in Richtung Schärding vor. 

Der Angriff zwingt Kurfürst Max Emanuel, seine Streitkräfte auf zwei weit voneinander entfernte Kriegsschauplätze zu verteilen. Damit beginnt der konzentrierte militärische Versuch, Baiern zu besiegen, bevor sich die kurfürstliche Armee mit ihren französischen Verbündeten vereinigen kann.

8. April 1703
Baierische Truppen besetzen Regensburg

Regensburg * Unter dem Druck der vor der Stadt zusammengezogenen baierischen Truppen übergibt die Freie Reichsstadt Regensburg ihre Schlüssel auf der Steinernen Brücke kampflos an General Alessandro Maffei. Kurfürst Max Emanuel erzwingt zugleich ein Neutralitätsabkommen und lässt strategisch wichtige Teile der Stadt besetzen. 

Die Einnahme Regensburgs ist politisch besonders brisant: In der Stadt tagt der Immerwährende Reichstag, der wenige Monate zuvor den Reichskrieg gegen Frankreich beschlossen hat. Zudem kontrolliert Max Emanuel nun einen wichtigen Donauübergang und kann seine Stellung gegenüber den kaiserlichen und reichsständischen Truppen in der Oberpfalz stärken. 

1. Juli 1703
Der Tiroler Aufstand zwingt Max Emanuel zum Rückzug 

Tirol * Tiroler Schützen, Landmilizen und bewaffnete Bauern erheben sich gegen die baierisch-französische Besatzung. Bereits am 1. Juli vernichten sie an der Pontlatzer Brücke einen Vorstoß ins Oberinntal. Zugleich versperren Tiroler und kaiserliche Truppen den Weg über den Brenner und verhindern die geplante Vereinigung Max Emanuels mit der französischen Italienarmee. Von seinen Nachschubwegen abgeschnitten und von mehreren Seiten bedrängt, muss der Kurfürst seinen Feldzug abbrechen. 

5. September 1703
Reichstruppen besetzen das neutrale Augsburg

Augsburg * Reichstruppen unter dem Befehl Markgraf Ludwig Wilhelms von Baden besetzen überraschend die neutrale Freie Reichsstadt Augsburg. Der Rat der Stadt kann die militärische Einquartierung nicht verhindern. 

Von Augsburg aus können die kaiserlichen und reichsständischen Truppen die Donau umgehen und Baiern unmittelbar von Westen bedrohen. Max Emanuel und der französische Marschall Villars folgen dem gegnerischen Heer, wagen jedoch zunächst keinen Angriff auf dessen befestigte Stellungen. Augsburg bleibt bis zum 15. Dezember von Reichstruppen besetzt und fällt anschließend an die baierisch-französische Armee.

20. September 1703
Baiern und Frankreich siegen bei Höchstädt 

Höchstädt an der Donau * In der Ersten Schlacht bei Höchstädt treffen etwa 24.000 baierisch-französische Soldaten unter Kurfürst Max Emanuel und Marschall Villars auf ein rund 16.000 Mann starkes kaiserlich-preußisches Korps unter Generalfeldmarschall Hermann Otto Graf von Limburg-Styrum. 

Die Verbündeten greifen den Gegner von zwei Seiten an und bringen dessen Aufstellung zum Zusammenbruch. Nur der Widerstand der preußischen Nachhut unter Fürst Leopold von Anhalt-Dessau ermöglicht Styrum und den Resten seines Heeres den Rückzug nach Nördlingen. 

Die Kaiserlichen und Preußen verlieren etwa 4.000 bis 5.000 Mann, überwiegend Gefangene, sowie 37 Geschütze und fast ihren gesamten Tross. Auf baierisch-französischer Seite fallen oder verwunden sich rund 1.000 Soldaten. Der Sieg sichert Baiern vorerst gegen einen Angriff von Westen, führt aber zu keiner kriegsentscheidenden Wendung.

16. Dezember 1703
Baierisch-französische Truppen erobern Augsburg 

Augsburg * Nach mehrtägiger Belagerung und schwerem Artilleriebeschuss räumen die kaiserlichen und reichsständischen Truppen die Freie Reichsstadt Augsburg. Baierische und französische Verbände ziehen in die Stadt ein; der französische Marschall Ferdinand de Marsin nimmt mit rund 11.500 Soldaten Quartier. 

Damit bringt Kurfürst Max Emanuel Augsburg unter seine Kontrolle und beseitigt die unmittelbare Bedrohung Baierns von Westen. Für die Bevölkerung beginnt jedoch eine erneute Besatzungszeit mit hohen Einquartierungs-, Versorgungs- und Kriegslasten. Die baierisch-französische Besetzung dauert bis August 1704. 

9. Januar 1704
Passau kapituliert vor Max Emanuels Truppen 

Passau * Nach dem Einmarsch baierischer Truppen kapituliert Passau vor der Armee Kurfürst Max Emanuels. Die unter Graf Johann Franz von Gronsfeld stehenden kaiserlichen Verteidiger dürfen abziehen. Mit der Einnahme der strategisch wichtigen Dreiflüssestadt sichert sich der Kurfürst einen Ausgangspunkt für Angriffe donauabwärts und gegen das habsburgische Oberösterreich. 

Anschließend rückt die baierische Armee über die Grenze vor. Der Winterfeldzug nach Oberösterreich bringt jedoch keine dauerhaften Gebietsgewinne und bleibt militärisch ohne nachhaltigen Erfolg.

19. Mai 1704
Marlborough beginnt seinen Marsch zur Donau

Bedburg * John Churchill, Herzog von Marlborough, bricht mit rund 21.000 britischen, niederländischen und deutschen Soldaten von Bedburg nordwestlich von Köln nach Süden auf. Sein eigentliches Ziel hält er selbst vor einem Teil seiner Verbündeten geheim: Er will bis zur Donau vorstoßen, die von der baierisch-französischen Armee bedrohten habsburgischen Gebiete entlasten und eine mögliche Offensive gegen Wien verhindern. 

In fünf Wochen legt das Heer etwa 400 Kilometer zurück und wird unterwegs durch weitere verbündete Truppen verstärkt. Marlboroughs sorgfältig vorbereiteter Marsch gilt als herausragende militärische und logistische Leistung. Er schafft die Voraussetzung für die Vereinigung mit den kaiserlichen Streitkräften und schließlich für die Schlacht bei Höchstädt am 13. August 1704. 

17. August 1704
Therese Kunigunde übernimmt die Regentschaft 

Baiern - München * Vier Tage nach der vernichtenden Niederlage bei Höchstädt überträgt Kurfürst Max Emanuel seiner Gemahlin Therese Kunigunde die politische und militärische Regierungsgewalt über das Kurfürstentum Baiern. Während sich der Kurfürst mit den Resten seiner Armee nach Westen zurückzieht und später ins Exil nach Brüssel geht, bleibt sie mit ihren Kindern in München. Damit wird Therese Kunigunde zur ersten Regentin des Kurfürstentums Baiern. 

Sie übernimmt die Herrschaft in einer nahezu aussichtslosen Lage: Die kurbaierische Armee ist geschlagen, die verbündeten französischen Truppen ziehen sich zurück und die siegreichen Kaiserlichen besetzen große Teile des Landes. Im Vertrag von Ilbesheim muss Therese Kunigunde am 7. November 1704 schließlich die Besetzung Baierns anerkennen; unter ihrer eingeschränkten Regierung verbleiben lediglich die Residenzstadt München und das Rentamt München. 

7. November 1704
Der Vertrag von Ilbesheim beendet Baierns Kriegsteilnahme

Ilbesheim bei Landau - Baiern * Im Hauptquartier der kaiserlichen Truppen unterzeichnen der kurbaierische Bevollmächtigte Johann Sebald Neusönner und Vertreter Kaiser Leopolds I. den Vertrag von Ilbesheim. Der weitgehend diktierte Waffenstillstands- und Kapitulationsvertrag beendet die Beteiligung Baierns am Spanischen Erbfolgekrieg. 

Regentin Therese Kunigunde behält die eingeschränkte Herrschaft über die Residenzstadt München und den größten Teil des Rentamts München. Das übrige Kurfürstentum kommt unter die Kontrolle der kaiserlichen und verbündeten Besatzungsmächte. 

Das baierische Heer wird aufgelöst; lediglich eine 400 Mann starke Garde der Kurfürstin bleibt bestehen. Die noch von kurbaierischen Truppen gehaltenen Festungen, darunter Ingolstadt und Kufstein, müssen mitsamt Waffen und Vorräten übergeben werden. Außerdem sind die Münchner Befestigungsanlagen teilweise zu schleifen und die französischen Offiziere auszuweisen. 

15. Dezember 1704
Die besetzten Rentämter müssen Millionen zahlen 

Straubing - Landshut - Burghausen * Den drei besetzten baierischen Rentämtern wird eine Kontribution von insgesamt 3,15 Millionen Gulden auferlegt. Mit diesen Zwangsabgaben sollen die kaiserlichen Besatzungstruppen unterhalten werden. Die geforderte Summe übersteigt das gewöhnliche jährliche Steueraufkommen des gesamten Kurfürstentums um mehr als das Doppelte. 

Zusätzlich wird eine außerordentliche Landsteuer erhoben, aus der die Auflösung und Entlassung des kurbaierischen Heeres finanziert werden soll. Gleichzeitig beziehen die kaiserlichen Truppen in den besetzten Gebieten ihre Winterquartiere. Die Bevölkerung muss deshalb nicht nur hohe Geldzahlungen leisten, sondern auch Soldaten unterbringen und mit Lebensmitteln, Brennmaterial und weiteren Gütern versorgen. 

21. Dezember 1704
Therese Kunigunde verpflichtet sich zur Neutralität 

München * In einem ergänzenden Revers zum Vertrag von Ilbesheim verpflichtet sich Regentin Therese Kunigunde, in dem ihr verbliebenen Herrschaftsgebiet keine gegen Kaiser Leopold I. oder das Heilige Römische Reich gerichteten Handlungen zu dulden oder zu unterstützen. 

Damit bekräftigt sie die Neutralität des Rentamts München und erkennt die im Ilbesheimer Vertrag festgelegte neue Machtordnung an. Die Erklärung schränkt ihren politischen Handlungsspielraum weiter ein und trennt ihre Regierung endgültig von der anhaltenden Kriegspolitik ihres im Exil lebenden Gemahls Max Emanuel.

16. Februar 1705
Kurfürstin Therese Kunigunde reist nach Venedig

München - Venedig * Kurfürstin Therese Kunigunde verlässt München, um in Venedig ihre Mutter, die polnische Königinwitwe Maria Kasimira, zu treffen und sich mit ihr über die politische Lage zu beraten. 

Der Ilbesheimer Vertrag von 1704 sichert der Kurfürstin noch die Herrschaft über das Rentamt München. Während ihrer Abwesenheit übernimmt die kaiserliche Seite jedoch auch dort die Kontrolle und verweigert ihr später die Rückkehr nach Baiern. Aus der vorübergehend geplanten Reise wird ein langjähriges Exil. 

20. März 1705
Kaiser Leopold I. richtet eine Landesverwaltung für Baiern ein 

Wien - Landshut * Unter dem Vorsitz des Hofkriegsratspräsidenten Prinz Eugen von Savoyen beraten hohe kaiserliche Amtsträger über die Verwaltung des besetzten Kurfürstentums. Mit Misstrauen verfolgt der Wiener Hof die fortbestehenden Verbindungen zwischen München und dem im Exil lebenden Kurfürsten Max Emanuel. 

Auf Empfehlung Prinz Eugens und des Hofkriegsrats richtet Kaiser Leopold I. eine zentrale zivile Landesverwaltung ein: die Kaiserliche Administration. Als Sitz ist zunächst Landshut vorgesehen. Die Leitung übernimmt im weiteren Verlauf Graf Maximilian Karl von Löwenstein-Wertheim-Rochefort. 

Damit erhält die kaiserliche Herrschaft in Baiern neben der militärischen Besatzung eine eigenständige Verwaltungsorganisation. 

April 1705
Das Niederlassungsverbot für Juden besteht weiter

München * Das Niederlassungsverbot für Juden im Herzogtum Baiern gilt auch während der kaiserlichen Administration. Dennoch halten sich einzelne Juden mit Sondergenehmigungen in München auf, vor allem Hoffaktoren und Hoffinanziers, Lieferanten des Hofes oder Militärs und durchreisende Kaufleute. Es handelt sich aber nur um wenige Einzelpersonen oder einzelne Familien, nicht um eine organisierte Gemeinde. 

Die habsburgische Verwaltung hebt die antijüdischen Bestimmungen nicht auf, obwohl in Wien und anderen habsburgischen Territorien bereits größere jüdische Gemeinden existieren. Bayern bleibt auch unter österreichischer Verwaltung konfessionell und rechtlich weitgehend bei seinen bisherigen Regelungen. 

5. Mai 1705
Baierns Bevölkerung leidet unter der Besatzung 

Wien - Baiern * Kaiser Leopold I. stirbt in Wien. Sein 26-jähriger Sohn Joseph I., bereits seit 1690 gewählter römisch-deutscher König, folgt ihm ohne erneute Wahl als Kaiser nach. 

Joseph setzt gegenüber dem besetzten Kurfürstentum Baiern auf einen harten Kurs. Das Land soll zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegführung beitragen und als Machtgrundlage Kurfürst Max Emanuels geschwächt werden. 

Besonders schwer treffen die Besatzungslasten die Landbevölkerung. Neben hohen Steuern und Kriegsabgaben muss sie einquartierte und durchziehende Truppen mit Unterkunft, Lebensmitteln und Futter versorgen. Hinzu kommt die Disziplinlosigkeiten und Exzesse der Soldaten, die der Landbevölkerung oft zusätzliche Leistungen abpressten. Die Bauern müssen für die Militaristen Dirnen besorgen und bezahlen. Häufig zwingt man sie bei Vergewaltigungen der eigenen Frau, der Töchter und Anverwandten zuzusehen. Selbst von jungen Mädchen und Schwangeren nehmen die Soldaten keinen Abstand.  

Die Beschlagnahmung von Vorräten und Vieh bedroht die Existenz bäuerlicher Familien und beeinträchtigt zugleich die Versorgung der Städte. Die wachsende Not und die Gewalt der Besatzung tragen wesentlich dazu bei, dass sich im weiteren Verlauf des Jahres bewaffneter Widerstand formiert. 

15. Mai 1705
München wird von den Kaiserlichen belagert

München * Feldmarschall Johann Franz Graf von Gronsfeld rückt mit rund 8.000 kaiserlichen und verbündeten Soldaten sowie Belagerungsgeschützen vor München. Er fordert die sofortige Übergabe und droht andernfalls mit der Beschießung der Stadt. Teile der Bürgerschaft wollen Widerstand leisten, doch Regierung und Stadtmagistrat erkennen die militärische Übermacht und nehmen Verhandlungen auf. 

Gronsfeld sichert schriftlich zu, die in München lebenden Söhne Kurfürst Max Emanuels nicht anzutasten und die Rechte der Bürgerschaft zu wahren. Außerdem sollen die Kosten der Einquartierung nicht allein den Bürgern auferlegt, sondern auch vom Hofpersonal, vom Adel und von der Geistlichkeit getragen werden. Daraufhin stimmt die Stadt der kampflosen Übergabe zu. 

16. Mai 1705
München gerät unter kaiserliche Besatzung und Verwaltung

München * Kaiserliche Truppen ziehen vor München auf und drohen mit Beschuss. Die Stadt gibt nach und lässt die Besatzung ein. Mit dem zugehörigen Rentamt fällt damit auch der letzte der Kurfürstin verbliebene Herrschaftsbereich unter unmittelbare kaiserliche Kontrolle. Als Rechtfertigung dient unter anderem der Vorwurf, die im Ilbesheimer Vertrag vereinbarten Abrüstungsmaßnahmen würden nicht ausreichend umgesetzt. 

Die Kaiserliche Administration unter Reichsgraf Maximilian Carl von Löwenstein-Wertheim-Rochefort übernimmt die zivile Verwaltung. Sie verlegt ihren Sitz anschließend von Landshut in die Münchner Herzog-Max-Burg. Von dort aus organisiert sie die Landesverwaltung und die Erhebung von Abgaben. 

Um den 16. Mai 1705
Der Kurfürstin wird die Rückkehr nach Baiern verweigert

Venedig - München * Die kaiserliche Seite verweigert Kurfürstin Therese Kunigunde die Rückkehr aus Italien nach Baiern. Damit kann sie ihre im Ilbesheimer Vertrag von 1704 zugesicherte Regierungsgewalt über das Rentamt München nicht mehr ausüben. 

Ihre Kinder bleiben in München zurück. Aus der vorübergehend geplanten Reise zur Begegnung mit ihrer Mutter wird ein langjähriges Exil. 

Um den 16. Mai 1705
Der wittelsbachische Hausschatz wird bei den Franziskanern verborgen

München-Graggenau * Nach der Niederlage Kurfürst Max Emanuels und der Besetzung Baierns bringen Vertraute den wittelsbachischen Hausschatz in Sicherheit. Kostbare Gegenstände aus dem Besitz des Herrscherhauses werden im Münchner Franziskanerkloster verborgen und bleiben dort während der kaiserlichen Besatzungszeit bis 1715 verwahrt. 

Das Datum 16. Mai 1705 bezieht sich auf den Tag, an dem kaiserliche Truppen München besetzen. Es ist ein naheliegender Bezugspunkt, kann aber nicht abschließend als Datum der Verbergung angesetzt werden. 

Nach dem 16. Mai 1705
Die Besatzungszeit belebt Münchens Kaffeehauskultur

München * Mit den kaiserlichen Besatzungstruppen kommen zahlreiche österreichische Beamte und Soldaten nach München. Viele von ihnen sind den Kaffeegenuss und den Besuch von Kaffeehäusern aus Wien gewohnt und wollen auch an ihrem neuen Dienstort nicht darauf verzichten. 

Die zusätzliche Nachfrage beschert den noch jungen Münchner Kaffeeschänken einen deutlichen Aufschwung und trägt dazu bei, das bis dahin wenig verbreitete Getränk in der Stadt bekannter zu machen. Damit gewinnt die Münchner Kaffeehauskultur während der kaiserlichen Besatzungszeit von 1705 bis 1715 dauerhaft an Bedeutung. 

24. Mai 1705
Die Entfernung der kurbaierischen Prinzen wird geplant 

München - Wien * Landesadministrator Maximilian Karl von Löwenstein-Wertheim-Rochefort schlägt Kaiser Joseph I. vor, die Söhne Kurfürst Max Emanuels aus München in die österreichischen Erblande zu bringen. Als Begründung nennt er die „Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung“ in Baiern. 

Durch ihre Entfernung soll verhindert werden, dass die jungen Wittelsbacher zu Symbolfiguren des Widerstands gegen die kaiserliche Besatzung werden. Der Vorschlag wird zunächst nicht umgesetzt. Erst im Mai 1706 werden Kurprinz Carl Albrecht und drei seiner Brüder unter kaiserlicher Aufsicht nach Klagenfurt gebracht; ihre Schwester und die jüngeren Brüder bleiben in München. 

25. Mai 1705
Eine neue Kriegssteuer verschärft die Not 

München - Baiern * Aus Geldnot erhebt die Kaiserliche Administration eine weitere außerordentliche Kriegssteuer. Sie kommt zu einer bereits von jedem Hof geforderten Kriegsanleihe von 43 Gulden hinzu und muss innerhalb von acht Tagen entrichtet werden. 

Obwohl viele Untertanen durch Einquartierungen, Truppendurchzüge und frühere Abgaben bereits weitgehend ausgezehrt sind, wird die Zahlung vielfach mit Gewalt eingetrieben. Missbrauch und überhöhte Forderungen örtlicher Amtsträger können die Belastung zusätzlich verschärfen. Die wachsende Steuerlast verstärkt die Unzufriedenheit mit der kaiserlichen Herrschaft. 

6. Juni 1705
Die baierischen Beamten schwören Kaiser Joseph I. die Treue 

München * Baierische Beamte leisten am 6. beziehungsweise 8. Juni 1705 dem römisch-deutschen Kaiser Joseph I. den Treueid. Damit erkennen sie die Herrschaft der Kaiserlichen Administration an und verpflichten sich, ihre Ämter künftig in deren Dienst auszuüben. 

Die Vereidigung sichert der Besatzungsregierung den Zugriff auf den bestehenden Verwaltungsapparat. Zugleich schwächt sie die Bindung der Beamtenschaft an den im Exil lebenden Kurfürsten Max Emanuel. 

16. Juni 1705
Je vier Höfe müssen einen Rekruten stellen 

München - Baiern * Die Kaiserliche Administration beendet die bislang weitgehend unkontrollierten Anwerbungen durch militärische Kommandos und überträgt die Rekrutierung den örtlichen Zivilbehörden. 

Innerhalb von sechs Wochen müssen jeweils vier Höfe einen wehrfähigen Mann für die kaiserliche Armee stellen. Die hohe Forderung greift tief in das Leben und die Arbeitsfähigkeit der bäuerlichen Familien ein. Da die Behörden kaum genügend Rekruten erhalten, verschärft sich der Druck auf die Landbevölkerung weiter.

1. Juli 1705
Die baierischen Landstände huldigen Kaiser Joseph I. 

München * Vertreter der baierischen Landstände leisten Kaiser Joseph I. den Treueid und erkennen damit die Herrschaft der Kaiserlichen Administration an. Zu den Landständen gehören die Prälaten, der Adel sowie die Vertreter der Städte und Märkte; die bäuerliche Bevölkerung besitzt keine eigene Vertretung. 

Die Huldigung verschafft der Besatzungsregierung politische und rechtliche Anerkennung durch die führenden Kräfte des Landes. Sie bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass diese ihre Bindung an den im Exil lebenden Kurfürsten Max Emanuel endgültig aufgeben. 

24. Juli 1705
Der Rekrutierungsdruck auf ledige Bauernburschen wächst 

München - Baiern * Da die Anordnung vom 16. Juni kaum Rekruten einbringt, ändert die Kaiserliche Administration das Verfahren. Statt vier müssen nun jeweils zwölf Höfe gemeinsam bis zum 10. August einen wehrfähigen Mann stellen. Gelingt dies nicht, werden 16 Gulden Ersatzgeld fällig; unter mehreren geeigneten Männern soll notfalls das Los entscheiden. 

Ledige und umherziehende Bauernburschen geraten dabei besonders ins Visier der Behörden und können zum Militärdienst eingezogen werden. Trotz der herabgesetzten Quote bleibt die Zwangsrekrutierung eine schwere Belastung für die Landbevölkerung. 

9. September 1705
Jeder dritte Mann der Landfahnen soll einrücken 

München - Baiern * Die Kaiserliche Administration verschärft die Zwangsrekrutierungen: Jeder dritte Mann der baierischen Landfahnen soll zum Militärdienst eingezogen werden. Diese örtlichen Aufgebote sind ursprünglich zur Verteidigung des eigenen Landes aufgestellt worden und nicht für den Einsatz in der kaiserlichen Armee vorgesehen. 

Die Anordnung greift tief in das Leben der Landbevölkerung ein und verstärkt den Widerstand gegen das Besatzungsregime. Viele der betroffenen Männer entziehen sich der Einberufung durch Flucht oder schließen sich später dem Aufstand an. 

Um den 2. Oktober 1705
Die Zwangsaushebungen treiben das Land zum Widerstand 

München - Baiern * Da sich zahlreiche junge Männer der Einberufung durch Flucht oder Verstecken entziehen, verschärft die Kaiserliche Administration ihre Rekrutierungspolitik. Verwaltungsbeamte und militärische Kommandos erhalten den Auftrag, wehrfähige Männer aufzuspüren und zur Auffüllung der kaiserlichen Regimenter einzuziehen. 

Bauernsöhne und Knechte werden bei der Arbeit oder in ihren Häusern festgenommen und teilweise gefesselt abtransportiert. Dadurch verlieren viele Höfe dringend benötigte Arbeitskräfte. Die gewaltsamen Aushebungen verschärfen die Not und den Unmut der Landbevölkerung. Aus Beschwerden und passiver Verweigerung entwickelt sich zunehmend offener Widerstand – eine entscheidende Voraussetzung für die wenige Wochen später beginnende baierische Volkserhebung.

Um den 10. Oktober 1705
Erste Unruhen gegen die Zwangsrekrutierungen 

Niederbaiern - Innviertel - Oberpfalz * Die gewaltsamen Rekrutierungen lösen erste offene Unruhen aus. Im Innviertel, in den Gebieten an Vils und Rott sowie in Teilen der Oberpfalz widersetzt sich die Bevölkerung den Aushebungen. Junge Männer fliehen oder verstecken sich, während Angehörige und Dorfgemeinschaften versuchen, ihre Verschleppung zu verhindern. 

Aus vereinzelten Protesten entwickelt sich allmählich organisierter Widerstand gegen die Kaiserliche Administration. Die Unruhen bilden den Auftakt zur baierischen Volkserhebung von 1705 und 1706.

15. Oktober 1705
Protest gegen die Zwangsrekrutierungen im Isarwinkel 

Lenggries * Im Isarwinkel protestiert die Bevölkerung gegen die gewaltsame Einziehung wehrfähiger Männer in die kaiserliche Armee. Die Zwangsrekrutierungen bedrohen nicht nur Freiheit und Leben der Betroffenen, sondern entziehen den bäuerlichen Höfen auch dringend benötigte Arbeitskräfte. 

Der Widerstand bei Lenggries zeigt, dass die Unruhen inzwischen auch das baierische Oberland erfassen. Aus der Ablehnung der Rekrutierungen entwickelt sich in den folgenden Wochen eine breitere Erhebung gegen die Kaiserliche Administration. 

Um den 25. Oktober 1705
Aus den Unruhen wird offener Widerstand 

Oberpfalz - Niederbaiern * Der Widerstand gegen die Zwangsrekrutierungen verschärft sich. Einwohner behindern die Aushebungen, verstecken wehrfähige Männer und befreien vereinzelt bereits festgenommene Rekruten. Dabei kommt es zunehmend zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Amtspersonen und kaiserlichen Soldaten. 

Aus den zunächst örtlich begrenzten Protesten entwickelt sich eine breitere Erhebung gegen die kaiserliche Besatzung. Anfang November greift der bewaffnete Aufstand auf weite Teile der Oberpfalz und Niederbaierns über. 

Um den 3. November 1705
Der Aufstand erfasst das Rentamt Burghausen 

Rentamt Burghausen * Der wachsende Widerstand gegen Zwangsrekrutierungen, hohe Abgaben und die Übergriffe kaiserlicher Soldaten schlägt in offenen Aufruhr um. Bauern, Handwerker und andere Bewohner widersetzen sich den Behörden und beginnen, sich zu bewaffnen und örtlich zusammenzuschließen. 

Damit entwickelt sich das Rentamt Burghausen zu einem der wichtigsten Ausgangsräume der baierischen Volkserhebung. In den folgenden Wochen organisieren sich die Aufständischen zunehmend und bringen große Teile des Gebietes unter ihre Kontrolle. 

10. November 1705
Kaiserliche Truppen rücken gegen die Aufständischen vor 

Altötting - Burghausen * Die Kaiserliche Administration reagiert auf den wachsenden Aufstand im Rentamt Burghausen und entsendet eine rund 600 Mann starke Streitmacht in die Region. Unter dem Befehl von Oberst Johann Baptist de Wendt marschieren 100 Grenadiere, 300 Rekruten sowie jeweils 100 Husaren und Kürassiere auf. Vier Regimentsgeschütze verstärken den Verband. 

Die Truppen sollen die Unruhen eindämmen, die Zwangsrekrutierungen durchsetzen und die kaiserliche Herrschaft im Raum Altötting und Burghausen sichern. Ihre Entsendung verschärft jedoch den Konflikt und trägt zur weiteren Mobilisierung der Aufständischen bei. 

13. November 1705
Der Kampf um Burghausen beginnt

Burghausen * Bewaffnete Aufständische aus dem Rentamt ziehen gegen Burghausen. Die Stadt mit ihrer mächtigen Festung ist Sitz der kaiserlichen Behörden und besitzt große strategische Bedeutung. Wer sie kontrolliert, beherrscht einen wichtigen Abschnitt an Salzach und Inn. 

Die Aufständischen beginnen, die Zugänge zur Stadt zu sperren und die kaiserliche Besatzung unter Druck zu setzen. Damit entwickelt sich Burghausen zu einem der ersten bedeutenden Schauplätze der baierischen Volkserhebung. 

14. November 1705
Wien droht den Aufständischen mit militärischer Gewalt 

Wien * Ein kaiserliches Mandat kündigt den Einsatz von Truppen gegen die Aufständischen an, die darin als „Tumultuanten“ bezeichnet werden. Sie sollen ihren Widerstand aufgeben und sich der Obrigkeit unterwerfen. 

Damit behandelt der Kaiserhof die Proteste gegen Zwangsrekrutierungen und Besatzungslasten nicht länger als örtliche Unruhen, sondern als gewaltsam niederzuschlagenden Aufruhr. Die Aussicht auf eine friedliche Beilegung des Konflikts schwindet weiter. 

16. November 1705
Burghausen fällt an die Aufständischen 

Burghausen * Die Stadt kapituliert vor den Aufständischen und wird zu einem ersten bedeutenden Machtzentrum der Erhebung. In den Verhandlungen verlangen die Unterländer die Wahrung der alten Rechte, eine Begrenzung der Abgaben auf das unter dem Kurfürsten übliche Maß und ein Ende der Zwangsrekrutierungen. Bauernsöhne und Knechte sollen auf ihren Höfen bleiben und nur zur Verteidigung des eigenen Landes herangezogen werden. 

Die Forderungen richten sich zunächst vor allem gegen die hohen Belastungen und den Einsatz der Landfahnen für die kaiserliche Kriegführung. Die Aufständischen verstehen sich als Vertreter der „ganzen Gemein der Kurlande Baiern“. Kurz darauf drängen sie den angesehenen Burghauser Kastner und Landfahnenhauptmann Franz Bernhard von Prielmayr, als Kriegskommissär der Landesdefension mitzuwirken. 

Mit dem militärischen Erfolg werden die Ziele weitreichender: Zunehmend fordern die Aufständischen nun auch die Beseitigung der Kaiserlichen Administration, die sie für die „unerträglichen Lasten“ des Landes verantwortlich machen. 

22. November 1705
Plinganser ruft zum Kampf für die „baierische Freiheit“ auf 

Kurfürstentum Baiern * Unter dem Namen „J. H. Wormbs“ veröffentlicht Georg Sebastian Plinganser ein Mandat, das alle nichtadeligen und unverheirateten kurbaierischen Untertanen zu den Waffen ruft. Gemeinsam sollen sie die kaiserlichen Truppen aus dem Land vertreiben und die „alt churbaierische Libertät“ wiederherstellen. 

Damit verändert sich der Charakter der Erhebung: Richtet sich der Widerstand zunächst vor allem gegen Zwangsrekrutierungen, hohe Abgaben und Übergriffe der Soldaten, fordert Plinganser nun offen die Vertreibung der Besatzungsmacht. Aus örtlichen Protesten wird ein politischer und militärischer Kampf um die Wiederherstellung der kurbaierischen Herrschaft. 

23. November 1705
Kaiserliche Truppen zerschlagen die Belagerung Wasserburgs 

Wasserburg am Inn * Am Magdalenenberg treffen die schlecht bewaffneten Aufständischen auf rund 1.100 kaiserliche Soldaten unter Oberst Johann Baptist de Wendt. Die Belagerer wollen den strategisch wichtigen Innübergang und die von etwa 250 Kaiserlichen verteidigte Stadt in ihre Gewalt bringen. 

Den militärisch ausgebildeten und berittenen Truppen haben die Bauern und jungen Burschen kaum etwas entgegenzusetzen. Kaiserliche Husaren brechen ihren Widerstand und richten ein Blutbad an. Rund 300 Aufständische kommen ums Leben, zahlreiche weitere geraten in Gefangenschaft. Wasserburg bleibt unter kaiserlicher Kontrolle. 

25. November 1705
Unruhen gegen die Zwangsrekrutierungen 

Benediktbeuern * Die Zwangsrekrutierungen lösen auch im Klostergericht Benediktbeuern offene Unruhen aus. Einwohner widersetzen sich der Einziehung wehrfähiger Männer in die kaiserliche Armee und protestieren gegen die damit verbundenen Eingriffe in ihre Gemeinden und bäuerlichen Haushalte. 

Die Tumulte zeigen, dass der Widerstand gegen die Kaiserliche Administration nun auch im baierischen Oberland wächst. 

27. November 1705
Die Aufständischen besetzen Vilshofen 

Vilshofen an der Donau * Die Aufständischen nehmen die strategisch bedeutende Donaustadt Vilshofen ein. Damit bringen sie einen wichtigen Flussübergang und Verkehrsknotenpunkt unter ihre Kontrolle. 

Der Erfolg stärkt die Volkserhebung im östlichen Niederbaiern und erleichtert die Verbindung zwischen den Aufstandsgebieten an Donau, Vils und Rott. Vilshofen bleibt jedoch umkämpft und fällt Ende Dezember wieder an die Kaiserlichen. 

28. November 1705
Kaiserliche Truppen nehmen Neuötting zurück

Neuötting * Kaiserliche Truppen erobern das von den Aufständischen besetzte Neuötting zurück. Damit sichern sie einen wichtigen Verkehrspunkt zwischen Mühldorf, Altötting und Burghausen und erschweren die Verbindung zwischen den einzelnen Aufstandsgebieten. 

Während die Landesdefension am selben Tag mit dem Einzug in Braunau einen bedeutenden Erfolg erzielt, zeigt der Verlust Neuöttings, dass die militärische Lage weiterhin unsicher bleibt. 

28. November 1705
Die Administration stellt ein Ende der Zwangsrekrutierungen in Aussicht

München * Auf Drängen der Landschaftsverordnung, der ständigen Vertretung der baierischen Landstände, sagt die Kaiserliche Administration zu, die Zwangsrekrutierungen einzustellen. Die Landschaftsverordnung distanziert sich zwar ausdrücklich vom Aufstand der Bauern, erkennt deren Beschwerden über Abgaben, Einquartierungen und gewaltsame Aushebungen jedoch als berechtigt an. 

Gegenüber dem Kaiser beklagt sie das seit Langem auf dem Land lastende Elend und wirbt für eine Verständigung zwischen der Obrigkeit und den Aufständischen. Die Zusage beruhigt die Lage allerdings nicht: Die Rekrutierungen enden vorerst nicht vollständig, und der bewaffnete Aufstand breitet sich weiter aus. 

29. November 1705
Der Aufstand beschäftigt den Immerwährenden Reichstag 

Regensburg * Die Nachrichten über die rasche Ausbreitung der baierischen Volkserhebung erreichen den Immerwährenden Reichstag. Die dort versammelten Gesandten der Reichsstände befassen sich besorgt mit dem „rebellischen Volk“ in Baiern. 

Damit wird der Aufstand auch zu einem reichspolitischen Thema. Die Unruhen gefährden nicht nur die kaiserliche Herrschaft im besetzten Kurfürstentum, sondern können auch die Kriegführung und die politische Ordnung im Heiligen Römischen Reich beeinträchtigen. 

 

Um den 1. Dezember 1705
De Wendt verstärkt sein Korps 

München * Oberst Freiherr Johann Baptist de Wendt verfügt inzwischen über rund 1.300 Soldaten, darunter etwa 400 Reiter. Mit diesem beweglichen und militärisch erfahrenen Verband kann die Kaiserliche Administration rasch gegen die nur unzureichend ausgebildeten und bewaffneten Aufständischen vorgehen. 

De Wendts Korps wird damit zu einem der wichtigsten Instrumente bei der militärischen Bekämpfung der baierischen Volkserhebung. 

Um den 2. Dezember 1705
Proteste gegen die Zwangsrekrutierungen erreichen Valley

Valley * In Valley kommt es zu offenen Unruhen gegen die gewaltsame Einziehung wehrfähiger Männer in die kaiserliche Armee. Die Bevölkerung widersetzt sich den Rekrutierungsmaßnahmen, durch die Familien ihre Söhne und bäuerliche Höfe dringend benötigte Arbeitskräfte verlieren. 

Die Tumulte zeigen, dass sich der Widerstand gegen die Kaiserliche Administration im Oberland weiter ausbreitet. 

4. Dezember 1705
Der Angriff auf München wird geplant

Braunau * Der frühere baierische Kriegskommissär Matthias Ägidius Fuchs trifft in Braunau ein. Gemeinsam mit Georg Sebastian Plinganser entwirft er einen Plan, der die Erhebung auf weitere Landesteile ausweiten und schließlich zur Einnahme Münchens führen soll. 

Aufstände im Bayerischen Wald, an der unteren Isar und im Raum Kelheim sollen kaiserliche Truppen binden. Währenddessen soll das Unterländer Defensionsheer über Mühldorf und Ebersberg gegen die Hauptstadt vorrücken. Gleichzeitig sind unterstützende Angriffe aus den Gerichten nördlich und südlich von München vorgesehen. 

Der ehrgeizige Plan setzt auf ein abgestimmtes Vorgehen weit voneinander entfernter Aufstandsgruppen. Damit wird die Eroberung Münchens zum zentralen militärischen Ziel der Landesdefension. 

10. Dezember 1705
In Anzing beginnen Verhandlungen

Anzing * Gemäßigte Vertreter der Burghauser Aufständischen treffen unter Führung Franz Bernhard von Prielmayrs mit Abgesandten der baierischen Landschaft zusammen. Die Kaiserliche Administration stimmt den Verhandlungen im Anzinger Högerschlösschen zu. 

Die Delegierten suchen nach einer friedlichen Beilegung des Konflikts. Sie tragen die Beschwerden der Bevölkerung über Zwangsrekrutierungen, hohe Abgaben, Einquartierungen und Übergriffe der Besatzungstruppen vor.

Um den 10. Dezember 1705
Gerüchte über eine Verschleppung der Kurprinzen

München * In der Stadt verbreitet sich zunehmend das Gerücht, die in der Residenz lebenden Söhne des im Exil befindlichen Kurfürsten Max Emanuel sollten nach Österreich gebracht werden. Ein unmittelbar bevorstehender Abtransport lässt sich nicht belegen; Überlegungen zu einer Verlegung der Prinzen hat es innerhalb der Kaiserlichen Administration jedoch bereits gegeben. 

Die Nachricht verstärkt die Angst vor einem endgültigen Ende der wittelsbachischen Herrschaft. Die Aufstandsführung greift das Gerücht auf und nutzt es in den folgenden Tagen, um weitere Unterstützer für den geplanten Marsch auf München zu gewinnen. 

Um den 10. Dezember 1705
Das Landgericht Tölz wird für den Aufstand mobilisiert

Tölz * Die ehemaligen baierischen Leutnants Johann Georg Aberle und Johann Houis treffen in Tölz ein. Zu ihnen stößt Adam Schöttl aus Lenggries, genannt „Jägeradam“, der als Hofmarksjäger in Iffeldorf tätig ist. 

Gemeinsam mit dem Tölzer Pflegskommissär Joseph Ferdinand Dänkel werben sie im Landgericht für die Erhebung gegen die Kaiserliche Administration. Ihre militärische Erfahrung und ihre örtlichen Verbindungen bilden eine wichtige Grundlage für die Aufstellung der später nach München ziehenden Oberländer. 

11. Dezember 1705
Ein zehntägiger Waffenstillstand wird vereinbart 

 Anzing * Die Verhandlungen führen zu einer vorläufigen Einigung. Die Kaiserliche Administration stimmt einem zehntägigen Waffenstillstand mit den aufständischen Unterländern zu. Das Korps des Obersten Johann Baptist de Wendt soll sich zurückziehen, behält jedoch wichtige strategische Stellungen. 

Die Vereinbarung soll weitere Kämpfe verhindern und Zeit für Verhandlungen über die Beschwerden der Bevölkerung schaffen. Innerhalb der Aufstandsbewegung bleibt der Kompromiss allerdings umstritten. 

12. Dezember 1705
Der Waffenstillstand von Anzing tritt in Kraft

Anzing - Niederbaiern * Der zehntägige Waffenstillstand zwischen der Kaiserlichen Administration und den aufständischen Unterländern tritt in Kraft. Die Kampfhandlungen sollen ruhen, während beide Seiten nach einer Verständigung suchen. 

Die auf Konfrontation setzende Braunauer Gruppe um Georg Sebastian Plinganser und Matthias Ägidius Fuchs hält jedoch am geplanten Angriff auf München fest. Sie nutzt die Kampfpause, um weitere Gebiete zu mobilisieren und den Vormarsch auf die Hauptstadt vorzubereiten.

12. Dezember 1705
Die Administration bedroht auch die Familien der Aufständischen

München * Die Kaiserliche Administration erlässt ein Abmahnungsmandat gegen die Aufstandsbewegung. Es droht nicht nur den Aufständischen selbst, sondern auch ihren Familien mit staatlichen Strafen. Selbst Angehörige, die nicht persönlich an der Erhebung beteiligt sind, sollen damit für das Verhalten ihrer Verwandten haftbar gemacht werden. 

Durch diese Form der Kollektivhaftung versucht die Verwaltung, die Bevölkerung einzuschüchtern, den Aufständischen jede Unterstützung zu entziehen und ihre Bewegung gesellschaftlich zu isolieren. Am 19. Dezember werden die Drohungen in einem weiteren Mandat noch erheblich verschärft. 

12. Dezember 1705
De Wendt wird Stadtkommandant von München

Wasserburg - Burghausen - München * Die Kaiserliche Administration verstärkt die Besatzung Wasserburgs auf rund 1.700 Mann und überträgt Generalwachtmeister Georg Friedrich Freiherr von Kriechbaum den Oberbefehl. Mit den bisherigen Operationen des Obersten Johann Baptist de Wendt gegen die Aufständischen im Raum Burghausen ist die Verwaltung unzufrieden. 

De Wendt wird deshalb nach München zurückbeordert und zum Stadtkommandanten ernannt. Wenige Tage später übernimmt er eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung der Hauptstadt gegen die anrückenden Oberländer. 

16. Dezember 1705
Ein Manifest begründet den Widerstand

Königsdorf * Die Münchner Wirte Johann Jäger, Johann Georg Küttler und Georg Hallmayr beraten mit Vertretern des Oberlands. Zu ihren Gesprächspartnern gehören Adam Schöttl, genannt „Jägeradam“, der Tölzer Weinwirt Franz Jäger sowie die Bierbrauer Michael Schaindl und Anton Fiechtner. 

Die Versammelten verständigen sich auf eine Begründung des Aufstands. Sie verweisen auf 

  • die hohen Steuern und Kriegsumlagen,
  • die Belastungen durch Einquartierungen und Übergriffe der Soldaten,
  • die vertragswidrige Besetzung des Rentamts München,
  • die Verweigerung der Rückkehr der Kurfürstin,
  • die Beschlagnahmung kurfürstlichen Eigentums sowie
  • die befürchtete Deportation der Prinzen. 

Die Besetzung des Rentamts München betrachten sie als Vertragsbruch. Weil sie von der Landschaftsvertretung keine ausreichende Hilfe erwarten, erklären sie die Vertreibung der kaiserlichen Verwaltung zum Ziel.

17. Dezember 1705
Die Unterländer setzen den Kampf fort 

Niederbaiern * Die Aufständischen unter Johannes Hoffmann erhalten weiteren Zulauf. Sie nehmen den Kampf gegen die kaiserlichen Truppen unter Oberst Johann Baptist de Wendt wieder auf und setzen sich damit über den in Anzing vereinbarten Waffenstillstand hinweg. 

Die Hoffnung auf einen militärischen Erfolg verdrängt die Aussicht auf eine Verhandlungslösung. 

18. Dezember 1705
Übertriebene Versprechen sollen zum Marsch auf München bewegen 

Tölz * Im Franziskanerkloster versammeln sich Beamte, Gemeindevertreter und Offiziere aus Tölz und den umliegenden Herrschaftsgebieten. Zu den Teilnehmern gehören der Valleyer Pflegskommissär Maximilian Alram und der ehemalige baierische Kriegskommissär Matthias Ägidius Fuchs sowie mehrere Offiziere. 

Den Versammelten wird - auf Grundlage von Halbwahrheiten und maßlosen Übertreibungen - eröffnet, dass die kaiserliche Administration plane, die kurfürstlichen Prinzen aus München zu entführen. Daher bäten einige Adelige und die Münchner Bürgerschaft dringend darum, dass das Oberland zu den Waffen greife und die Kaiserlichen aus München vertreibe. Dabei werden folgende Behauptungen vorgebracht:

  • Aus dem Rentamt München stünden dafür 20.000 Mann bereit.
  • Aus dem Unterland erwarte man weitere 8.000 Mann. 
  • Die Münchner hätten zugesichert, die Aufständischen ohne den Verlust eines einzigen Mannes und ohne einen Schuss Pulver in die Stadt zu schleusen.
  • Den Beamten wird erklärt, dass der „Marsch nach München“ den Intentionen des Kurfürsten entspreche, was ein Schreiben vom 9. Dezember 1705 belege.
  • Für die Gerichte südlich von München wird ein allgemeiner Aufgebotsbefehl erlassen.

Anmerkung: Das Mandat des Kurfürsten Max Emanuel vom 9. Dezember 1705 war eine Fälschung, die vermutlich von der Braunauer Führungsgruppe um Matthias Plinganser angefertigt wurde. 

Fake News als politisches Mittel also schon seinerzeit. 

19. Dezember 1705
Die kaiserliche Verwaltung droht mit kollektiver Bestrafung

München * Die kaiserliche Administration fordert die Aufständischen zur Niederlegung ihrer Waffen und zur Anzeige ihrer Anführer auf. 

Wer weiter bewaffnet Widerstand leistet, muss mit Hinrichtung und dem Verlust seines Besitzes rechnen. Auch die Zerstörung von Dörfern, Höfen und Häusern wird angedroht. Die Drohungen richten sich ausdrücklich gegen Angehörige der Aufständischen. Selbst eine unter Zwang erfolgte Teilnahme soll nicht als Entschuldigung gelten. 

Das Mandat soll die Bevölkerung einschüchtern und den Aufstand von seiner Unterstützung in den Gemeinden abschneiden.

24. Dezember 1705
Die Unterländer bleiben östlich von München gebunden

Steinhöring - Anzing * Das unterländische Aufgebot unter Johannes Hoffmann steht im Raum östlich von München. Zeitgenössische und spätere Angaben beziffern seine Stärke auf bis zu 16.000 Mann; eine genaue Zahl ist nicht gesichert. 

Kaiserliche Truppen unter Generalwachtmeister Georg Friedrich von Kriechbaum müssen sich bis nach Anzing zurückziehen, stehen aber einem ungehinderten Vormarsch der Unterländer entgegen. Die erhoffte Vereinigung mit den Oberländern bleibt aus.

24. Dezember 1705
Die Masse der Oberländer trifft in Solln ein

Solln * Gegen 20 Uhr trifft die Masse der Oberländer in Solln ein. Zur gleichen Zeit nimmt die Schützenvorhut ein etwa 80 Mann starkes kaiserliches Reiterdetachement unter Beschuss. Die Kaiserlichen, die von Oberst de Wendt zur Aufklärung in Richtung Schäfftlarn geschickt worden waren, werden zwar verjagt, können aber trotzdem ausreichend Informationen sammeln. 

Der Starnberger Pfleger Johann Joseph Öttlinger verlässt nach der Schießerei in Solln die Aufständischen, begibt sich nach München und informiert den Kaiserlichen Administrator Maximilian Carl Graf von Löwenstein-Wertheim-Rochefort über die Unternehmung.  

Oberst Johann Baptist de Wendt leitet Sicherheitsmaßnahmen ein. Er ersucht das Korps Kriechbaum zum Rückmarsch nach München und macht in Aufrufen bekannt, dass „jede Unterstützung der Aufständischen durch die Einwohner Münchens mit dem Tode bestraft“ werden würde. 

24. Dezember 1705
Weitere bedenkliche Nachrichten aus München treffen ein

Solln * Am Abend treffen weitere bedenkliche Nachrichten aus München in Solln ein. Die Münchner Verschwörer raten den Aufständischen eindringlich, den Angriff abzubrechen, da die Kaiserlichen zu stark seien und die Münchner Bürgerschaft nichts unternehmen kann (will). 

Hauptmann Matthias Mayer gibt den Befehl zum Rückzug. Nach einer halben Stunde - bei Pullach - wird er auf Betreiben des „Jägeradam“ und der von ihm geführten Schützen aufgehalten und die Kolonne - unter tumultartigen Szenen - zum Umkehren bewegt. Dem sich weigernden Hauptmann Mayer wird daraufhin der Oberbefehl entzogen. Er selbst wird gefangen genommen. 

24. Dezember 1705
Der Angriff auf München wird vorbereitet

Thalkirchen - Untersendling * Gegen 22 Uhr erreicht der Tross Thalkirchen. Weil sich etwa 400 Bauern abgesetzt haben, ist die Abteilung auf rund 2.300 Kämpfer geschrumpft. Auch Kriegskommissär Matthias Ägidius Fuchs und der Tölzer Weinwirt Franz Jäger, der Bruder des Münchner Jägerwirts haben das Aufgebot verlassen. 

In Thalkirchen wird unter der Leitung von Leutnant Johann Houis der Angriff auf München vorbereitet. Die verbliebene Streitmacht wird dazu in drei Gruppen aufgeteilt.

  • Die erste Gruppe mit 800 Mann, darunter der größte Teil der Schützen, soll unter der Führung von Leutnant Johann Georg Aberle den Roten Turm einnehmen und den Flussübergang sperren. 
  • Die zweite Gruppe mit ebenfalls 800 Männern, aus der Masse der Spießler und Stängler bestehend, soll unter der Leitung von Leutnant Johann Clanze gegenüber dem Angertor Stellung beziehen, um einen Ausbruch der Kaiserlichen zu verhindern. 
  • Der Rest, die am schlechtesten Bewaffneten, sowie die Reiterei und die Artillerie, etwa 700 Mann stark, sollen in dem nahe gelegenen Dorf Untersendling Stellung beziehen. 
  • Dieser Gruppe schließt sich auch die Führungsgruppe der Aufständischen an. Sie bezieht im dortigen Wirtshaus ihr Hauptquartier. 

Um Mitternacht treten die einzelnen Gruppen den „Marsch auf München“ an. 

25. Dezember 1705
Die Aufständischen besetzen den Roten Turm und die Isarbrücke

München * Gegen 1 Uhr besetzen die oberländischen Aufständischen den Roten Turm und die Isarbrücke. Die kaiserliche Besatzung vermeidet einen Kampf und zieht sich zum stärker befestigten Isartor zurück. 

Die gleichzeitig erwartete Erhebung der Münchner Bürgerschaft bleibt aus. Die kaiserlichen Truppen sind auf den Angriff gut vorbereitet und sichern die Zugänge zur Stadt. Trotz ihres ersten Erfolgs stehen die Oberländer damit weiterhin vor verschlossenen Toren.

25. Dezember 1705
Der Unterhändler wird abgewiesen

München - Untersendling * Die Anführer der Aufständischen schicken gegen 6 Uhr einen Tambour [= Trommler] als Unterhändler vor das Sendlinger Tor. Er soll die kaiserliche Verwaltung zur Übergabe Münchens auffordern. Die Verteidiger verweigern ihm jedoch das Gehör, sodass er unverrichteter Dinge zurückkehrt. 

Die führenden Beamten im Hauptquartier Untersendling betrachten das Unternehmen daraufhin als gescheitert und ziehen ab. Auch Hauptmann Jean Philipp Gauthier, Leutnant Johann Houis und der Tölzer Pflegskommissär Joseph Ferdinand Dänkel verlassen mit der gesamten Reiterei das Aufgebot. 

Von der in Untersendling versammelten Führung bleiben nur der Münchner Jägerwirt Johann Jäger, der Student Anton Passauer, Hauptmann Matthias Mayer und Landleutnant Heller bei den Oberländern zurück.

25. Dezember 1705
Kaiserliche Verstärkungen erreichen den Gasteig

München - Gasteig - Au * Gegen 7 Uhr trifft die vorausgeschickte kaiserliche Kavallerie unter Oberst Johann Graf von Eckh trifft am Gasteig ein. Da die Aufständischen die Isarbrücke versperren, weichen die Reiter in die Au aus und suchen beim Radlwirt eine Furt, um den Fluss zu überqueren. 

Wenig später erreicht auch die Infanterie unter Generalwachtmeister Georg Friedrich Freiherr von Kriechbaum den Gasteig. Vier Kanonen nehmen den von den Aufständischen besetzten Roten Turm unter Beschuss.

25. Dezember 1705
Kaiserlicher Gegenangriff am Isartor und am Roten Turm

München * Oberst Johann Baptist de Wendt befiehlt um 8 Uhr einen Ausfall aus dem Isartor. Die überraschten Oberländer weichen zurück. Ein Teil flieht ins Lehel und sucht dort Deckung. Unter den dort gefangenen 32 Aufständischen befindet sich Leutnant Johann Georg Aberle. Hofkoch Sebastian Engelhart und Adam Schöttl, genannt „Jägeradam“, können entkommen. 

  • Die etwa 100 Mann starke Besatzung des Roten Turms leistet erbitterten Widerstand, wird jedoch überwältigt und niedergemacht. 
  • Für die Kämpfe am Roten Turm und vor dem Isartor werden rund 400 getötete und 200 gefangene Aufständische genannt. Die genaue Verlustzahl bleibt unsicher.
25. Dezember 1705
Die Oberländer geraten zwischen zwei Angriffe

München - Untersendling * Oberst Johann Baptist de Wendt lässt gegen 8:30 Uhr die am Sendlinger Tor bereitstehende Kavallerie gegen die Abteilung Johann Clanzes vorgehen. Gleichzeitig verfolgt die Kompanie Lüttig vom Isartor aus die fliehenden Aufständischen vom Roten Turm. Die Oberländer werden dadurch von zwei Seiten angegriffen. 

Zusammen mit den Flüchtenden umfasst ihre Gruppe etwa 900 Mann. Nach den überlieferten Zahlen werden  

  • rund 200 getötet und 
  • weitere 200 gefangen genommen. 
  • Ungefähr 300 erreichen mit Clanze Untersendling; 
  • etwa 200 entkommen in Richtung Forstenrieder Wald und Thalkirchen. Diese Einzelzahlen sind als Näherungswerte zu verstehen. 

Inzwischen überquert auch die Reiterei unter Oberst Johann Graf von Eckh von der Au aus die Isar und verfolgt die Aufständischen nach Untersendling. Als die kaiserliche Führung von deren dortiger Stellung erfährt, rücken Generalwachtmeister Georg Friedrich von Kriechbaum und Oberst de Wendt mit fünf Infanteriebataillonen durch das Sendlinger Tor gegen das Dorf vor.

25. Dezember 1705
Kaiserliche Truppen töten entwaffnete Aufständische

Untersendling * Gegen 10 Uhr sind die verbliebenen Aufständischen vollständig eingeschlossen. Angesichts der anrückenden Kaiserlichen Armee ergreift der Student Anton Passauer die Flucht. Der Münchner Jägerwirt Johann Jäger zieht sich im Wirtshaus als Kranker ins Bett zurück. 

In dieser aussichtslosen Lage übernimmt Hauptmann Matthias Mayer erneut den Oberbefehl. Er versucht, das Leben der Eingeschlossenen zu retten, und lässt Chamade schlagen – ein Trommelsignal zur Aufnahme von Verhandlungen. Durch einen Trommler erklärt er gegenüber Generalwachtmeister Georg Friedrich von Kriechbaum die Bereitschaft, sich   zu ergeben. 

  • Zugleich bittet er um Schonung der Bauern. 
  • Kriechbaum fordert die Niederlegung der Waffen.

Als Mayer, Johann Clanze und Landleutnant Heller das Dorf verlassen, folgen ihnen zahlreiche Aufständische auf das freie Feld. Sie legen ihre Waffen nieder und bitten um Gnade. Dennoch greifen kaiserliche Reiter die Wehrlosen an und töten sie. Anschließend feuert die Infanterie mehrere Salven in die Menge. 

Überlebende und Flüchtende werden verfolgt und gnadenlos niedergemacht. Auch die Kirche und der Friedhof bieten keinen sicheren Schutz. Die militärische Niederlage endet in einem Massaker an bereits entwaffneten Männern.

25. Dezember 1705
Die Bilanz der Mordweihnacht: Rund 1.100 Aufständische sterben

Untersendling - München * Gegen 11 Uhr ist alles vorbei. Der Widerstand der Oberländer ist gebrochen. Kaiserliche Truppen machen noch 36 Gefangene und sammeln sechs Kanonen, drei Munitionswagen, fünf Fahnen, zwei Dragoner-Standarten und ein paar Pauken sowie 150 Pferde ein. 

Auf kaiserlicher Seite zählt man 40 Gefallene und Verletzte. Die Aufständischen aus dem Oberland müssen demgegenüber eine Vielzahl von Toten beklagen. 

  • Alleine in München werden 1.066 Oberländer beerdigt. 
  • Insgesamt sind es etwa 1.100 Tote aus Oberbaiern. 
  • 609 Aufständische werden verwundet, 
  • nur 107 werden unverletzt in Gefangenschaft gekommen. 

Die erhoffte Unterstützung durch die Münchner Bevölkerung bleibt während der Kämpfe aus. Unter den Strafandrohungen der kaiserlichen Verwaltung kommt es zu keiner Erhebung innerhalb der Stadt. 

Noch in der Nacht versichert der Stadtmagistrat der kaiserlichen Obrigkeit die untertänige Treue der Bürgerschaft. Die Aufständischen bezeichnet er abschätzig als „paurs rott“ – als Bauernrotte. Damit distanziert sich die städtische Führung ausdrücklich von dem niedergeschlagenen Aufstand.

8. Januar 1706
Das Massaker von Aidenbach besiegelt die Niederlage des Aufstands 

Aidenbach * Kaiserliche Truppen unter Generalwachtmeister Georg Friedrich von Kriechbaum schlagen das unterländische Aufgebot der baierischen Landesdefension. Der Widerstand bricht rasch zusammen. Zahlreiche Aufständische fliehen in die umliegenden Wälder und über die Felder, während sich ihr Kommandant und weitere Offiziere zu Pferd absetzen. 

Kaiserliche Soldaten verfolgen die Flüchtenden und töten viele von ihnen. Einige Aufständische suchen Schutz in Bauernhäusern und leisten dort vereinzelt Widerstand. Die Soldaten setzen die Gebäude in Brand und töten auch Menschen, die den Flammen zu entkommen versuchen. 

Diese Vorgänge schildert selbst der kaiserliche Hofkriegs- und Kammerrat Freiherr von Gemmel. Sein Bericht dokumentiert die Gewalt, rechtfertigt sie jedoch zugleich als Vorgehen gegen vermeintlich unrechtmäßige „Rebellen“. 

Die genaue Zahl der Opfer bleibt ungeklärt. Häufig werden etwa 2.000 bis 3.000 getötete Aufständische genannt; Gemmel schätzt die Zahl auf nahezu 4.000. Eine verlässliche Zählung liegt nicht vor. Damit fordert Aidenbach wahrscheinlich deutlich mehr Menschenleben als die Sendlinger Mordweihnacht. 

Die Niederlage bricht die militärische Widerstandskraft der Aufstandsbewegung. In den folgenden Tagen kapitulieren auch ihre verbliebenen städtischen Stützpunkte.

11. Januar 1706
Die Aufständischen suchen Friedensverhandlungen 

Braunau - Salzburg * Nach der verheerenden Niederlage bei Aidenbach entsendet der Landesdefensionskongress eine Delegation nach Salzburg. Sie soll den Fürsterzbischof um Vermittlung bei Friedensverhandlungen mit der kaiserlichen Seite bitten. Der Aufstand verliert inzwischen seine militärische Grundlage. Die Vertreter hoffen, durch Verhandlungen die Übergabe der noch gehaltenen Städte und das Schicksal der Beteiligten beeinflussen zu können. 

14. Januar 1706
Schärding fällt wieder an die Kaiserlichen 

Schärding * Nach der Niederlage der Aufständischen bei Aidenbach rücken kaiserliche Truppen unter General Georg Friedrich von Kriechbaum auf Schärding vor. Die bewaffneten Bauern verlassen die Stadt vor ihrer Ankunft. Bürgermeister und Rat übergeben den Kaiserlichen die Stadtschlüssel; die Bürger legen ihre Waffen nieder. Damit endet die Herrschaft der Aufständischen in Schärding.

16. Januar 1706
Löwenstein meldet die Niederschlagung des Aufstands

München - Wien * Der kaiserliche Landesadministrator Maximilian Carl von Löwenstein-Wertheim-Rochefort berichtet Kaiser Joseph I. über die Niederschlagung des baierischen Aufstands. Bei Sendling und Aidenbach, bei der Rückeroberung von Kelheim und Vilshofen sowie in weiteren Kämpfen seien nach seiner Darstellung „gegen 10.000 Mann massakriert worden“. Die Aufständischen hätten nun kein kampffähiges Heer mehr. 

Die Zahl von 10.000 ist Löwensteins Angabe, keine gesicherte Zahl der Getöteten. Das Wort „massakriert“ stammt aus seinem Bericht und macht deutlich, wie er selbst die Gewalt beschreibt.

27. Januar 1706
Kaiser Joseph I. begrenzt die Strafen für später Verhafteten 

Salzburg - Wien * Auf Bitten des Salzburger Fürsterzbischofs ordnet Kaiser Joseph I. an, dass Anführer der baierischen Volkserhebung, die nach dem 11. Januar festgenommen werden, höchstens Geldstrafen erhalten sollen. Die Anordnung erfasst die zuvor verhafteten Aufständischen nicht. Gegen sie laufen die Strafverfahren weiter; einige werden noch hingerichtet.

29. April 1706
Kaiser Joseph I. verhängt die Reichsacht über Max Emanuel 

Wien * Kaiser Joseph I. verkündet in einer feierlichen Zeremonie die Reichsacht über Kurfürst Max Emanuel von Baiern und dessen Bruder Joseph Clemens, den Kurfürsten von Köln. Weil sie im Spanischen Erbfolgekrieg an der Seite Frankreichs stehen, werden ihnen ihre Reichslehen, Würden und Herrschaftsrechte aberkannt. Max Emanuel verliert damit auch den Schutz des Reiches. 

8. Mai 1706
Die vier älteren baierischen Prinzen werden nach Klagenfurt gebracht 

München - Klagenfurt * Die kaiserliche Verwaltung lässt die vier älteren Söhne Max Emanuels aus Baiern fortbringen: Karl Albrecht, Philipp Moritz, Ferdinand Maria Innozenz und Clemens August. Den Kindern wird zunächst eine kurze Reise in Aussicht gestellt. Tatsächlich führt sie ein bewachter Geleitzug nach Klagenfurt, wo sie am 10. Juni eintreffen. So sollen sie dem Zugriff ihrer im Exil lebenden Eltern entzogen und unter kaiserlicher Aufsicht gehalten werden. 

10. Mai 1706
Die Reichsacht über Max Emanuel wird in München verkündet 

München * Ein kaiserlicher Herold verkündet auf dem Schrannenmarkt öffentlich die Reichsacht über Kurfürst Max Emanuel. Das Achtpatent erklärt ihn für friedlos und entzieht ihm den Schutz des Reiches. Der Kaiser hat die Acht bereits am 29. April in Wien verhängt; nun wird sie auch in der baierischen Hauptstadt bekannt gemacht. 

Spätestens im Januar 1708
Viscardi erhält den Titel eines kaiserlichen Hofbaumeisters 

München - Freystadt * Giovanni Antonio Viscardi führt spätestens seit Januar den Titel „kayserlicher Hofpaumeister“. Bereits 1706 hat ihn die Kaiserliche Administration zum baierischen Oberhofbaumeister ernannt. Der neue Titel bedeutet eine außergewöhnliche Anerkennung für den Architekten, zu dessen bedeutendsten Werken die noch im Bau befindliche Wallfahrtskirche Maria Hilf bei Freystadt gehört.

1709
Der Bürgersaal entsteht nach Plänen Viscardis 

München-Kreuzviertel * Die Marianische Männerkongregation „Mariä Verkündigung“, die von Jesuiten geistlich betreut wird, lässt an der Neuhauser Straße einen eigenen Bet- und Versammlungssaal errichten. Giovanni Antonio Viscardi entwirft den rund 46 Meter langen Saalbau; Stadtmaurermeister Johann Georg Ettenhofer führt die Arbeiten aus. Der Bau wird 1710 vollendet.  

Zu dieser Zeit ist das Gebäude noch keine Kirche. Erst 1778 wird der Bürgersaal geweiht und seitdem auch als Bürgersaalkirche bezeichnet. Die Kaiserliche Administration hat Viscardi 1706 zum Oberhofbaumeister erhoben; ein unmittelbarer Einfluss der Besatzungsmacht auf die Gestaltung des von der Bürgerkongregation beauftragten Saals ist jedoch nicht belegt. 

Nach dem 11. September 1709
Max Emanuel zieht sich nach Frankreich zurück 

Spanische Niederlande - Compiègne * Die französische Armee verliert am 11. September 1709 die Schlacht bei Malplaquet. Für Kurfürst Max Emanuel verschlechtert sich damit auch die Lage in den Spanischen Niederlanden, wo er sich als Statthalter nicht mehr behaupten kann. Er zieht sich nach Frankreich zurück; König Ludwig XIV. weist ihm ein Schloss in Compiègne als Aufenthaltsort zu. Baiern bleibt währenddessen unter kaiserlicher Verwaltung. 

17. Oktober 1709
Die Straubinger Dreifaltigkeitssäule wird eingeweiht 

Straubing * Auf dem heutigen Theresienplatz wird die barocke Dreifaltigkeitssäule feierlich eingeweiht. Das etwa 15 Meter hohe Denkmal erfüllt ein Gelübde, das Regierung, Stiftskapitel, Stadtmagistrat und Bürgerschaft während der Kriegsgefahr im August 1704 abgelegt haben. Sie versprachen die Errichtung einer steinernen Ehrensäule, falls Straubing von den Folgen der Belagerung weitgehend verschont bleibt. 

Die Säule entsteht nach einem Entwurf des Bogener Bildhauers Johann Gottfried Frisch – während Straubing weiterhin unter österreichischer Besatzung steht und das Kurfürstentum von der Kaiserlichen Administration regiert wird. 

4. Januar 1710
Die Münchner bitten um Erlaubnis für den Bau der Dreifaltigkeitskirche 

München-Kreuzviertel * In München wird die Kaiserliche Administration um Erlaubnis gebeten, eine Dreifaltigkeitskirche zu errichten. Damit soll das Gelübde eingelöst werden, das Vertreter von Adel, Geistlichkeit und Bürgerschaft 1704 angesichts des Spanischen Erbfolgekriegs abgelegt haben. Über den Antrag und die weiteren Schritte zum Kirchenbau müssen sich die Münchner nun mit der kaiserlichen Verwaltung verständigen. Der Bau beginnt 1711.

8. Januar 1710
Kaiser Joseph I. unterstützt den geplanten Kirchenbau 

München - Wien * Die Kaiserliche Administration unterrichtet Kaiser Joseph I. über den Wunsch der Münchner, die gelobte Dreifaltigkeitskirche zu bauen. Der Kaiser zeigt Interesse an dem Vorhaben, stellt die Entsendung von Vertretern zu den Beratungen in Aussicht und kündigt finanzielle sowie materielle Unterstützung an. Die in München ansässige Administration übernimmt die Abstimmung zwischen dem kaiserlichen Hof, der Stadt, der Landschaft und den kirchlichen Stellen. 

1711
Die Isarkaserne entsteht auf der Kohleninsel 

München-Isarvorstadt * Auf dem südlichen Teil der späteren Kohleninsel entsteht eine Kaserne für die Kavallerie. Sie wird auch „Isarwörthkaserne“ genannt. Den Bau veranlasst die kaiserliche Verwaltung, da ich Kurfürst Max Emanuel nach seiner Niederlage im Spanischen Erbfolgekrieg im französischen Exil befindet, während kaiserliche Truppen Baiern besetzt halten. Die Kaserne soll die Einquartierung von Soldaten in Münchner Bürgerhäusern verringern. Der Adel, der fürstliche Hof und der Klerus sind von diesen Belastungen befreit. 

Während der Besatzungszeit sind durchschnittlich rund 3.000 Soldaten in München einquartiert. 

17. April 1711
Kaiser Joseph I. stirbt ohne männlichen Erben 

Wien * Kaiser Joseph I. stirbt überraschend an den Pocken. Da er keinen überlebenden Sohn hat, fällt die Herrschaft über die habsburgischen Länder an seinen Bruder Carl. Dieser hält sich noch in Spanien auf, dessen Krone er als Carl III. beansprucht. Zum römisch-deutschen Kaiser wird er erst am 12. Oktober 1711 gewählt. 

11. Mai 1711
Zustimmung zum Bau des Karmelitinnenklosters 

Wien - München * Kaiserinwitwe Eleonore Magdalena Theresia stimmt der Gründung eines Münchner Klosters für zwanzig Unbeschuhte Karmelitinnen zu. Es soll mit der 1704 gelobten Dreifaltigkeitskirche verbunden werden. Für die Planung ist Giovanni Antonio Viscardi vorgesehen; noch 1711 beginnen die Bauarbeiten. 

12. Oktober 1711
Carl VI. wird zum römisch-deutschen König gewählt 

Frankfurt am Main * Die Kurfürsten wählen Erzherzog Carl, den Bruder des im April verstorbenen Kaisers Joseph I., zum römisch-deutschen König. Carl hält sich noch auf der Rückreise aus Spanien auf. Die beiden wegen ihres Bündnisses mit Frankreich geächteten Wittelsbacher Kurfürsten Max Emanuel von Baiern und Joseph Clemens von Köln sind von der Wahl ausgeschlossen. Carls Krönung in Frankfurt folgt am 22. Dezember. 

1712
Die kurbaierischen Prinzen werden nach Graz verlegt 

Klagenfurt - Graz - München * Kaiser Carl VI. lässt die vier seit 1706 in Klagenfurt untergebrachten Söhne Kurfürst Max Emanuels nach Graz verlegen: Carl Albrecht, Philipp Moritz, Ferdinand Maria Innozenz und Clemens August. Auch ihr jüngerer Bruder Johann Theodor wird aus München dorthin gebracht. Die Prinzen erhalten in Graz einen eigenen Hofstaat und bleiben unter kaiserlicher Aufsicht. Ihre Schwester Maria Anna Karoline bleibt in München; der jüngste Bruder Maximilian Emanuel Thomas ist bereits 1709 gestorben. 

11. April 1713
Friedensverträge von Utrecht beenden den Krieg für viele Mächte 

Utrecht * Nach mehr als einem Jahr Verhandlungen schließt Frankreich Friedensverträge mit Großbritannien, den Vereinigten Niederlanden, Savoyen, Portugal und Preußen. Kaiser Carl VI. beteiligt sich nicht am Friedensschluss und setzt den Krieg gegen Frankreich fort.  

Die Einigung macht eine Wiederherstellung des spanisch-habsburgischen Großreichs hinfällig: Philipp V. aus dem Haus Bourbon bleibt König von Spanien, während die spanische und die französische Krone getrennt bleiben sollen. Die spanischen Besitzungen in Europa werden unter anderen Mächten aufgeteilt. Für den Kaiser endet der Krieg erst mit dem Frieden von Rastatt 1714. 

20. Februar 1714
Max Emanuel erneuert sein Bündnis mit Frankreich 

Frankreich - Baiern * Kurfürst Max Emanuel schließt mit König Ludwig XIV. einen Subsidien- und Freundschaftsvertrag. Frankreich sagt ihm damit weiterhin finanzielle Unterstützung zu. Der Vertrag stärkt Max Emanuels Stellung im Exil und erleichtert seine bevorstehende Rückkehr nach Baiern. Noch steht das Kurfürstentum unter kaiserlicher Verwaltung. 

6. März 1714
Der Frieden von Rastatt ermöglicht Max Emanuels Rückkehr 

Rastatt * Da der Kaiser dem Frieden von Utrecht nicht beigetreten ist, bleibt der Oberrhein Kriegsschauplatz. Hier finden die Friedensverhandlungen zwischen Frankreich und dem Kaiser statt. Die beiden Heerführer, Prinz Eugen von Savoyen für den Kaiser und der französische Marschall Claude-Louis-Hector de Villars, führen ihre Verhandlungen im badischen Rastatt.  

Kaiser Carl VI. sieht sich dann aber gezwungen, auf der Grundlage des Utrechter Friedens den Frieden von Rastatt abzuschließen. Das bedeutet, dass das Elsass bei Frankreich bleibt, Österreich dafür die Herrschaft über die Lombardei, Neapel und Sardinien behält. Kurfürst Max Emanuel wird wieder in seine Rechte und Ehren eingesetzt, ja selbst die Oberpfalz bekommt er wieder. Und er darf wieder nach Baiern zurückkehren; doch das stellt für ihn die am wenigsten wünschenswerte Option dar. Auch Sein Bruder Joseph Clemens, Kurfürst von Köln, kann wieder seine Funktionen ausüben. 

7. September 1714
Der Friede von Baden schließt den Frieden mit dem Reich 

Baden im Aargau * Frankreich und das Heilige Römische Reich schließen Frieden. Der Vertrag bestätigt im Wesentlichen die Vereinbarungen von Rastatt und erweitert den Friedensschluss auf das Reich. Er gehört zu den Verträgen, die den Spanischen Erbfolgekrieg beenden.  

Max Emanuels Wiedereinsetzung in seine Länder und Würden ist bereits im Frieden von Rastatt vereinbart. Die kaiserliche Verwaltung zieht sich nicht schon am 7. September aus Baiern zurück; die Übergabe und Max Emanuels Heimkehr erfolgen erst danach. 

8. April 1715
Die kurfürstliche Familie trifft sich in Lichtenberg wieder 

Schloss Lichtenberg bei Landsberg am Lech * Nach jahrelanger Trennung sieht Kurfürst Max Emanuel seine Gemahlin Therese Kunigunde und ihre sechs Kinder wieder. Die Kurfürstin kehrt aus dem Exil in Venedig zurück. Vier der Söhne haben die Kriegsjahre in kaiserlicher Obhut in Klagenfurt und Graz verbracht; die Tochter und der jüngere Sohn sind in München geblieben. 

Nach dem 11. April 1715
Max Emanuel ordnet die Ausweisung von Juden an 

München - Kurfürstentum Baiern * Nach seiner Rückkehr nach München ordnet Kurfürst Max Emanuel an, die im Land lebenden Juden auszuweisen. Er knüpft damit an eine seit dem 15. Jahrhundert betriebene Politik der Vertreibung und Ausgrenzung an. Die Anordnung steht im Widerspruch zu Aufenthaltszusagen, die Vertreter der baierischen Landstände nach einer Münchner Chronik jüdischen Geldgebern während der kaiserlichen Besatzung bis zur Rückzahlung ihrer Darlehen gemacht haben. Für einzelne jüdische Hoffaktoren, die den Hof mit Krediten und Waren versorgen, gelten später Ausnahmen vom Aufenthaltsverbot. 

Ab Mai 1715
Max Emanuel begnadigt frühere Anführer des Volksaufstands 

München - Kurfürstentum Baiern * Kurfürst Max Emanuel begnadigt einen Großteil der noch lebenden Anführer des baierischen Volksaufstands von 1705, die unter der kaiserlichen Verwaltung bestraft worden sind. Ehemalige Amtsträger setzt er wieder in ihre Ämter ein. Der Aufstand gegen die kaiserliche Besatzung war Ende 1705 blutig niedergeschlagen worden. 

  • Ignaz Haid kommt wieder in Freiheit
  • Hauptmann Matthias Mayer wird „ehrlich“ gesprochen und wieder in die baierische Armee aufgenommen. 
1. Dezember 1721
Clemens August soll Nachfolger auf dem Kölner Bischofsstuhl werden

Köln * Kölns Kurfürst Joseph Clemens schlägt seinen Neffen Clemens August zu seinem Nachfolger auf dem Kölner Bischofsstuhl vor. 

Mit Blick auf die Jugend und die fehlende Erfahrung in Regierungsangelegenheiten gibt es Unstimmigkeiten aus dem kaiserlichen Wien. Man gibt dem 21-jährigen Bewerber zu verstehen, dass er im Falle des Regierungsanttritts in Köln auf mindestens eines der beiden Bistümer (Freising oder Regensburg) verzichten muss.

5. Oktober 1722
Kurprinz Carl Albrecht heiratet Maria Amalia von Österreich 

Wien - München * Der baierische Kurprinz Carl Albrecht heiratet in Wien Erzherzogin Maria Amalia, eine Tochter des verstorbenen Kaisers Joseph I. Im Anschluss folgen prunkvolle Hochzeitsfeiern in München.  

Zur Finanzierung nimmt Kurfürst Max Emanuel umfangreiche Kredite auf. Der pfalz-sulzbachische Oberfaktor Noe Samuel Isaak aus Mergentheim gewährt Vorschüsse von insgesamt nahezu einer Million Gulden. Sie dienen auch weiteren Hofausgaben und der Überbrückung finanzieller Engpässe. Die Rückzahlung wird vor allem bestimmten Salzämtern und der Landschaft, der Vertretung der Landstände, übertragen. Auch der aus Wien kommende Bankier Simon Wolf Wertheimer beteiligt sich an der Finanzierung der Hochzeit. 

19. Mai 1727
Kaisertochter Marie Amalie legt den Grundstein zur Anna-Kirche

München-Lehel * Die österreichische Kaisertochter Marie Amalie, die Schwiegertochter des inzwischen verstorbenen Kurfürsten Max Emanuel, legt den Grundstein für das Kloster im Lehel. Die Anna-Kirche wird zur Dankvotivkirche für den am 28. März 1727 geborenen Kurprinzen Max Joseph. Dadurch erfreut sich der Kirchbau besonderer Fürsorge des kurfürstlichen Hofes, was zur Folge hat, dass die besten und angesehensten Künstler engagiert werden und zusammenwirken können.

Es entsteht einer der kostbarsten Sakralräume Münchens und die erste Rokokokirche von München und Baiern. An diesem verhältnismäßig kleinen Bau erfindet der 35-jährige Architekt Johann Michael Fischer eine ganz neue Lösung. Er benutzt keine der bisher gültigen Elemente: keine Wandsäulen, kein durchgehendes Gebälk, keine Halbkugelkuppel, keine ebenen Begrenzungen und keinen rechten Winkel, keinen stabilisierten Grundriss und Aufriss. Fischers Konzeption zielt auf eine geschmeidige Innenverbindung von Längs- und Zentralräumlichkeit. Es ist Fischers dritter Kirchenbau von den 32 Kirchen und Klöstern seines Lebenswerkes. Den Kirchenbau selbst führte der Maurermeister Philipp Zwerger aus.  

Den größten Teil der Innenausstattung besorgen die nicht weniger bedeutenden Gebrüder Asam. Egid Quirin Asam schafft die sämtlichen Altaraufbauten, Plastiken und Stuckaturen; Cosmas Damian Asam malt die Fresken und die Altarblätter. Für die Asambrüder ist es die zweite Kirchenarbeit in München. Das Herzstück des Hochaltars, den Tabernakelbau mit den beiden Engeln, und die Kanzel stammen von dem jungen Johann Baptist Straub. 

1729
Die Kreuzigungsgruppe am Gasteig als 100-Dukaten-Strafe

München - Haidhausen * Der Münchner Weinwirt Hillebrand erhält eine 100-Dukaten-Strafe, weil er in seinem Haus den Kaiserlichen und Königlichen jüdischen Hoffaktor Wertheimer das Laubhüttenfest fast öffentlich hat feiern lassen. Davon werden die zwei Marmorfiguren der Muttergottes und des Apostels Johannes für die Kreuzigungsgruppe am Gasteig angefertigt.

24. Januar 1742
Das Wittelsbacher Wappen auf der Brust des Reichsadlers 

Frankfurt am Main - Baiern * Der baierische Kurfürst Carl Albrecht wird als Carl VII. zum römisch-deutschen Kaiser gewählt. In seinem kaiserlichen Wappen trägt der Doppeladler des Heiligen Römischen Reichs das Wittelsbacher Wappen auf der Brust. Über den beiden Adlerköpfen schwebt die Kaiserkrone. 

Carl VII. bleibt bis zu seinem Tod am 20. Januar 1745 im Amt.

20. Januar 1745
Kaiser Carl VII. Albrecht stirbt in München

München * Kaiser Carl VII. Albrecht [= Kurfürst Carl Albrecht] stirbt in München. Er wird in der Fürstengruft der Theatinerkirche beigesetzt. Der Kaiser hinterlässt seinem 17-jährigen, politisch vollkommen unerfahrenen Sohn, Max III. Joseph, den Krieg gegen Österreich und durch seine unglückliche Großmachtpolitik total zerrüttete Staatsverhältnisse. 

11. März 1751
Errichtung eines Exerzitienhauses für die Franziskaner

Berg am Laim * Joseph Clemens’ Nachfolger und Neffe, Kurfürst Clemens August von Köln, plant mit dem Neubau der Berg am Laimer Michaelskirche gleichzeitig die Errichtung eines Exerzitienhauses für die Franziskaner. Auch hier gibt es Widerstände des Ortspfarrers von Baumkirchen, die den Pfarrer einsetzenden St.-Veit-Chorherren in Freising und des Freisinger Ordinariats, an dessen Spitze Bischof Johann Theodor, ein Bruder Clemens Augusts.

Auch der andere Bruder, Baierns Kurfürst Carl Albrecht, will diese Aufgabe lieber von den Jesuiten als von den Franziskanern ausgeführt sehen, weshalb noch nach seinem Tod die Kaiserin-Witwe Maria Amalia die in Berg am Laim gelegene Josephsburg - im Geheimen und ohne den Kölner Bischof in die Entscheidung einzubeziehen - den Jesuiten übertragen will.

Nach langem Hickhack kommen drei Franziskaner doch noch nach Berg am Laim. Am 11. März 1751 wird das Hospiz in Anwesenheit von drei Wittelsbachern - dem kurkölnischen Fürstbischof Clemens August, dem Freisinger Bischof Johann Theodor und dem neuen baierischen Kurfürsten Max III. Joseph - eingeweiht. Clemens August hatte zuvor schriftlich zu bestätigen, dass die „Franziskaner nirgends betteln, noch den Pfarrern die Messen wegnehmen und den pfarrlichen Funktionen Eintrag tun“.

4. November 1790
Mozarts Oper „Entführung aus dem Serail“ wird im Kaisersaal aufgeführt

München-Graggenau * Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Entführung aus dem Serail“ wird auf Einladung des Kurfürsten Carl Theodor in einer festlichen Hofakademie im Kaisersaal der Residenz aufgeführt. Der Musiker und Komponist freut sich, wie „stark das Gereiß“ um ihn ist.  

Anwesend sind auch König Ferdinand IV. von Neapel und Sizilien mit seiner Gemahlin Maria Caroline von Österreich, einerSchwester des neugekürten Kaisers Leopold II..

9. Mai 1792
Kurfürst Carl Theodor organisiert Sir Benjamin Thompsons Grafentitel

München - Wien * Kurfürst Carl Theodor führt nach dem Tod des Kaisers Leopold II. bis zur Ernennung seines Nachfolgers Franz II. das Reichsvikariat. 

In dieser Zeit verleiht er dem englischen Ritter Sir Benjamin Thompson den Rang und die Würde eines Grafen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Aus Sir Benjamin Thompson wird Graf Rumford. 

14. Juli 1792
König Franz II. wird im Frankfurter Dom zum Kaiser gekrönt

Frankfurt am Main * König Franz II. wird im Frankfurter Dom gekrönt und damit zum erwählten Römischen Kaiser als Franz II. proklamiert. Es wird die letzte Kaiserkrönung in Mitteleuropa sein. Die späteren österreichischen und deutschen Kaiser verzichten auf ihre Krönung. 

19. September 1794
Kurfürst Carl Theodor bittet um die Hand von Maria Leopoldine

München - Wien * Kurfürst Carl Theodor bittet Kaiser Franz II. um die Hand der 17-jährigen Maria Leopoldine von Österreich-Este. Er wendet sich mit dieser Bitte also nicht an den Vater der auserkorenen Braut, sondern an dessen Bruder. 

Um Januar 1796
Die französische Armee dringt bis nach Österreich vor

Paris * Die französische Republik stellt drei Armeen auf.  Diese dringen unter Napoleon Bonaparte über Norditalien, unter Baptiste Jourdan durch Franken und unter Jean-Victor Moreau durch Süddeutschland bis nach Österreich vor, um dort den Frieden zu erzwingen.

18. August 1796
München wird von allen Seiten belagert

München * Die französischen Revolutionstruppen unter Jean-Victor Moreau nehmen München ein und besetzten das linke Isarufer. Der französische Befehlshaber Moreau gibt der Münchner Stadtbevölkerung die Zusage, dass die Stadt verschont bleibt. Zum Ausgleich plündern sie allerdings die umliegenden Dörfer.  

Als Verteidiger belagern die Kaiserlichen und die Condéer das rechtsseitige Isarhochufer. Die Kämpfe dauern bis zum 8. September. Durch einen - von den Österreichern verursachten - Brand wird die Häuserzeile in der Kirchenstraße, vom Hofmarkschloss bis zum Mesmerhaus, in Schutt und Asche gelegt. Den geschundenen Vorstädtern ist es freilich vollkommen egal, ob sie ein Condéer terrorisiert, ein Österreicher drangsaliert oder ein Franzose ausplündert. 

8. September 1796
Die Kämpfe um die Isarbrücke gehen weiter

München * Die Kämpfe um die Isarbrücke zwischen den französischen Revolutionstruppen und den Kaiserlichen gehen weiter. Die österreichische Armee schießt vom Isarhochufer auf München. Dabei erhält die Peterskirche zwei Treffer. 

Auch einige Holzstöße im Lehel, hinter denen sich die Franzosen verschanzen, werden durch den Schusswechsel in Brand gesetzt. Das Feuer breitet sich auf benachbarte Gebäude und den durch Kanonenbeschuss bereits beschädigten Roten Turm aus - und zerstört ihn endgültig.

11. September 1796
Enteignungsmaßnahmen für die Rumfordstraße

München * Noch vor dem Abzug der französischen Revolutionsarmee und dem Kaiserlichen Heer lässt sich Reichsgraf von Rumford vom Landesdirektorium für die notwendigen Gegenmaßnahmen für rasche Truppendurchzüge ermächtigen. Gleichzeitig wird eine Kommission zur finanziellen Entschädigung der enteigneten Grundstücksbesitzer gebildet.

13. Februar 1799
Die Kurfürstin unterstützt das Haus Wittelsbach-Zweibrücken

München-Graggenau * Der Vertreter des kaiserlichen Hauses, Joseph Anton August Graf von Seilern, eilt mit einem unterschriftsreifen „Tauschvertrag“ ans Sterbebett von Carl Theodor, um von dem Baiernherrscher in einem günstigen Moment doch noch die begehrte Unterschrift zu erhalten. Es ist die Kurfürstin, die ihn persönlich daran hindert, das Krankenzimmer zu betreten.

Im Gegensatz dazu führt Maria Leopoldine Herzog Wilhelm von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld-Gelnhausen, der die Interessen von Pfalz-Zweibrücken vertritt, sofort in das Gemach des sterbenden Kurfürsten Carl Theodor. 

16. Februar 1799
Kurfürst Carl Theodor stirbt

München-Graggenau * Kurfürst Carl Theodor erliegt am Abend seinem am 12. Februar erlittenen Schlaganfall. Herzog Wilhelm von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld-Gelnhausen wohnt als Zeuge dem Tod des pfalz-baierischen Regenten bei.

Protokollarisch wird die 22-jährige Kurfürstin-Witwe von Herzog Wilhelm und vom Vertreter des kaiserlichen Hauses, Joseph Anton August Graf von Seilern, befragt, ob sie ein Kind vom verstorbenen Kurfürsten erwartet. Maria Leopoldine antwortet daraufhin mit einem klaren „Nein!“. Mit dieser Aussage entzieht sie den Österreichern die Gelegenheit, Baiern auf friedlichem Weg an sich zu ziehen.

Bei den Münchnern ruft das Ableben des Kurfürsten keine allzu große Trauerstimmung hervor. Im Gegenteil, als sich die Trauernachricht verbreitet, „frohlockte alles, und jeder wünschte dem anderen Glück“, schreibt Lorenz von Westenrieder.

Carl Theodors Nachfolger auf dem baierischen Thron wird Kurfürst Max IV. Joseph aus der wittelsbachischen Linie Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld, von dem sich die Baiern eine ganze Menge erwarten und der unter dem Jubel der Bevölkerung in München einzieht. 

Um den 3. Juli 1800
Dankadresse von der baierischen Nation an Max Joseph IV.

München * Nach der Flucht des Kurfürsten Max IV. Joseph findet sich in einer weit verbreiteten Broschüre mit dem Titel: „Dankadresse von der baierischen Nation an Max Joseph IV.“ eine spöttische Kommentierung dieser Situation. Darin wird als größte Wohltat des Kurfürsten seine „Flucht aus München“ gepriesen, da er dadurch „die Stadt und das ganze Land der französischen Großmut preisgegeben und die Untertanen vollends überzeugt habe, dass sie sich auch ohne Fürsten und Militär selbst zu verteidigen, zu regieren und die Gefahren, in der sie ihr vielgeliebter Regent versetzt hat, mit männlicher Klugheit abzuwenden wissen“. Der Text will die Baiern in Stadt und Land davon überzeugen,  

  • dass die Nation reif ist für eine republikanische Staatsform nach französischem Muster und  
  • dass der Kurfürst als Oberhaupt des Staatswesen absolut entbehrlich sei.  

Freilich gibt es auch Stimmen gegen die Härten, die die französischen Einquartierungen mit sich bringen. Doch es herrscht eine grundsätzliche Sympathie für die Franzosen und das republikanische Frankreich.

Die Verantwortung für die unerquickliche Lage lastet man jedenfalls weniger den französischen Besatzungstruppen, als vielmehr dem geflüchteten Kurfürsten Max IV. Joseph und seiner verfehlten Politik an, mit der er Baiern im kaiserlichen Lager festhält. Selbst regierungstreue Münchner sehen sich durch die republikanischen Soldaten immer noch besser behandelt als durch die verbündeten Österreicher. 

8. September 1800
Marschall Moreau kündigt den Waffenstillstand von Parsdorf

München * General Jean-Victor-Marie Moreau kündigt den Waffenstillstand von Parsdorf. Nun sammeln sich in München erneut die französischen Truppen. Da die Kasernen sofort voll sind, quartiert man die Mannschaften im kurfürstlichen Seidenhaus, im ehemaligen Jesuiten-Seminar und in den Klöstern der Franziskaner, Theatiner und Karmeliter ein.

Neben den Besatzungssoldaten bevölkern auch zunehmend immer mehr Deserteure der kaiserlichen Armee die Stadt. Auch pfalz-baierische Soldaten, die sich schlecht behandelt fühlen und aus diesem Grund nicht mehr unter österreichischem Befehl kämpfen wollen, laufen den Kaiserlichen reihenweise davon. Zeitweise halten sich etwa 500 dieser Fahnenflüchtigen in München auf. 

3. Dezember 1800
In der Schlacht von Hohenlinden vernichtend geschlagen

Hohenlinden * In Hohenlinden stehen sich 60.000 Österreicher - samt den zwangsverbündeten Baiern - 56.000 französischen Soldaten gegenüber. Bei Schneetreiben und kaltem Wind besiegen die Franzosen unter Marschall Jean-Victor-Marie Moreau in der Schlacht von Hohenlinden die kaiserliche Armee unter der Führung von Erzherzog Johann vernichtend. 

3. Dezember 1800
Falsche Siegesmeldungen aus Hohenlinden

München * Da sich in München zunächst die Nachricht verbreitet, die Österreicher hätten in der Schlacht in Hohenlinden gewonnen, macht sich die Angst breit, nun könnten die zurückgebliebenen französischen Truppenteile Verteidigungsmaßnahmen ergreifen, die sich für die Stadt als gefährlich erweisen würden.

Um ihn davon abzubringen, bietet man dem Platzkommandanten Briant 100 Luisdors an. Briant lehnte das Ansinnen ab, weil diese Summe für einen Platzkommandanten zu „unwürdig“ sei, mit 200 Luisdors wäre er allerdings schon einverstanden gewesen. Der Magistrat lässt ihm daraufhin den Betrag überreichen. Erst später verbreitet sich die Siegesmeldung der Franzosen. 

Anschließend ziehen sich die Österreicher hinter ihre Grenze zurück. Die Baiern haben dagegen die Franzosen als Besatzungsmacht im Land und müssen sechs Millionen Gulden Kontribution, die Staatseinnahmen eines Jahres, zahlen.

Die Landschaft verlangt daraufhin, dass das Kurfürstentum Baiern kein Bündnis gegen Frankreich mehr eingehen dürfe. Ein politisches Zusammengehen mit Österreich ist somit für die nächsten Jahre ausgeschlossen. 

Ab 1801
Napoleon Bonaparte fördert den Gebietszuwachs Baierns

Kurfürstentum Baiern * Napoleon Bonaparte fördert bis 1810 den Gebietszuwachs Baierns. Er will die deutschen Mittelstaaten, allen voran Baiern, Württemberg und Baden, so vergrößern, dass sie als Puffer gegenüber österreichischen Angriffen dienen können. Gleichzeitig sollen die so Geförderten natürlich auf Dauer von der französischen Gunst abhängig bleiben. 

9. Februar 1801
Linksrheinische Gebietsabtretungen an Frankreich

Lunéville * Im Friedensvertrag von Lunéville ist auch abschließend festgelegt worden, dass die linksrheinischen Gebiete an Frankreich abgetreten werden müssen. Napoleon Bonaparte erreicht damit ein Ziel jahrhundertelanger französischer Politik. 

Pfalzbaiern muss neben den bereits verloren gegangenen Herzogtümern Zweibrücken und Jülich sowie der linksrheinischen Kurpfalz nun auch noch die rechtsrheinische Kurpfalz um Mannheim und Heidelberg an Baden abgeben.

Das bedeutete einen Verlust von 200 Quadratmeilen und 730.000 Einwohnern. Den von den Landverlusten betroffenen Fürsten wird allerdings ein Ausgleich zugestanden, der jedoch „aus dem Schoß des Reiches“ kommen muss.

Und weil dieses nur aus säkularisiertem Kirchenbesitz und aus den mediatisierten Reichsständen erfolgen kann, bedeutet das in der Konsequenz gleichzeitig das Ende des alten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. 

24. August 1801
Baiern schließt mit Frankreich einen Vorvertrag

München - Paris * Baiern schließt mit Frankreich einen Vorvertrag ab, dem es Kurfürst Max IV. Joseph ermöglicht, seine in Aussicht gestellten Entschädigungsgebiete bereits vor der Verabschiedung des Reichsdeputationshauptschlusses in Besitz nehmen zu können. „In Paris begann ein Handel mit deutschen Bistümern, Abteien, freien Reichsstädten, wobei die fürstlichen Bewerber vor dem ersten Konsul […] in Regensburg um die Wette krochen. Es war ein höchst widerliches Schauspiel.“

Österreich will Baiern zuvor als Entschädigung für seine eigenen Kriegsverluste einverleiben. Dieses Ansinnen kann letztlich nur durch die Intervention von Russland und Großbritannien verhindert werden. Für Kurfürst Max IV. Joseph und seinen Minister Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas ist aufgrund dieser Erfahrung eine Annäherung an Frankreich naheliegend. 

18. Mai 1804
Napoleon Bonaparte wird als erblicher Kaiser von Frankreich proklamiert

Paris * Eine Änderung der Verfassung mit 74 Ja-Stimmen bei fünf Gegenstimmen und einer Enthaltung bringt Frankreich das Kaisertum. Auf Betreiben Napoleons einigt man sich auf den Titel eines Kaisers [= französisch: Empereur], da ein monarchischer Titel nötig ist, jedoch der des Königs unliebsame Erinnerungen wecken würde. 

11. August 1804
Kaiser Franz erhebt sich zum Doppel-Kaiser

Wien * Der deutsch-römische Kaiser Franz II. nimmt - ohne Rücksprache mit den Reichsfürsten und unter Bruch der Reichsverfassung - als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation den Titel eines erblichen Kaisers von Österreich an. Damit ändert er auch seinen Namen in Franz I. Joseph Karl.

Gleichzeitig gliedert er seinem Kaiserreich sämtlichen Reichsbesitz ein, über den er ohne Zustimmung des Reichstags eigentlich gar nicht hätte verfügen dürfen.

Seine Absicht ist, seine kaiserliche Hausmacht zu erhalten und auch im Fall des Untergangs des alten Reichs die Ranggleichheit mit Napoleon Bonaparte zu wahren. Den Titel des Erwählten Römischen Kaisers trägt er unabhängig davon bis zum 6. August 1806. 

Dezember 1804
Napoleon will dynastische Verbindungen mit den europäischen Häusern

Paris - München - Wien * Napoleon Bonaparte will eine dynastische Verbindung zwischen seiner Familie und den großen europäischen Häusern. 

Der baierische Minister Maximilan Joseph von Montgelas unterstützt den Gedanken, Napoleons Stiefsohn Eugéne Beauharnais, Vizekönig von Italien, mit Auguste Amalie, der Tochter des baierischen Kurfürsten, zu verehelichen.

11. April 1805
Russland und Großbritannien schließen in Petersburg ein Bündnis

Petersburg * Napoleons Ambitionen im Nahen Osten führt zur Annäherung von Russland und Großbritannien. Sie schließen in Petersburg ein Bündnis, dessen erklärtes Ziel es ist, Frankreich auf die Grenzen von 1792 zu beschränken. Dem Bündnis treten Schweden und Neapel bei. 

25. August 1805
Geheimverhandlungen im Bogenhausener Schloss Stepperg

Bogenhausen * Angesichts des heraufziehenden Dritten Koalitionskriegs erneuern Baiern und Frankreich ihr Bündnis im Vertrag von Bogenhausen. Ort der Verhandlungen ist Schloss Stepperg, das Minister Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas als Landsitz nutzt. 

Die Geheimverhandlungen zwischen dem französischen Abgesandten und Minister Montgelas werden mit einem baierischen Bündniswechsel zu Frankreich in einem vorläufigen Vertrag abgeschlossen. Er beendet die Koalition mit Österreich und Russland. Napoleon sagt Baiern weitere Gebietszuwächse im Falle eines Sieges zu. Dafür verpflichtet sich das Kurfürstentum Baiern zur Stellung von 20.000 Mann.

Neben Baiern schließt Napoleon Verträge mit weiteren süddeutschen Mitgliedern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Seine Verbündeten werden Baiern, Württemberg, Baden und Hanau. Napoleon Bonaparte schließt mit diesen die Verträge von Bogenhausen, Baden-Baden und Ludwigsburg.

Die baierische Regierung erhofft sich nach den Erfahrungen der beiden letzten Kriege von Frankreich eine wesentlich bessere Behandlung als von den kaiserlichen Österreichern. Um aber die Österreicher nicht unnötig herauszufordern, wird das Bündnis mit Frankreich zunächst noch geheim gehalten. Die baierische Abneigung gegenüber Österreich soll sich jedoch bald bestätigen. 

6. September 1805
Die österreichische Armee belagert Schloss Nymphenburg

Schloss Nymphenburg * Einhundert österreichische Husaren und Dragoner umzingeln - unter der Leitung des kaiserlichen Feldmarschalls Carl Philipp Fürst zu Schwarzenberg - Schloss Nymphenburg. Sie nötigen den sich dort aufhaltenden Kurfürsten Max IV. Joseph „ultimativ“ zum Eintritt in die antifranzösische Koalition. Zur Unterstreichung seiner Forderung lässt der Feldmarschall das Schloss umstellen und von München abriegeln, worüber die baierische Bevölkerung entsetzt ist.

Offensichtlich will der Kurfürst, der den Vertrag von Bogenhausen noch nicht unterschrieben hat, schon dem österreichischen Drängen nachgeben, als Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas ernsthaft mit seinem Rücktritt vom Amt des Außenministers droht. Dem Kurfürsten und seinem leitenden Minister gelingt es immerhin, die Verhandlungen mit dem österreichischen Bevollmächtigten zu verzögern und die Österreicher über die baierischen Absichten bis zum 9. September im Unklaren zu lassen. 

Unter dem Vorwand, den gerade in Frankreich weilenden Kronprinzen Ludwig nicht zu gefährden, erzielt Max IV. Joseph einen Zeitaufschub. Bis dahin hat die kurfürstliche Familie die Haupt- und Residenzstadt München heimlich in Richtung Würzburg verlassen. Auch die baierische Armee war inzwischen in Franken und in der Oberpfalz zusammengezogen worden. 

8. September 1805
Der Dritte Koalitionskrieg beginnt

Kurfürstentum Baiern * Der Dritte Koalitionskrieg beginnt mit dem Einmarsch der Österreicher nach Baiern. Rücksichtslos bestimmt Kaiser Franz II. Baiern zum Kriegsschauplatz. Noch sind die österreichischen Truppen im Glauben an ein gemeinsames Bündnis mit Baiern gegen Frankreich über die Landesgrenze gekommen, doch nun marschieren sie als Feinde nach München. 

Die wertvollsten kurfürstlichen Besitztümer und die Gemäldesammlung können noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, um sie so vor feindlichen Beutezügen zu schützen. Auch der Kurfürst ist samt seiner Familie weit genug von der österreichischen Grenze entfernt, so dass er das Eintreffen der napoleonischen Truppen sicher abwarten kann. 

21. September 1805
Kaiser Franz II. bietet den Baiern den Königstitel an

München • Auch Kaiser Franz II. trifft in München ein und bietet als Oberhaupt des das Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation dem Kurfürstentum Baiern den Königstitel an, wenn es sich der Dritten Koalition anschließen würde.

Doch das hätte nicht gleichzeitig die Erringung der vollen staatlichen Souveränität bedeutet, wie sie Napoleon angeboten hat. Diese war aber für Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas die rechtliche Voraussetzung für die inneren Reformen der kommenden zwölf Jahre, insbesondere für die Ausschaltung der Stände und die Schaffung einer Konstitution. Denn noch ist die Ständeverfassung gültig, die durch das Reichsrecht und die Reichsgerichte geschützt ist. 

26. September 1805
Kaiser Franz zieht sich zurück

München - Wien * Nachdem die Franzosen am 25. September den Rhein überquert haben, zieht es der österreichische Kaiser Franz I. vor, vorsorglich die Rückreise nach Wien anzutreten. Mit ihm machen sich auch die ersten österreichischen Einheiten über München zum Rückzug bereit. 

28. September 1805
Kurfürst Max IV. Joseph ratifiziert den Geheimvertrag

Würzburg * Während Napoleon den Vertrag von Bogenhausen sofort nach Erhalt unterzeichnet hat, lässt Kurfürst Max IV. Joseph kostbare Zeit verstreichen. Das lag eventuell auch an der Kurfürstin Karoline, die sich für eine Allianz mit Österreich ausgesprochen hatte.

Erst nachdem sich das französische Heer mit den baierischen Truppen vereinigt hat, unterschreibt der baierische Kurfürst den Vertrag. Dabei datiert er ihn vorsichtshalber auf den 24. September zurück. Baiern ist damit Kriegspartei an der Seite Napoleon Bonapartes gegen Kaiser Franz II., dessen Truppen bereits das südliche Baiern besetzt haben. 

10. Oktober 1805
Der Kurfürst rechtfertigt den Bündniswechsel

Würzburg * Kurfürst Max IV. Joseph gibt einen Aufruf „an sein Volk“ heraus, in dem er sich für sein Bündnis mit Napoleon rechtfertigt. Um den politisch umwälzenden Schritt ins französische Lager darzustellen, muss er eine überzeugende Begründung liefern. Also wird Österreich zum „Erbfeind“ erklärt, der Baierns Unabhängigkeit bedrohte und dessen Truppen plündernd durchs Land zogen, während „Frankreich […] zu allen Zeiten Baierns Unabhängigkeit schützte“.

Das Bündnis scheint damit als die einzige und alternativlose Konsequenz, um Baiern zu retten: „Der Kaiser der Franzosen, Baierns natürlicher Bundesgenosse, eilte mit seinen tapferen Kriegern herbei, um euch zu rächen, […], und bald, bald naht der Tag der Rettung.“ Der Aufruf endete siegesgewiss mit den Worten: „Unsere gute Sache steht unter dem Schutze eines gerechten Gottes und […] unter der eigenen Anführung eines unüberwindlichen Helden.“ 

20. Oktober 1805
Die Kapitulation von Ulm

Ulm * Mit der Kapitulation von Ulm muss die eingeschlossene österreichische Deutschlandarmee kapitulieren. Baiern ist damit befreit. Napoleon Bonaparte hat damit den ersten wichtigen Sieg des Dritten Koalitionskrieges errungen.

Auch Baiern hat eine wichtige Schlacht geschlagen. Denn als Kaiser Franz II. vom baierisch-französischen Bündnis erfahren hat, lässt er sich zu der Äußerung hinreißen: „Ich werde Baiern nicht nehmen, ich werde es verschlingen.“ 

24. Oktober 1805
Napoleon Bonaparte zieht triumphal in München ein

München * Napoleon zieht triumphal durch das Karlstor in München ein. Kurfürst Max IV. Joseph befindet sich noch in seinem Exil in Würzburg. Die Kurpfalzbaierische Staats-Zeitung von München berichtet am 25. Oktober 1805: „Endlich hatten wir gestern das sehnlich erwartete Vergnügen, Se. Majestät Napoleon Kaiser in Frankreich und König in Italien hier eintreffen zu sehen.

Se. Majestät kamen von Augsburg, fuhren in einem 6-spännigen Reisewagen, welchen der Herr Reichs-Marschall Bernadotte, nebst noch einigen H.H. Reichsmarschallen zu Pferde begleitete, unter dem Donner der Kanonen, und dem Zusammengeläute aller Glocken durch die Neuhauser-Kaufinger- über den Platz durch die Diener- in die Residenz-Gasse heran, und stiegen […] in der kurfürstl. Residenz ab.

Die ganze Stadt war zur Tageshelle beleuchtet, und die Mittags zuvor angekommenen kaiserl. königl. Garde-Regimenter hatten sich durch die ganze Einzugsstrecke à la haie aufgestellt. Es war ½ 8 Uhr Abends, und die Menge des hier befindlichen, zum Theile noch mit der Einquartierung beschäftigten Militärs nebst dem zusammenströmenden Volke zeigte das Bild eines durch Ströme aufgetriebenen Meeres, das sich schwer und langsam dahinwälzt.“ 

25. Oktober 1805
Die Presse berichtet über Napoleons Einzug in München

München * Die Kurpfalzbaierische Staats-Zeitung von München berichtet vom Einzug Napoleons:

„Endlich hatten wir gestern das sehnlich erwartete Vergnügen, Se. Majestät Napoleon Kaiser in Frankreich und König in Italien hier eintreffen zu sehen. Se. Majestät kamen von Augsburg, fuhren in einem 6-spännigen Reisewagen, welchen der Herr Reichs-Marschall Bernadotte, nebst noch einigen H.H. Reichsmarschallen zu Pferde begleitete, unter dem Donner der Kanonen, und dem Zusammengeläute aller Glocken durch die Neuhauser-Kaufinger- über den Platz durch die Diener- in die Residenz-Gasse heran, und stiegen […] in der kurfürstl. Residenz ab.

Die ganze Stadt war zur Tageshelle beleuchtet, und die Mittags zuvor angekommenen kaiserl. königl. Garde-Regimenter hatten sich durch die ganze Einzugsstrecke à la haie aufgestellt. Es war ½ 8 Uhr Abends, und die Menge des hier befindlichen, zum Theile noch mit der Einquartierung beschäftigten Militärs nebst dem zusammenströmenden Volke zeigte das Bild eines durch Ströme aufgetriebenen Meeres, das sich schwer und langsam dahinwälzt“. 

8. November 1805
Zusage für eine Hochzeit

Linz * Baierns Kurfürst Max IV. Joseph gibt - im Beisein des Kurprinzen Ludwig - Napoleon Bonaparte in Linz die mündliche Zusage für die Hochzeit zwischen der baierischen Prinzessin Auguste Amalie mit dem Stiefsohn Napoleons, Eugène Beauharnais. 

2. Dezember 1805
Napoleon Bonaparte gewinnt die Dreikaiserschlacht bei Austerlitz

Austerlitz * Bei Austerlitz kommt es zur sogenannten Dreikaiserschlacht, an der der französische Kaiser Napoleon Bonaparte, Zar Alexander I. von Russland und der deutsch-römisch-österreichische Kaiser Franz II. persönlich auf dem Schlachtfeld anwesend sind.

Napoleon Bonaparte besiegt unter Mitwirkung baierischer Truppen die die österreichisch-russische Koalition entscheidend und erringt damit den glänzendsten Sieg seiner Laufbahn. Der Sieg der Dreikaiserschlacht von Austerlitz beendet den Dritten Koalitionskrieg. 

5. Dezember 1805
Kaiserin Joséphine trifft mit großem Gefolge in München ein

München * Frankreichs Kaiserin Joséphine trifft mit großem Gefolge in München ein. Sie bezieht die Steinzimmer der Residenz und bemüht sich im Interesse der Bündnispolitik Frankreichs erfolgreich um die Sympathien des kurfürstlichen Hofes und der Bevölkerung der Landeshauptstadt.

Die kaiserliche Gefolgschaft erregt gerade aufgrund ihrer prächtigen Ausstattung großes Aufsehen. Wegen des ungünstigen Münchner Wetters erkranken in den darauf folgenden Tagen viele der kaiserliche Hofdamen. 

10. Dezember 1805
Baierns Territorium soll erweitert und Königreich werden

Brünn * Im französisch-baierischen Vertrag von Brünn belohnt der Franzosenkaiser Baiern für seine Waffenhilfe und sichert ihm erneut zu, dass er im bevorstehenden Friedensvertrag mit Österreich Kaiser Franz II.

  • die Abtretung Vorarlbergs, der Gebiete in Schwaben und der Reste von Eichstätt und Passau zugunsten Baierns auferlegen will.
  • Außerdem soll der Kaiser in Wien auf jegliche Oberhoheit über den Kurfürsten von Baiern, der den Königstitel annehmen wird, verzichten.
  • Zudem sichert der französische Kaiser im Vertrag von Brünn Baiern die erbliche Königswürde zu.

Bereits im Vertrag von Bogenhausen hatte sich Napoleon Bonaparte verpflichtet, im Falle eine siegreichen Kriegsausgangs für eine weitere Vergrößerung Baierns einzutreten. 

26. Dezember 1805
Baiern erhält die Souveränität und die erbliche Königswürde

Bratislava * Österreich schließt mit Napoleon den Frieden von Preßburg, in dem es die im Vertrag von Brünn vom 10. Dezember 1805 festgesetzten Bestimmungen anerkennt. Der Friedensvertrag von Pressburg beendet den Dritten Koalitionskrieg.

Das hat zur Folge, dass Baiern die Markgrafschaft Burgau im heutigen Bayerisch-Schwaben, die Reste der Hochstifte Eichstätt und Passau, die freien Reichsstädte Augsburg und Lindau zugesprochen bekommt.

Österreich muss die Rangerhöhung des baierischen Kurfürsten zum König und Gebietsabtretungen akzeptieren. 

1. Januar 1806
Baiern wird extrem emotionslos zum Königreich erhoben

Königreich Baiern - München-Graggenau * Das Kurfürstentum Baiern wird von Napoleon Bonaparte zum Königreich erhoben. Aus Kurfürst Max IV. Joseph wird König Max I. Joseph. Die Rangerhöhung Baierns wird extrem emotionslos vollzogen. Der nur wenige Minuten dauernde Akt der Königserhebung findet um 10 Uhr, in den Appartements der Kurfürstin Karoline in der Münchner Residenz statt.

Obwohl Napoleon Bonaparte am Abend des Vortages in München eingetroffen ist, nimmt er nicht an der Zeremonie teil. Auch der leitende Minister Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas ist aus uns nicht bekannten Gründen abwesend.

  • Anwesend sind neben dem König und dem Kronprinzen Ludwig
  • der Minister für geistliche Angelegenheiten, Heinrich Theodor Graf Topor Morawitzky,
  • der Justizminister Johann Friedrich Freiherr von Hertling und
  • Abbé Pierre de Salabert.

Dazu kommen die Chefs der Königlichen Hofämter,

  • der Obersthofmeister Clemens Anton Graf von Toerring-Seefeld,
  • der Oberstkämmerer Maximilian Emanuel Freiherr von Rechberg und Rothenlöwen,
  • der Oberstmarschall Ludwig Joseph Freiherr von Gohren und schließlich
  • der Oberststallmeister Carl Ludwig Freiherr von Kesling.

Dieser Männerrunde erklärt Max Joseph, er habe sich „durch die vielen Beweise von Treue und Anhänglichkeit der Baiern an ihren Fürsten und Vaterland bewogen befunden, Baierns Unabhängigkeit zu begründen, indem Allerhöchst Sie in dem gegenwärtigen Zeitpunkt, wo es durch die Vorsehung Gottes dahin gediehen, dass das Ansehen und die Würde des Herrschers in Baiern seinen alten Glanz und vorige Höhe zur Wohlfahrt des Volkes und zum Flore des Landes wieder erreicht, den dem Regenten Baierns angestammten Titel eines Königs von Baiern anzunehmen und öffentlich proklamieren zu lassen“.

Er fügt noch hinzu, dass künftig alle direkten Abkömmlinge den Titel Königliche Hoheit führen werden. Daraufhin bringen die Anwesenden ihre Glückwünsche und Huldigungen zum Ausdruck. 

1. Januar 1806
Das frischgebackene Königspaar besucht ein Hofkonzert

München-Graggenau * Am Abend des Krönungstages besuchen Napoleon und seine Gemahlin Joséphine gemeinsam mit dem frischgebackenen Königspaar ein Hofkonzert. Weitere Feierlichkeiten unter Anwesenheit des französischen Kaiserpaares folgen in den nächsten Tagen. 

1. Januar 1806
Fehlende Kroninsignien und Salbung des Königspaares

München-Graggenau * Was fehlt, sind die Kroninsignien und natürlich die feierliche Krönung mit kirchlicher Salbung des Königpaares. Napoleon hätte gerne eine Krönung gesehen, die aber in München nicht gewollt ist. Begründet wird dies damit, dass im immer noch bestehenden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation derartige Königskrönungen unbekannt sind.

Da aber Baiern, Württemberg, Baden und Frankreich bestrebt sind, die Bestimmungen des Friedens von Preßburg vom 26. Dezember 1805 schnellstmöglich umzusetzen und damit unumkehrbar zu machen, fehlt für eine Krönung sowohl in München als auch in Stuttgart die dazu notwendige Vorbereitungszeit. So findet lediglich die Proklamation der neu entstandenen Königreiche Baiern und Württemberg zeitgleich statt.

Freilich gibt es noch andere Gründe, die gegen eine Krönung sprechen, aber nicht laut ausgesprochen werden:

  • Die Wittelsbacher wollen den Anschein vermeiden, die Königswürde sei dem militärischen Erfolg und dem Willen Napoleon Bonapartes zu verdanken.
  • Dieser hat eine Rangerhöhung der süddeutschen Staaten nur deshalb angestrebt, um zuverlässige Bündnispartner gegen Österreich zu gewinnen und dessen Machteinfluss zu beschränken.
  • Damit ist Napoleon auch dem Ziel, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu zerschlagen und zu beerben, ein Stück näher gekommen.
  • Und wenn man schon die baierische Unabhängigkeit und Souveränität als eine von Frankreich und Napoleon unabhängige legitimiert gewusst haben will, scheint eine Krönungszeremonie - noch dazu in Anwesenheit des französischen Kaisers - für absolut unakzeptabel.

Im Königlich-Baierischen Regierungsblatt vom 1. Januar 1806 wird deshalb angemerkt: „Unsere feyerliche Krönung und Salbung haben Wir auf eine günstigere Jahreszeit vorbehalten, welche Wir in Zeiten öffentlich bekannt machen werden.“ Geplant ist die Krönungszeremonie für Oktober 1806. 

1. Januar 1806
Eine Hochzeit als Preis für die Rangerhöhung zum Königreich

München - Paris * Der Preis für das Bündnis zwischen Baiern und Frankreich sowie die Erhebung in die Königswürde ist die Verehelichung der baierischen Prinzessin Auguste Amalie mit dem Stiefsohn Napoleons, Eugène Beauharnais. Mit der Münchner Hochzeit will sich Napoleon den Eintritt in eines der ältesten europäischen Adelshäuser ermöglichen.

Die mündliche Zusage für die Eheschließung hat Kurfürst Max IV. Joseph - im Beisein des Kurprinzen Ludwig - Napoleon Bonaparte bereits am 8. November 1805 in Linz gegeben.

Er hat dies dann aber mehrfach vor seiner Ehefrau vertuscht und abgestritten, da man den baierischen Kurfürsten eindringlich darüber aufgeklärt hat, dass eine Weigerung zum Verlust Baierns zugunsten eines „Napoleoniden“ führen würde. Die Auffassung vertrat sowohl Freiherr Maximilian Joseph von Montgelas, als auch der Gesandte im Hauptquartier Napoleons, Karl Ernst Freiherr von Gravenreuth.

Die Situation scheint aussichtslos. Kurfürstin Karoline, mit ihrer antifranzösischen Haltung, Prinzessin Auguste Amalie und Kurprinz Ludwig hoffen noch immer, dass sich die Heirat abwenden lassen würde. Das auch schon deshalb, weil sich Auguste Amalie mit dem Erbprinz Karl von Baden verlobt glaubt. 

1. Januar 1806
München als Ort der Eheschließung

München-Graggenau * Der Brautvater, König Max I. Joseph, hat zwei Forderungen:

  • Erstens soll der Ort der Trauung zwischen der baierischen Prinzessin Auguste Amalie mit dem Stiefsohn Napoleons, Eugène Beauharnais, soll München und nicht Paris sein.
  • Zum Zweiten soll sein zukünftiger Schwiegersohn die Königskrone von Italien erhalten.

Mit der Verhandlung wird Minister Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas beauftragt, der München als Ort der Eheschließung durchsetzen kann, allerdings an der Erhebung Eugénes zum König Italiens scheitert. Immerhin bleibt er aber Vizekönig. 

Um den 1. Januar 1806
Eugène Beauharnais wird von der geplanten Hochzeit informiert

München * Eugène Beauharnais wird selbst von Napoleon mit den knappen Worten „Ich bin in München angekommen, ich habe Ihre Heirat mit Prinzessin Auguste abgemacht; sie ist veröffentlicht worden“ über seine Rolle in diesem Spiel informiert. Damit er weiß, wie seine Künftige aussieht, ist dem Schreiben eine Tasse mit dem Porträt der Prinzessin beigefügt. In seiner Antwort führt Eugène aus, er werde alles tun, um das Vorbild glücklich zu machen. 

2. Januar 1806
Ein Militärspektakel mit erbeuteten Waffen

München * Ein ursprünglich für den Neujahrstag geplantes Militärspektakel muss wegen der Königsproklamation auf den 2. Januar verlegt werden.

Dabei werden Kanonen, Gewehre und Fahnen präsentiert, die einst von kaiserlichen Soldaten als Trophäen nach Wien gebracht und nun von Napoleon als Zeichen der Verbindung von Frankreich und Baiern sowie der gemeinsamen Abgrenzung gegenüber Österreich im Triumph zurückgeführt worden waren. 

10. Januar 1806
Der Bräutigam Eugène Beauharnais kommt in München an

München * Drei Tage vor der Hochzeit, kommt der 23-jährige Bräutigam Eugène Beauharnais in München an. Seine 17-jährige Braut Auguste Amalie hatte „einen unkultivierten Protegé“ des französischen Kaisers erwartet. Doch nun erlebt sie zu ihrer Überraschung einen „liebenswürdigen Edelmann“. 

12. Januar 1806
Eugène Beauharnais wird von Napoleon Bonaparte adoptiert

München * Um die für das Haus Wittelsbach nicht eben sehr ehrenvolle Eheverbindung etwas attraktiver zu machen, wird Eugène Beauharnais am 12. Januar 1806, am Tag vor der Eheschließung, vom französischen Kaiser adoptiert und erhält das Versprechen der Thronfolge in Italien, falls Napoleon keine Nachkommen haben sollte. 

13. Januar 1806
Zivilhochzeit zwischen Eugéne de Beauharnais und Auguste Amalie

München-Graggenau * In der Grünen Galerie der Münchner Residenz findet die nach französischem Recht geforderte Ziviltrauung der Brautleute Eugène Beauharnais und Auguste Amalie, der ältesten Tochter des baierischen Königs, statt.

Karoline Murat, die Schwester Napoleons, bleibt, obwohl sie sich ja schon seit dem 20. Dezember in der Münchner Residenz aufhält, demonstrativ der Eheschließung fern. Sie gönnt der Familie Beauharnais die Verbindung mit dem Hause Wittelsbach nicht. 

15. Januar 1806
Bezüge zu Napoleon und Frankreich werden ausdrücklich vermieden

München * In den ab dem 15. Januar 1806 versandten formellen Benachrichtigungen an die Fürsten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und in allen anderen baierischen Verlautbarungen zur Annahme der Königswürde werden Bezüge zu Napoleon und Frankreich für die Rangerhöhung ausdrücklich vermieden. Stattdessen knüpft Max I. Joseph an die Königswürde der Agilolfinger an, die er mit der Königskrönung ja bloß wiederherstelle.

Ende November 1807
Napoleon beauftragt Montgelas mit dem Statut für den Rheinbund

München - Mailand - Paris * Minister Maximilian Joseph von Montgelas wird von Napoleon bei einem Treffen in Mailand aufgefordert, einen Entwurf für ein Fundamentalstatut für den Rheinbund auszuarbeiten. Vorgegeben sind die wichtigsten Grundzüge, wie eine Bundesorganisation und die Regelung der Handelsbeziehungen sowie die Einführung des „Code Napoléon“.  

Der von Montgelas ausgearbeitete und in Paris vorgelegte Entwurf beinhaltete nur ein absolutes Mindestmaß an Kompetenzen für den Rheinbund, der lediglich als lockerer Bund souveräner Staaten mit gemeinsamen Aufgaben auf militärischem Gebiet konzipiert ist.  

Da Napoléon mit dem baierischen Entwurf nicht besonders einverstanden ist, beauftragt er seinen Außenminister mit einem neuen, wesentlich zentralistischer gestalteten Konzept. 

20. Januar 1808
Ausarbeitung einer eigenen Verfassung für Baiern beschlossen

München * Der baierische Staatsrat beschließt die Ausarbeitung einer Konstitution für das Königreich Baiern.  

  • Man will die bereits vorgenommenen und noch geplanten Reformmaßnahmen absichern und den Zusammenhalt von Altbaiern und den neu hinzugekommenen Territorien Schwaben und Franken durch einen einheitlichen staatsrechtlichen Rahmen festigen.  
  • Außerdem soll verhindert werden, dass durch die geplante Verfassung des Rheinbundes die gerade erst errungene Souveränität des neuen Königreichs infrage gestellt wird.

Erleichtert wird dieser separatistische Schritt dadurch, dass die von Napoleon Bonaparte geforderten Reformen nicht im Widerspruch zu den Reformvorschlägen stehen, die Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas im Jahr 1796 im Ansbacher Mémoire formuliert hatte. 

13. Februar 1808
Montgelas legt den Entwurf einer Verfassung vor

München * Minister Maximilian Joseph von Montgelas legt dem Staatsrat den zum Teil skizzenhaften Entwurf einer Verfassung vor. Noch ist man sich in München nicht sicher, wie schnell Napoleon Bonaparte eine eigene zentralistische „Verfassung für den Rheinbund“ durchsetzen wird.   
Eile war demzufolge angebracht.  

Und so kann die „Konstitution des Königreichs Baiern“ bereits am 1. Mai 1808 verkündet werden. 

1. Mai 1808
Die Konstitution für das Königreich Baiern tritt in Kraft

München * Die Konstitution des Königreichs Baiern tritt in Kraft. Die erste einheitliche Verfassung des Königreichs Baiern besteht aus 45 Paragraphen, die auf acht Seiten Platz finden.  

Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und dem großen Gebietszuwachs, den Baiern erfahren hat, ist es notwendig geworden, das Recht zu vereinheitlichen und die Rechtsgleichheit in den verschiedenen Landesteilen herzustellen. Nur Altbaiern war, bis auf wenige Enklaven, ein geschlossenes Staatsgebiet. Ansonsten gleicht das neue Baiern mit seiner Anhäufung von Besitzungen verschiedener Fürsten, Grafen, Herren und Ritter eher einem Fleckerlteppich. 

Baiern muss nun zusammenwachsen und nach einheitlichen gesellschaftlichen und verwaltungsrechtlichen Grundsätzen regiert werden.  

  • Damit werden „alle besonderen Verfassungen, Privilegien, Erbämter und Landschaftliche Korporationen der einzelnen Provinzen“ aufgehoben.  
  • Die Verfassung garantiert die Gleichheit aller vor dem Gesetz und den Steuerbehörden sowie beim Zugang zu den Staatsämtern.  
  • Die Rechte des Adels werden darin eingeschränkt und deren bisherigen politischen Vorrechte ausdrücklich abgelehnt. In einer neu eingeführten „Adelsmatrikel“ muss der Adelstitel erst staatlich anerkannt werden.  
  • Die Leibeigenschaft wird ersatzlos abgeschafft.
  • Die Sicherheit des Eigentums wird ebenso gewährleistet, wie die Gewissensfreiheit und die Pressefreiheit. Letztere wird allerdings durch Gesetze teilweise wieder eingeschränkt.
  • Das Gesetz sieht ein stehendes Volksheer und eine Bürgermiliz vor.

Mit 21 Jahren muss jeder Staatsbürger vor der Verwaltung seines Kreises einen Eid ablegen, dass er „der Konstitution und den Gesetzen gehorchen - dem König treu sein wolle“. Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Monarchen darf kein Staatsbürger auswandern oder ins Ausland reisen. 

Zum „Königlichen Hause“ wird in der Konstitution festgelegt,

  • dass die Krone erblich ist „in dem Manns-Stamme des regierenden Hauses, nach dem Rechte der Erstgeburt und der agnatisch-linealischen Erbfolge“.
  • Die Prinzessinnen sind für immer von der Regierung ausgeschlossen, so lange noch männliche Nachkommen vorhanden sind.
  • Sämtliche Familienmitglieder des königlichen Hauses stehen unter der Gerichtsbarkeit des Monarchen, und können bei Verlust Ihres Erbfolge-Rechts nur mit dessen Einwilligung zur Ehe schreiten.  

Nach den Bestimmungen der Konstitution besteht zur Verwaltung des Königreiches Baiern 

  • das Ministerium aus fünf Departements, dem des Äußeren, der Justiz, der Finanzen, des Inneren und des Kriegswesens.  
  • Zudem teilte sie das Königreich in Kreise ein, um so einen einheitlichen Beamten- und Verwaltungsstaat zu schaffen.
  • Auch das Justiz- und Militärwesen werden neu organisiert.  

Ein Parlament ist in Form einer National-Repräsentation vorgesehen, kommt aber nicht zustande.  
Gleichwohl werden die Vertretungen der einzelnen Teilgebiete des Königreichs mit Inkrafttreten der Verfassung abgeschafft.  

  • Die National-Repräsentanten sollten für die Dauer von sechs Jahren gewählt werden.  
  • Dazu sollten in jedem der acht Kreise,von den 200 höchstbesteuerten „Land-Eigenthümern, Kaufleuten und Fabrikanten“ von Wahlmännern sieben Mitglieder gewählt werden. Diese 56 Gewählten hätten dann die Reichs-Versammlung gebildet.  

Durch die Einführung der Konstitution verhindert Minister Maximilian Joseph von Montgelas, dass der auf Napoléon Bonapartes Drängen geschlossene Rheinbund die Souveränität des Königreichs Baiern zu stark einschränkt.

Anfang Mai 1809
Napoleon Bonaparte befiehlt die erneute Unterwerfung Tirols

München - Wien - Tirol * Napoleon Bonaparte kann die anfangs durchaus erfolgreichen Österreicher aus Baiern herausdrängen und nach Wien vorrücken.

Gleichzeitig befiehlt er seinem Marschall Pierre François Joseph Lefèbvre mit zwei baierischen Divisionen unter den Generälen Philipp von Wrede und Bernhard Erasmus Graf von Deroy Tirol wieder zu unterwerfen.

19. Mai 1809
Die Divisionen Wrede und Deroy rücken kampflos in Innsbruck ein

Innsbruck - Tirol * Die Divisionen Wrede und Deroy rücken kampflos in Innsbruck ein. Napoleon Bonaparte gibt den Befehl, General Johann Gabriel Marquis von Chasteler de Courcelles „als Räuberanführer, als Urheber der an den gefangenen Franzosen und Baiern verübten Mordtaten und als Anstifter des Tiroler Aufstandes in die Acht erklärt, vor ein Kriegsgericht zu stellen und binnen 24 Stunden zu erschießen“.

Andreas Hofer verhandelt inzwischen am 19. in Mühlbach und am 20. in Bruneck mit General Chasteler und kann ihn zum Verbleib in Tirol überreden.

21. Mai 1809
Abzugsbefehl an alle in Tirol stationierten Truppen nach Österreich

Tirol * Angesichts der durch Napoleon Bonaparte erklärte „Acht“ ändert General Johann Gabriel Marquis von Chasteler de Courcelles seine Meinung und gibt den Abzugsbefehl an alle in Tirol stationierten Truppen nach Lienz und von dort weiter nach Österreich.

28. Oktober 1809
Im Frieden von Schönbrunn wird Tirols Baiern überlassen

Tirol * Erzherzog Johann unterrichtet im Auftrag seines kaiserlichen Bruders die Tiroler Freunde über den Frieden von Schönbrunn und der Überlassung Tirols an Baiern. Der Tiroler Oberkommandant Andreas Hofer will daraufhin nach Innsbruck fahren und mit dem baierischen Kronprinzen Ludwig I. verhandeln. 

Da erscheint der Kapuzinermönch Joachim Haspinger, genannt „Pater Rotbart“, der Hofer - mit seiner Redekunst, aber auch mit Lügen - umstimmen will. Und der der Geistlichkeit hörige Andreas Hofer lässt sich umstimmen. Erzherzog Johann informiert auch den Südtiroler Josef Giovanelli über den Frieden von Schönbrunn. Daraufhin machen sich viele Aufständische auf den Nachhauseweg.

1. November 1809
Es kommt zur vierten und letzten Schlacht am Bergisel

Innsbruck - Bergisel * Es kommt zur vierten und letzten Schlacht am Bergisel. 20.000 baierische Soldaten stehen etwa 8.500 Tirolern unter der Führung des Sandwirts Andreas Hofer gegenüber. Die Schlacht ist nach knapp drei Stunden entschieden. Die - von baierischer Seite „Rebellen“ oder „Insurgenten“ genannten - Aufständischen vernichtend geschlagen. 

Der Aufstand der Tiroler und die zunächst vergeblichen Versuche, Tirol zurückzuerobern, sind in den Augen Napoleons eine militärische Schande, die seinen Ruf als unbesiegbaren Feldherrn beschädigt. Dies führt dazu, dass der Franzose eine Teilung für notwendig erachtet.

Die Südtiroler nehmen an den Kämpfen nicht mehr teil. Rund einhundert Abgeordnete versammeln sich in Bozen, beschließen die Niederlegung der Waffen und informieren Andreas Hofer darüber.

2. November 1809
Die Tiroler beschließen ein Unterwerfungsschreiben

Tirol * Ein französischer Offizier mit wichtigen Schriftstücken wird von den Tiroler Rebellen gefangen genommen. Die Dokumente enthalten eindeutige Beweise über die Richtigkeit des Schönbrunner Friedens, die auch die hartnäckigsten Zweifler überzeugen. 

Die Versammelten beschließen ein Unterwerfungsschreiben an Napoleons Adoptivsohn Eugéne Beauharnais, dem Vizekönig von Italien, der auch die den Tirolern zugestellte Friedensproklamation unterzeichnet hatte.

20. Dezember 1809
Kronprinz Ludwig entscheidet sich für Therese

Hildburghausen * Kronprinz Ludwig I. trifft in der kleinen Residenzstadt Hildburghausen ein. Er befürchtet nicht unbegründet, dass ihn Napoleon Bonaparte mit einer ihm genehmen Frau verheiraten will. Das will der junge Baier verhindern, weshalb sich selbst auf Freiersfüßen begibt und eine Ehefrau sucht. 

Er muss sich entscheiden zwischen der großen, schlanken, 17-jährigen Therese und der eineinhalb Jahre jüngeren, aber „zweifellos hübscheren“ Luise. Er entscheidet sich für Therese.

12. September 1810
Das ausgebeutete Salzburg kommt zum Königreich Baiern

Salzburg * Napoleon Bonapartes Frankreich tritt im Frankfurter Vertrag das ausgebeutete Salzburg an den baierischen König Max I. Joseph ab. Mit der Eingliederung in das baierische Königreich verliert Salzburg endgültig seine territoriale Selbstständigkeit. Das eh schon verarmte Land wird zunächst von den Franzosen ausgepresst und dann den Baiern wegen ihrer Bündnistreue überlassen. 

27. März 1813
Preußen erklärt Frankreich den Krieg

Berlin - Paris * Preußen erklärt Frankreich den Krieg. Damit beginnen die sogenannten Befreiungskriege. Nach dem gescheiterten Russlandfeldzug sind in ganz Europa - und damit natürlich auch in Baiern - Befreiungsbewegungen gegen Napoléon Bonaparte gewachsen. Es geht um die Beseitigung der französischen Vorherrschaft und Fremdherrschaft in Europa. 

13. September 1813
Das Gasthaus zum Kaisergarten droht einzustürzen

München-Au * Der Kaisergarten ist jenes Wirtshaus, für das beim Jahrhundert-Hochwasser der Isar das letzte Stündchen angebrochen scheint. Viele neugierige Gaffer stehen auf der steinernen Isarbrücke und wollen miterleben, wie das bereits unterspülte Gasthaus langsam in die tosenden Fluten der Isar versinkt. 

Doch nicht für den Kaisergarten hat das letzte Stündchen geschlagen, sondern für 93 schaulustige Münchner*innen. Sie trifft der jähe Tod, nachdem die Brücke Bogen für Bogen einstürzt und mitsamt den darauf befindlichen Personen in dem reißenden Gebirgsfluss versank. Es kann nur eine Person gerettet werden.

13. September 1813
Ein Hochwasser reißt die Hälfte der Äußeren Ludwigsbrücke weg

Vorstadt Au - Haidhausen * Ein Hochwasser reißt die Hälfte der Äußeren Ludwigsbrücke weg. Eine pervers neugierige Menschenmenge hat auf der Äußeren Brücke gewartet, um dabei zu sein, wenn der nahe gelegene Kaiserwirt in sich zusammenfallen und in den Isarfluten mitgerissen wird. Die Schaulustigen glauben sich auf der aus Stein erbauten Brücke in Sicherheit, da sie gerade ihr eine hohe Standfestigkeit unterstellen.

Der Fuhrknecht eines Brauwagens, der den Flussübergang gerade passiert hatte, warnte die Gaffer, dass die Brücke wankt. Eine Totengräberin, die auf einem Schubkarren ein Kruzifix über die Brücke rollt, ruft: „Schauts auf, da Tod kummt!” Unmittelbar danach „knickte der östliche Brückenpfeiler ein, die Brückendecke senkte sich und stürzte dann in die Fluten“. Zwei weitere Bögen folgen nach. 108 Menschen stürzen in den tosenden Gebirgsfluss, nur sechs können gerettet werden.

16. Oktober 1813
Die Völkerschlacht bei Leipzig beginnt

Leipzig * Die Völkerschlacht bei Leipzig beginnt als Entscheidungsschlacht der Befreiungskriege gegen Napoleon. Sie dauert bis zum vom 19. Oktober 1813. Dabei kämpfen die Truppen der Verbündeten Österreich, Preußen, Russland, Schweden und Baiern gegen die französischen Truppen.

Die Verbündeten bringen Napoleon Bonaparte die entscheidende Niederlage bei, die ihn zwingt, sich mit der verbliebenen Restarmee und ohne Verbündete aus Deutschland zurückzuziehen. In dieser wahrscheinlich größten Schlacht der Weltgeschichte werden von den rund 600.000 beteiligten Soldaten 92.000 getötet oder verwundet.

29. Januar 1814
Die Schlacht bei Brienne-le-Château sur Aube

Brienne-le-Château * Bei Brienne-le-Château sur Aube kämpft die Große Armee - mit Beteiligung Baierischer Truppen unter dem Befehl von General Carl Philipp Joseph von Wrede - gegen die Napoléonischen Streitkräfte. Die Schlacht endet mit einem Sieg Frankreichs unter Napoléon Bonaparte gegen die Russen, Preußen und Baiern unter Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher.

Der Name des Schlachtortes findet sich seit 1826 in der Brienner Straße wieder. Diese hieß zuvor Königsstraße beziehungsweise ab dem Königsplatz Kronprinzenstraße und ist aus dem ehemaligen Fürstenweg nach Nymphenburg entstanden.

1. Februar 1814
Die Schlacht bei La Rothière

La Rothière * Die Schlacht bei La Rothière findet im Tal der Aube südlich von Brienne statt. Sie steht in engem Zusammenhang mit der Schlacht von Brienne-le-Château, die drei Tage zuvor mit einem Rückzug der Koalitionstruppen endete. 

Das beherzte Eingreifen des baierisch-österreichischen Korps unter General Carl Philipp Joseph von Wrede hat dazu beigetragen, dass Napoléon Bonaparte um 21 Uhr den Befehl zum Rückzug gibt. 

20. März 1814
Die Schlacht von Arcis-sur-Aube

Arcis-sur-Aube * Die Schlacht von Arcis-sur-Aube stellt sich für Napoleon Bonaparte nahezu aussichtslos dar, da er einen Mehrfrontenkrieg gegen Russland, Preußen, Großbritannien und Österreich führt. 

Bei Arcis-sur-Aube muss die französische Armee mit 28.000 Mann gegen eine fast dreifach überlegene österreichische Armee unter Generalfeldmarschall Karl Philipp zu Schwarzenberg mit 80.000 Mann kämpfen. Unter ihnen befinden sich auch baierische Truppen unter Feldmarschall Carl Philipp Joseph von Wrede. 

21. März 1814
Napoleon Bonaparte ordnet den sofortigen Abzug seiner Truppen an

Arcis-sur-Aube * Im weiteren Kampfverlauf in der Schlacht von Arcis-sur-Aube ordnet Napoleon Bonaparte um 12 Uhr mittags den sofortigen Abzug seiner sämtlichen Truppen an. Damit ist der Weg für die Verbündeten nach Paris frei.

Auch an diese Schlacht erinnert eine Straße in der Maxvorstadt, die Arcisstraße, die vor 1826 den Namen Ludwigstraße trug. Die spätere Meiserstraße und heutige Katharina-von-Bora-Straße hieß damals noch Amalienstraße. 

18. September 1814
Der Wiener Kongress regelt die Neuordnung Europas

Wien * Der Wiener Kongress beginnt. Er tagt bis zum 9. Juni 1815. Im Mittelpunkt der vom österreichischen Staatskanzler Fürst Clemens Menzel von Metternich geleiteten und unter starkem Einfluss des Zaren Alexander I. und England stehenden Verhandlungen steht die Neuordnung Europas nach den Befreiungskriegen und dem Zusammenbruch des napoleonischen Herrschaftssystems.

Ein wesentlicher Punkt auf der Tagesordnung der europäischen Politik ist die Schaffung einer neuen Friedensordnung, die der Wiener Kongress vornehmlich dadurch umzusetzen versucht, indem er die Macht zwischen den Großmächten ins Gleichgewicht bringen will. Für die Königreiche, darunter Baiern, sowie die Großherzogtümer, Herzogtümer und Grafschaften des Rheinbundes ist vordringlich, dass nach ihrem Wechsel zur antinapoleonischen Allianz die Eigenstaatlichkeit und Souveränität ihrer bestehenden Staaten vertraglich festgeschrieben wird. 

30. Mai 1820
Vorschlag: Ein Brunnenmonument auf dem Max-Joseph-Platz

München-Graggenau * Die künstlerische Konzeption des Max-Joseph-Denkmals liegt von Anfang an bei Kronprinz Ludwig I. und Leo von Klenze, der ein Brunnenmonument auf dem Max-Joseph-Platz vorschlägt. Das steht wiederum in einem engen Zusammenhang mit einem groß angelegten Wasserleitungs- und Brunnenprogramm, das für die Stadt eingerichtet werden soll und ihr Vorbild in dem napoleonischen Brunnenprogramm für Paris hat.

23. Oktober 1823
Die Franziskaner erhalten das Kloster im Lehel

München-Lehel * Noch bevor die Zentralklöster völlig aussterben, verhilft König Ludwig I. der bayerischen Franziskanerprovinz zum heiligen Antonius von Padua zu neuem Leben. Im Einvernehmen mit Erzbischof Anselm von Gebsattel erhalten die Franziskaner in München die Pfarr- und ehemalige Hieronymitenkloster-Kirche Sankt Anna im Lehel als neuen Sitz.

Über die massiven Bedenken, ob man die Bettelmönche überhaupt wieder in München ansiedeln soll, setzt sich der klösterrestaurierende Bayernherrscher - sehr zur Freude seiner konservativ eingestellten Untertanen - einfach hinweg. Als Begründung für seine Entscheidung zugunsten der Franziskaner gibt er an: „Eingedenk, daß Mitglieder dieses Hauses Unsern erhabenen Vorfahren Kaiser Ludwig den Bayern zu einer Zeit vertheidigt haben, in welcher dieses mit größter Gefahr verbunden war.“

Kurz und bündig gibt er an das Ministerium des Innern die Weisung: „Am Allerheiligentage sollen die Franciscaner von Ingolstadt in ihrem hiesigen Kloster eintreffen, daselbst Hochamt halten.“

1. November 1827
Die Franziskaner kehren nach München zurück

München-Lehel * Mit der religiösen Restauration unter König Ludwig I. werden insgesamt 132 klösterliche Konvente in Bayern ins Leben gerufen. Jetzt kehren auch die Franziskaner nach München zurück. Gegen den Willen vieler Zeitgenossen und in völliger Verklärung der seinerzeitigen Ereignisse genehmigt König Ludwig I., „[...] eingedenk, dass Mitglieder dieses Ordens Unseren erhabenen Vorfahren Kaiser Ludwig den Bayer zu einer Zeit vertheidigt haben, in welcher dies mit größter Gefahr verbunden war“, die Niederlassung dieses Ordens im Lehel.  

Am Allerheiligentag fahren die Franziskanermönche in sechs Wagen von Schwabing zur Sankt-Anna-Kirche im Lehel. „An der Brücke vor dem Kloster, wo bereits eine große Menschenmenge versammelt war, wurden sie vom Bürgermeister [...] und anderen Herren empfangen und unter Voraustretung der Laienbrüder [...] bis zur Türe der Pfarr- und nunmehr auch Klosterkirche geführt. Hier erwartete sie Stadtpfarrer Schuster und begleitete sie an den Choraltar. [...] Die ganze, sehr religiöse Feierlichkeit, wobei die Kirche bis zum Erdrücken angefüllt war, [...] wurde mit dem Te Deum beschlossen.“  

Damit ist das Anna-Kloster im Lehel das Hauptkloster der wieder neu aufblühenden bayerischen Franziskanerprovinz. Seither befindet sich auch die Oberarm-Reliquie des heiligen Antonius in der Anna-Klosterkirche. 

1. Mai 1830
Das Schweiger-Theater hinterm Gasthof zum Kaisergarten

Vorstadt Au * Josef Schweiger tritt mit seinem Ensemble in seinem Theaterbau im Garten des Gasthauses zum Kaisergarten in der Vorstadt Au, in der heutigen Lilienstraße 42, auf.

  • Die Spielzeiten des Schweigerischen Volkstheaters in der Vorstadt Au dauert von Ende April bis Ende September.
  • Täglich finden zwei Aufführungen statt.
  • Josef Schweigers Holztheater bietet Platz für bis zu 500 Zuschauer.
  • Der billigste Platz kostet 6 Kreuzer, was dem Preis einer Maß dunklen Bieres entspricht. Dies können sich auch die weniger bemittelten Theaterbesucher leisten.

Da man der Schweigerbühne eine „Sitten zerrüttende Wirkung auf das Publikum“ nachsagt, lebt Josef Schweiger in ständigem Kampf um die Theaterkonzession. 

5. Oktober 1842
Prinzessin Marie Friederike von Preußen wird per procuram getraut

Berlin * Prinzessin Marie Friederike von Preußen wird in Abwesenheit ihres Bräutigams [per procuram] nach den Vorschriften der evangelischen Kirche getraut. Prinz Wilhelm, der spätere König Wilhelm I. von Preußen und Deutscher Kaiser vertritt den Bräutigam Kronprinz Max II. von Bayern. 

3. März 1848
Staatskanzler Metternich flieht nach England

Budapest - Wien * Der Landtagsabgeordnete Lajos Kossuth hält im ungarischen Reichstag eine Rede, in der er mehr Souveränität für Ungarn fordert. Er greift in seinem Vortrag das Metternich-Regime scharf an und verlangt eine umfassende Reform der Habsburger Monarchie. Die Rede löst begeisterte Zustimmung in den Oppositionskreisen des österreichischen Kaiserreichs aus und gibt den Anstoß zur Wiener Märzrevolution.

Staatskanzler Klemens Wenzel Fürst von Metternich verliert daraufhin seinen Rückhalt am kaiserlichen Hof, sieht sich zum Rücktritt gezwungen und flieht nach England. Die Pressefreiheit wird eingeführt und eine Verfassung versprochen. Bis zum 15. März 1848 sind in Wien die zentralen Forderungen der Revolution durchgesetzt. 

6. Oktober 1848
Straßenschlachten verhindern den Einmarsch nach Ungarn

Wien * Der österreichische Kriegsminister Theodor Graf von Latour gibt den Befehl zum Einsatz deutscher Truppen gegen Ungarn. Der Befehl wird jedoch verweigert. Aus der Meuterei wird ein allgemeiner Aufstand. Blutige Straßenschlachten fordern mehr als 500 Tote und Schwerverletzte. Das Kriegsministerium wird gestürmt und der Kriegsminister an einer Laterne aufgehängt. Kaiser Ferdinand I. und seine Regierung müssen in das mährische Olmütz fliehen.  

Der Abmarsch der Truppen nach Ungarn ist erfolgreich verhindert worden. 

16. Oktober 1848
Alfred Fürst zu Windischgrätz wird österreichischer Oberbefehlshaber

Wien * Der österreichische Kaiser Ferdinand I. ernennt Alfred Fürst zu Windischgrätz, den führenden Kopf der Gegenrevolution, zum Oberbefehlshaber aller österreichischen Truppen. Fürst Windischgrätz gilt in der Bevölkerung als Schreckensmann, mit dem man Kinder erschreckt, wenn sie nicht gehorchen. 

4. November 1848
Charles Louis Napoleon Bonaparte wird französischer Staatspräsident

Paris * Von der Nationalversammlung in Paris wird eine Verfassung verabschiedet, in der auch die Wahl eines Staatspräsidenten vorgesehen ist. Charles Louis Napoleon Bonaparte, der Neffe des großen Napoleon Bonaparte, kandidiert als Staatspräsident. Er, der anno 1836 und 1840 gegen den Bürgerkönig Louis-Philippe vergeblich geputscht hatte, holt 75 Prozent der Stimmen und damit das Amt des französischen Staatspräsidenten. 

27. Dezember 1848
Grundrechte des deutschen Volkes verabschiedet

Frankfurt am Main * Die Nationalversammlung in Frankfurt am Main verabschiedet die Grundrechte des deutschen Volkes, die am 28. März 1849 in die Paulskirchen-Verfassung münden wird.  

  • Erbkaiser soll der König von Preußen werden.
  • Anstatt eines Großdeutschland sollte es nur ein Kleindeutschland geben, da Österreich nicht bereit ist, seine nichtdeutschen Gebiete aufzugeben.
3. April 1849
Friedrich Wilhelm IV. will nicht Kaiser von Volkes Gnaden sein

Berlin - Frankfurt am Main * Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnt die ihm von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone ab. Die von Volksvertretern angebotene Krone besteht für Friedrich Wilhelm IV., der in seinem monarchischen Selbstbild vom traditionellen Gedanken des Gottesgnadentums ausgeht und die Idee der Volkssouveränität ablehnt, nur aus „Dreck und Letten“. Ein „Kaiser von Volkes Gnaden“ will er keinesfalls sein. Damit sind auch die Deutsche Einheit und die Reichsverfassung gescheitert.

Die Zurückweisung der Kaiserkrone durch den preußischen König liegt an dessen innerlichen Ablehnung der Frankfurter Reichsverfassung, weil diese von Demokraten und Liberalen beschlossen worden ist. Denn während der Revolutionszeit hat der Preußenkönig immer wieder seine Bereitschaft signalisiert, an die Spitze eines deutschen Bundesstaates zu treten. Er wünscht sich allerdings eine konservativere Verfassung und scheut sich vor dem Titel eines Kaisers.

Viel wichtiger ist ihm, die Zustimmung seiner Standesgenossen, der anderen deutschen Fürsten, zu erhalten. Bereits am 3. April 1849, als Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone des Frankfurter Parlaments ablehnt, lässt er die übrigen deutschen Staaten wissen, dass er an die Spitze eines deutschen Bundesstaates treten wolle, an dem diejenigen Staaten teilnehmen sollen, die dies wünschen. 

1. Mai 1850
J. Schweiger erhält eine Konzession für ein Theater in der Vorstadt Au

Vorstadt Au * Mit der Unterstützung Auer Bürger erhält Johann Schweiger - trotz des Widerstand der Hoftheaterintendanz - die Konzession für ein eigenes Theater in der Vorstadt Au. Es befindet sich im Garten der Wirtschaft Kaisergarten in der Lilienstraße 2.

Jetzt haben die Münchner die Qual dar Wahl. Und schon bald heißt es: „Heut‘ geh‘ ich zum Schani, morgen zum Maxl“.

9. Oktober 1850
Bei strahlendem Sonnenschein wird die Bavaria enthüllt

München-Ludwigsvorstadt * Noch während des Oktoberfests und bei strahlendem Sonnenschein kann die Bavaria enthüllt werden. 

In der ganzen Stadt aufgehängte Plakate künden von einem „Festprogramm zur Feier der Kunsttätigkeit König Ludwigs bei Gelegenheit der Enthüllung des Bayern-Standbildes“. Ein schier endloser Festzug mit geschmückten Wagen der Künstlerschaft und der Handwerker bewegt sich vom Maximiliansplatz zur Theresienwiese.

Endlich kann die Bavaria vor den königlichen Gästen und weiteren Tausenden von Zuschauern enthüllt werden. Unter der extra dafür errichteten überdachten Tribüne haben sich das Ex-Königspaar Ludwig I. und Therese eingefunden, begleitet sind sie von König Otto von Griechenland und der Gemahlin des Prinzen Luitpold. 

Nach dem Fall der Bretterverschalung fallen die großen Worte des abgedankten Königs Ludwig I.: „Ich bin 64 Jahre alt, hab‘ viel Schönes gesehen, so Schönes noch nie, ich habe viele Freuden erlebt, eine solche Freude noch nie.“ Voller Bewunderung und in Erinnerung an Kaiser Neros Kolossalstatue, die dem Colosseum in Rom den Namen gab, sprach er: „Nero und ich sind die einzigen, die so großes gemacht haben, seit Nero keiner mehr.“

Das Standbild ist als Personifikation des Landes Bayern gedacht. Von der Sohle zum Scheitel misst die Bavaria 15,78 Meter, bis zum Kranz 18,1 Meter, und vom Sockel sind es gar 30 Meter. Es ist seinerzeit das größte erzene Standbild der Welt. Allein das Erzgewicht beträgt 1.438,66 Zentner. 

Über eine Treppe von 126 Stufen kann man innen bis in den Kopf steigen.

2. Dezember 1852
Napoleon III. lässt sich zum Kaiser der Franzosen ausrufen

Paris * Frankreichs Staatspräsident Charles Louis Napoleon Bonaparte lässt sich zum Kaiser der Franzosen ausrufen. Das war am ersten Jahrestag des Staatsstreichs und am selben Tag, als sich sein Onkel Napoleon Bonaparte im Jahr 1804 selbst zum erblichen Kaiser von Frankreich krönte.

Das bedeutet zusätzlich das Ende der im Jahr 1848 ausgerufenen Zweiten Republik und den Beginn des Zweiten Kaiserreichs. Fortan nennt er sich Napoleon III..

16. August 1853
Kaisers Franz Joseph I. und seine Cousine Elisabeth „Sisi“

Bad Ischl * In Bad Ischl soll die Verlobung des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. mit der 19-jährigen Herzogin Helene in Bayern gefeiert werden. Doch es kommt anders. Dem 23-jährigen Regenten gefällt seine drei Jahre jüngere Cousine Elisabeth „Sisi“ ganz einfach viel besser. 

18. August 1853
Kaiser Franz Joseph I. und Herzogin Elisabeth „Sisi“ verloben sich

Wien - München * An seinem 23. Geburtstag hält der österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. um die Hand seiner Cousine Herzogin Elisabeth „Sisi“ in Bayern an. In der Überzeugung „einem Kaiser von Österreich gibt man keinen Korb“ stimmt das herzogliche Haus der Verlobung zu. Herzog Max in Bayern und die kaiserliche Administration einigen sich auf eine Mitgift in Höhe von 50.000 Gulden, dazu Kleider und Schmuck.

12. August 1860
Die Eisenbahn-Strecke München - Salzburg wird erstmals befahren

München - Salzburg * Die in fünf Teilabschnitten erbaute und insgesamt 188 Kilometer lange Eisenbahn-Strecke von München nach Salzburg kann erstmals befahren werden. Ab Salzburg führt die Bahnlinie weiter nach Wien.

Kaiser Franz Joseph I. von Österreich trifft aus Wien mit der k.k. privilegierten Kaiserin-Elisabeth-Bahn ein, König Max II. von Bayern in Salzburg in seinem Hofzug an. Der bayerische Zug wird von zwei Maffei-Lokomotiven gezogen.

Mit dieser Zugverbindung liegt München genau zwischen den zwei großen europäischen Metropolen Wien und Paris. 

5. Oktober 1869
König Ludwig II. gibt erneuten Auftrag für einen Wintergarten

München-Graggenau * König Ludwig II. gibt Carl von Effner den Auftrag für einen neuen königlichen Wintergarten auf dem Dach des Festsaalbaus der Residenz, mit den Ausmaßen 69,50 x 17,20 x 9,50 Metern. Um der Längenausdehnung entgegen zu wirken, wird der Dachgarten im Süden durch einen Quertrakt erweitert. Dazu wird im Kaiserhof ein dreiachsiger Unterbau errichtet.  

Der für den neuen Wintergarten angefertigte Maurische Pavillon [Beauftragt im Herbst 1868] findet keine Verwendung. Er wird stattdessen im Park von Schloss Berg am Starnberger See aufgestellt. 

13. Juli 1870
Der Preußenkanzler Otto von Bismarcks brüskiert Frankreich

Berlin * Der Preußische Kanzler Otto von Bismarck weis, dass die Deutsche Einigung nur durch den Druck von Außen vollendet werden kann. Diesen Druck von Außen liefert ihm der französische Kaiser Napoleon III., nachdem das spanische Parlament den vakanten Thron einem Mitglied des Haus Hohenzollern-Sigmaringen anbietet. In Frankreich kommen daraufhin Einkreisungsängste hoch, die sich in der scharfen Ablehnung des spanischen Vorhabens durch Kaiser Napoleon III. niederschlagen.

Preußens König Wilhelm I. erklärt sich daraufhin öffentlich bereit, den französischen Wünschen nachzukommen und den Thron einem nicht-deutschen Kandidaten zu überlassen. Doch das ist für die französische Öffentlichkeit zu wenig. Sie fordert die Garantie, dass auch zukünftig die Kandidatur hohenzollerischer Prinzen ausgeschlossen wird. Mit dieser Forderung reist der französische Botschafter Benedetti nach Bad Ems, wo sich der Preußenkönig zur Kur aufhält.

Wilhelm I. und Bismarck erkennen die isolierte Position der Franzosen, da weder England noch Russland Interesse an dem Vorgang zeigen. Schon deshalb lehnt König Wilhelm I. die Forderung ab und informiert darüber seinen Kanzler in einer sachlich gehaltenen Depesche.

Bismarck überarbeitet den Inhalt der Emser Depesche in scharfer Form und gibt den veränderten Text noch am selben Tag an die Presse weiter. Durch den brüsken Ton der Depesche fühle sich Frankreich tief gedemütigt. Damit geht Otto von Bismarcks Rechnung auf. 

16. Juli 1870
Die englischen Sympathien gehören Preußen

London * In der Londoner Times kann gelesen werden: „Über das eine kann gegenwärtig kein Zweifel herrschen, dass aller Welt Sympathien sich jetzt dem angegriffenen Preußen zuwenden. Napoleon hat. sich zu einer unpolitischen und verbrecherischen Tat hinreißen lassen, die Gedanken des ersten Kaiserreichs scheinen der Fluch des zweiten zu werden. […] Wehe dem Kaiser, wenn seine Soldaten eine Schlappe oder gar eine Niederlage erleiden sollten.“ 

19. Juli 1870
Frankreichs Kaiser Napoleon III. erklärt Preußen den Krieg

Paris - Berlin • Die französische Kriegserklärung trifft in Berlin ein. Kaiser Napoleon III. tritt die Flucht nach vorne an und erklärt - überstürzt und ohne außenpolitische Rückendeckung - Preußen den Krieg. „Nach Berlin!“ heißt der Schlachtruf und Marschall Leboeuf erklärt: „Frankreich ist bereit. Die preußische Armee existiert nicht. Ich kenne sie nicht!“

Da nun aber Preußen der angegriffene Staat ist, werden - für Frankreich völlig unerwartet - die süddeutschen Länder Bayern, Baden und Württemberg als Verbündete Preußens mit in den Krieg ziehen. 

1. September 1870
Kaiser Napoleon III. ergibt sich

Sedan * Am Abend hissen französische Soldaten, die den Kampf beendet sehen wollen, auf einem Turm der Festung von Sedan eine weiße Fahne.

Zur gleichen Zeit übergibt ein französischer General auf einer Anhöhe oberhalb der Stadt dem preußischen König Wilhelm I. einen Brief von Kaiser Napoleon III., in dem dieser schreibt: „Nachdem es mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, bleibt mir nichts übrig, als meinen Degen in die Hände Eurer Majestät zu legen.“ 

2. September 1870
Kaiser Napoleon III. begibt sich in preußische Gefangenschaft

Sedan * Nachdem über der Festung Sedan eine weiße Flagge gehisst worden ist, schweigen die Waffen. Preußenkönig Wilhelm I. schickt daraufhin zwei deutsche Parlamentäre zur Festung, um die Übergabe zu fordern. Sie werden direkt zu Kaiser Napoléon III. geführt, von dessen Anwesenheit die Deutschen bisher nichts gewusst haben.

Gegen 19 Uhr wird das Kapitulationsangebot an König Wilhelm von Preußen übergeben.

Der französische Kaiser Napoleon III. begibt sich in preußische Gefangenschaft und mit ihm 83.000 Offiziere und Soldaten. Zusätzlich waren schon während der Kampfhandlungen 21.000 Mann gefangen genommen worden. Frankreich hat damit keine handlungsfähige Armee mehr im Felde, weil die anderen 180.000 Mann nach wie vor in Metz eingeschlossen sind. Nur ein Korps hat sich der Einkesselung bei Sedan entziehen können und ist damit der letzte einsatzfähige Rest des französischen Feldheeres. 

3. September 1870
Schlechte Nachrichten für Paris

Sedan - Paris * Am Nachmittag des 3. September dringt die Kunde von der Niederlage und der Gefangennahme durch ein Telegramm des Kaisers an die Kaiserin Eugénie nach Paris. Auf französischer Seite hat die Kapitulation der französischen Truppen das Ende des Zweiten Kaiserreichs und die Ausrufung der Dritten Republik zur Folge. 

3. September 1870
Napoleon III. flieht nach Kassel

Sedan - Kassel * Als ab dem 3. September 1870 rund 104.000 französische Soldaten, darunter 4.000 bis 5.000 Offiziere, in die Kriegsgefangenschaft gehen, ist Kaiser Napoleon III. schon auf dem Weg nach Wilhelmshöhe bei Kassel, wo er den Friedensschluss abwarten soll.

Der französische Noch-Kaiser will schnellstens durch Belgien nach Kassel reisen. Seinem eigenen Volk misstraut er. Und seinen Soldaten tritt er nicht mehr gegenüber, so groß ist die Schmach der Niederlage. 

4. September 1870
Die Französische Republik wird ausgerufen

Paris * Volksmassen stürmen die Deputiertenkammer, kurz danach wird die Absetzung des Kaisers verkündet und die „provisorische“ Französische Republik ausgerufen, die den Krieg gegen die Deutschen fortsetzt. Die französischen Volksheere können zunächst die deutschen Angriffe zurückdrängen, zu keiner Zeit aber den deutschen Sieg ernsthaft gefährden. 

17. November 1870
Bismarck wird über König Ludwigs II. Geldprobleme informiert

München * Der Preußische Gesandte Georg Freiherr von Werthern informiert den preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck über die Geldprobleme König Ludwigs II.:  

„Der König von Bayern ist durch Bauten und Theater in große Geldverlegenheiten geraten. Sechs Millionen würden ihm sehr angenehm sein, vorausgesetzt, dass die Minister es nicht erfahren. Für diese Summe würde er sich auch zur Kaiser-Proclamation und Reise nach Versailles entschließen." 

23. November 1870
Das Königreich Bayern kann sich mehrere Reservatrechte sichern

München - Berlin * In den sogenannten Novemberverträgen kann sich das Königreich Bayern mehrere Reservatrechte sichern. Sie betreffen vor allem

  • das Militär,
  • die Eisenbahn,
  • das Post- und Telegrafenwesen,
  • die Branntwein- und Biersteuer sowie
  • die allgemeine Staatsverwaltung.  

Die Reservatrechte sind von der Aufsicht und Gesetzgebung des Deutschen Reichs befreit. Eisenbahn, Post und Biersteuer stellen wichtige Einnahmequellen dar.  

Das Bayerische Heer bildet - in Friedenszeiten - einen geschlossenen Bestandteil innerhalb der Streitkräfte des Deutschen Reichs. Es steht mit eigener Verwaltung unter der Hoheit des bayerischen Königs. Doch mit dem Beginn der Mobilmachung - und damit dem Eintritt des Kriegsfalles - untersteht das bayerische Militär direkt dem Kaiser. 

28. November 1870
Prinz Otto warnt seinen Bruder eindringlich

München * Als König Ludwig II. als Regent des zweitgrößten Königreichs dem preußischen König Wilhelm I. die Kaiserkrone antragen soll, fleht ihn Prinz Otto an:  

„Höre noch einmal meine Stimme; ich beschwöre Dich, das Schreckliche nicht zu tun!  
Wie kann es denn für einen Herrn und König eine zwingende Gewalt geben, seine Selbstständigkeit dahinzugeben und außer Gott noch einen Höheren über sich anerkennen zu müssen! [...]  
Mögen wir auch für den jetzigen Augenblick Vorteile und Zugeständnisse erlangen, die vielleicht von großem Umfang sind, so wiegen Sie doch gewiss nicht den hundertsten Teil von jenem Nachteil auf, den wir durch Dahingebung der Selbstständigkeit erleiden.“
  

Ganz schön weitblickend! 

30. November 1870
Ludwig II. schreibt den Kaiserbrief an König Wilhelm I. von Preußen

München * Bayernkönig Ludwig II. schreibt den sogenannten Kaiserbrief an König Wilhelm I. von Preußen. Darin regt er die „Wiederherstellung der deutschen Kaiserwürde“ und eines Deutschen Reiches an. Im Namen aller Bundesfürsten trägt er dem Preußenkönig die Kaiserkrone, die höchste deutsche Würde, an.  

Oberststallmeister Max Graf von Holnstein hat gemeinsam mit Bismarck den Brief entworfen, den der mit Zahnschmerzen im Bett liegende Bayernkönig nur ab- und unterschreiben muss. Noch am selben Tag reist Graf Holnstein nach Frankreich und überreicht dort den entscheidenden Brief an Prinz Luitpold.  

Für diesen bayerischen Ausverkauf wird König Ludwig II. allerdings persönlich mit rund fünf Millionen Mark aus Bismarcks Welfenfond entschädigt. Jedenfalls wird dem König lange Zeit unterstellt, dass der Kaiserbrief der noble Preis für diese Rentenzahlung gewesen ist. Max Graf von Holnstein, der Überbringer des Geldes und Mitbegründer der Bayerischen Vereinsbank, ist mit zehn Prozent an diesem Deal beteiligt. 

3. Dezember 1870
Prinz Luitpold von Bayern übergibt den Kaiserbrief

Versailles * Prinz Luitpold von Bayern übergibt den „Kaiserbrief“ im Hauptquartier von Versailles an den preußischen König Wilhelm I..  

  • Der bayerische Märchenkönig Ludwig II. verhält sich also gegenüber Preußen sehr loyal, muss aber - statt belohnt zu werden - bayerische Rechte an das von Preußen geführte Reich abtreten.  
  • Nichts ist es mit der erhofften Vergrößerung des Bayernlandes,  
  • nichts mit der gewünschten alternierenden Kaiserkrone, derzufolge dem preußischen Kaiser einer aus dem bayerischen Herrscherhaus folgen soll.  

Ein paar Reservatrechte, das Heer, die Post und die Eisenbahn betreffend, bleiben den süddeutschen Verbündeten. Ansonsten hat sie sich Bismarcks großpreußischem Staatengebilde unterzuordnen. 

19. Dezember 1870
Kanzler Otto von Bismarck leitet eine Verfassungsänderung in die Wege

Berlin * Nach König Ludwigs II. Kaiserbrief vom 30. November 1870 reagiert Kanzler Otto von Bismarck und leitet eine Verfassungsänderung in die Wege, durch welche die Bezeichnung „Deutscher Bund“ in „Deutsches Reich“ und „Deutscher Kaiser“ eingeführt wird. 

Dies geschieht auch im Einvernehmen mit der bayerischen Regierung. Spätestens jetzt ist es mit der Souveränität Bayerns vorbei. 

30. Dezember 1870
Die Kammer der Reichsräte beschließt den Beitritt zum Reich

München-Kreuzviertel * Zur Annahme der Versailler Verträge vom 23. November 1870 und dem damit verbundenen Reichsbeitritt ist im Bayerischen Landtag eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit notwendig.  

Diese Verträge regeln die Modalitäten, unter denen die süddeutschen Staaten dem Deutschen Kaiserreich beitreten sollen. Dabei ist zu entscheiden, ob das Königreich Bayern selbstständig bleiben oder ein Teil des Deutschen Reiches werden soll.  

Die Kammer der Reichsräte, der Vertretung des Hochadels, der Hochfinanz und der hohen Geistlichkeit, hat den Verträgen, die am 1. Januar 1871 in Kraft treten sollen, bereits an diesem 30. Dezember 1870 mit großer Mehrheit zugestimmt. Um die Souveränität des bayerischen Volkes preiszugeben, haben die erklärten „Sachwalter bayerischer Interessen“ genau einen Vormittag gebraucht. 

Vor dem 16. Januar 1871
Alles eine Frage der richtigen Anrede

Versailles * Die Frage der richtigen Anrede des künftigen Kaisers sollte noch zu viel Ärger führen. Im „Kaiserbrief“ von König Ludwig II. benannte dieser den höchsten Repräsentanten mit „deutscher Kaiser“. Doch der Preußenkönig Wilhelm I. wollte den Titel „Kaiser von Deutschland“ und damit weitreichende Machtbefugnisse.

Der Titel „deutscher Kaiser“ strahlt für ihn keine Macht aus. Abfällig äußert er sich dazu: „Was soll mir der Charaktermajor?“ Gemeint damit ist zu dieser Zeit ein unbesoldeter Ehrentitel, mit dem man meist beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienst geehrt wird. Dieser hat zwar alle äußerlichen Anzeichen einer Beförderung wie Uniform, Titel etc., jedoch keinerlei wirklichen Befugnisse. Also, ein Titel ohne jeden Wert. Dennoch hat der Norddeutsche Bund zuvor den Titel „deutscher Kaiser“ beschlossen. 

17. Januar 1871
Der angehende Kaiser flippt aus

Versailles • Dass der Norddeutsche Bund den Titel „deutscher Kaiser“ beschlossen hat, verärgerte den Preußenkönig Wilhelm I. derart, dass er noch bei den Schlussberatungen einen Tag vor der Proklamierung erklärt, „er wolle Kaiser von Deutschland oder gar nicht Kaiser sein“.

Weder Bismarck noch Wilhelms Sohn können ihn überzeugen. Im Gegenteil: „Im höchsten Zorn sprang der König schließlich auf, brach die Verhandlungen ab und erklärte, von der morgen angesetzten Feier nichts mehr hören zu wollen.“ 

18. Januar 1871
Der Tag der Kaiserproklamation

Versailles • Als Tag der Kaiserproklamation hat man den 18. Januar 1871 auserkoren. Es ist der Tag, als Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg im Jahr 1701 zum ersten preußischen König Friedrich I. gekrönt und damit zugleich das Königreich Preußen gegründet worden ist. Mit der Terminwahl will das Haus Hohenzollern an seinen Aufstieg innerhalb von 170 Jahren von Kurfürsten zu mächtigen Monarchen Europas erinnern. 

18. Januar 1871
Die Frage der richtigen Anrede geht weiter

Versailles • Da sich auch am frühen Tag der Proklamation noch nicht abzeichnete, wie die unwillige Hauptperson, König Wilhelm I. reagieren würde, nimmt Bismarck mit dem ranghöchsten anwesenden Fürsten, der den Kaiser proklamieren soll, Kontakt auf. Es ist dies Friedrich I., der Großherzog von Baden. Auf die Frage, wie er gedenke, Wilhelm auszurufen, schockiert dieser Bismarck mit den Worten: „Kaiser von Deutschland, auf Befehl Seiner Majestät.“

Bismarck bittet den Großherzog inständig, Wilhelm I. von der Unmöglichkeit dieser Titulatur zu überzeugen, da dies die süddeutschen Monarchen kaum akzeptieren würden. Außerdem lautet der verfassungsmäßige Titel seit dem 1. Januar bereits „Deutscher Kaiser“. 

18. Januar 1871
Otto von Bismarck fällt ein Stein vom Herzen

Versailles • Um 12 Uhr beginnt die Zeremonie der Kaiserproklamierung im prachtvollen Schloss des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV.. Nach einer kurzen Rede Wilhelms I., in der er die Kaiserwürde annimmt, verliest Reichskanzler Otto von Bismarck die Proklamation. Dann wird es spannend. Der Großherzog von Baden tritt nach vorne und ruft: „Seine Kaiserliche und Königliche Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch! Hoch! Hoch!“ Eine elegante Lösung. Otto von Bismarck fällt ein Stein vom Herzen. 

Gleichzeitig wird auch das Zweite Kaiserreich gebildet und ausgerufen. 

18. Januar 1871
Prinz Otto empfindet die Kaiserproklamation als bedrückend

Versailles * Als König Wilhelm von Preußen in der Spiegelgalerie von Schloss Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen wird, lässt sich der Bayernkönig Ludwig II. von Prinz Otto und seinem Onkel Luitpold vertreten. Otto empfindet die Kaiserproklamation als bedrückend. Seinem Bruder klagt er: „Der deutsche Kaiser, das deutsche Reich, Bismarck, die laute preußische Begeisterung, die vielen Stiefel, das alles macht mich sehr traurig“.  

Ein böses Gerücht macht die Runde, in dem Otto nachgesagt wird, er hätte während der Proklamation zu Versailles „infolge einer plötzlichen Diarrhöe ein degoutantes Malheur gehabt“. Das heißt, er hat - aus ohnmächtiger Enttäuschung und Widerwillen, vielleicht aber auch schon als Folge seiner geistigen Zerrüttung - in die Hose gemacht. In Bayern geht der Satz um: „Otto hat auf Preußens Kaiserkrone geschissen!“ 

21. Januar 1871
Auch die Abgeordnetenkammer stimmt dem Beitritt zum Kaiserreich zu

München-Kreuzviertel * Nach einer zehnstündigen Redeschlacht stimmen 102 Abgeordnete für den Beitritt Bayerns zum Deutschen Kaiserreich und nur noch 48 dagegen. Damit ist die Zweidrittelmehrheit - wenn auch knapp - erreicht.  

Das im Jahr 1871 gegründete Deutsche Reich ist nach der Präambel seiner Verfassung ein „ewiger Bund zum Schutz des deutschen Bundesgebietes und des innerhalb dieses gültigen Rechtes, sowie zur Pflege der Wohlfahrt des Deutschen Volkes“.  

Diesen Bund schließen die 22 Repräsentanten  

  • der vier Königreiche Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen;  
  • der sechs Großherzogtümer Baden, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Hessen-Darmstadt, Oldenburg und Sachsen-Weimar;  
  • der fünf Herzogtümer Braunschweig, Anhalt, Sachsen-Coburg-Gotha, Sachsen-Meiningen und Sachsen-Altenburg;  
  • der sieben Fürstentümer Schwarzburg-Sonderhausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Waldeck, Reuss ältere Linie, Reuss jüngere Linie, Lippe-Detmold und Schaumburg-Lippe, des mitregierten Reichslandes Elsass-Lothringen sowie  
  • der Regierenden Bürgermeister der drei Freien Städte Hamburg, Bremen und Lübeck.  

Dieser Bundesstaat wird durch zwei Institutionen - Bundesrat und Reichstag - repräsentiert. Verfassungsrechtlich ist der Bundesrat das höchste Reichsorgan, in dem Preußen aufgrund seiner Größe und seiner hegemonialen Stellung dominiert.  

In diesem Gremium sind die einzelnen Länder entsprechend ihrer Größe mit unterschiedlichen Stimmenzahlen ausgestattet vertreten:  

  • Preußen 17,  
  • Bayern 6,  
  • Sachsen und Württemberg je 4,  
  • Baden und Hessen je 3,  
  • die kleineren je 2 oder 1 -  
  • insgesamt 58 Stimmen. 
19. März 1871
Ex-Kaiser Napoleon III. verlässt die Wilhelmshöhe

Kassel • Der französische Ex-Kaiser Napoleon III. verlässt die Wilhelmshöhe in Kassel, von wo aus er mehrfach versucht hat, sein gescheitertes Regime wiederherzustellen. Doch das französische Volk hatte von ihrem bisherigen Staatsoberhaupt einfach genug. Er geht ins Exil nach Großbritannien. 

16. April 1871
Die Reichsverfassung wird rechtskräftig

Deutsches Reich - Königreich Bayern * Die Reichsverfassung wird rechtskräftig.

Das Zweite Deutsche Kaiserreich ist ein Bundesstaat, dem - unter preußischer Hegemonie - 25 Einzelstaaten angehören. Der preußische Ministerpräsident ist gleichzeitig Reichskanzler.

Das Deutsche Reich ist nach der Präambel seiner Verfassung ein „ewiger Bund zum Schutze des deutschen Bundesgebietes und des innerhalb desselben gültigen Rechtes, sowie zur Pflege der Wohlfahrt des Deutschen Volkes“.

Diesen Bund schließen die 22 Repräsentanten:

  • der vier Königreiche Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen;  
  • der sechs Großherzogtümer Baden, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Hessen-Darmstadt, Oldenburg und Sachsen-Weimar;  
  • der fünf Herzogtümer Braunschweig, Anhalt, Sachsen-Coburg-Gotha, Sachsen-Meiningen und Sachsen-Altenburg;  
  • der sieben Fürstentümer Schwarzburg-Sonderhausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Waldeck, Reuss ältere Linie, Reuss jüngere Linie, Lippe-Detmold und Schaumburg-Lippe,
  • des mitregierten Reichslandes Elsass-Lothringen sowie
  • der Regierenden Bürgermeister der drei Freien Städte Hamburg, Bremen und Lübeck.

Dieser Bundesstaat wird durch zwei Institutionen - Bundesrat und Reichstag - repräsentiert. Verfassungsrechtlich ist der Bundesrat das höchste Reichsorgan, in dem Preußen aufgrund seiner Größe und seiner hegemonialen Stellung dominiert.

In diesem Gremium sind die einzelnen Länder entsprechend ihrer Größe mit unterschiedlichen Stimmenzahlen ausgestattet vertreten: Preußen 17, Bayern 6, Sachsen und Württemberg je 4, Baden und Hessen je 3, die kleineren je 2 oder 1 - insgesamt 58 Stimmen.  

Bis im Rahmen der Reichsgründung auch in Bayern das metrische Maß eingeführt wird, fasst die Bayerische Mass 1.069 Kubikzentimeter. Durch die Preußische Maß- und Gewichtsordnung wird das Bayerische Maaß abgeschafft. Als gesamtdeutsche Maßeinheit gilt nun der Liter. Und dieser ist auf 1.000 Kubikzentimeter festgelegt worden.

Nach dem 10. Mai 1871
Die Gründerzeit bringt eine große wirtschaftliche Euphorie

Deutsches Reich * Nach der Gründung des Deutsches Kaiserreich herrscht in Deutschland eine große wirtschaftliche Euphorie. Diese Phase wird als „Gründerzeit“ bezeichnet. Der sogenannte „Gründerboom“ dauert von 1871 bis 1873. 

  • Deutschland hat nach dem Sieg im Deutsch-Französischer Krieg von Frankreich 5 Milliarden Francs Reparationszahlungen erhalten.
  • Viele Menschen investieren in Aktien.
  • Hunderte neue Banken, Eisenbahngesellschaften und Industrieunternehmen werden gegründet.
  • Die Aktienkurse steigen oft weit stärker als die tatsächlichen Unternehmensgewinne.
12. Juni 1872
Die Gewerbeordnung gilt über ein Reichsgesetz auch für Bayern

München * Die Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund wird mit einem Reichsgesetz auch auf Bayern übertragen.

Diese allgemeine Gewerbefreiheit ermöglicht es Unterhaltungskünstlern, ihre Darbietungen im ganzen Kaiserreich anzubieten, Singspielgesellschaften zu gründen und Bühnen oder Schauspielbetriebe zu eröffnen. Damit blühen viele Theaterbetriebe, besonders aber deren Mischformen wie Varieté, Revue, Tingeltangel und Singspielhalle auf.

Da das Reichsgesetz die Restaurationsbetriebe mit Unterhaltungsdarbietungen zwar wie Theater unter die Gewerbeordnung stellt, schränkt sie deren Tätigkeit jedoch umgehend wieder ein, denn die Betreiber sind weiterhin in erster Linie Gastronomen und keine Theaterdirektoren.

2. September 1873
Der „Sedantag“ wird als patriotischer Feiertag begangen

Deutsches Reich * Im Deutschen Kaiserreich wird am 2. September der „Sedantag“ als patriotischer Feiertag an Stelle eines noch nicht existierenden Nationalfeiertages gefeiert. Es ist vor allem ein Feiertag des kaisertreuen Bürgertums, des Adels sowie des Militärs, der preußischen Beamtenschaft und der ländlichen Bevölkerung gewesen, nicht oder nur kaum einer der Arbeiterschaft.

13. August 1876
Richard Wagner eröffnet sein Festspielhaus in Bayreuth

Bayreuth * Richard Wagner eröffnet - im Beisein des deutschen sowie des brasilianischen Kaisers und des württembergischen Königs - sein Festspielhaus in Bayreuth. Bayerns König Ludwig II. befindet sich nicht unter den Gästen, obwohl er zuvor dem Komponisten beim Bau des Theaters großzügigst unter die Arme gegriffen hatte.

1879
Friedrich Fabri stellt die Frage nach deutschen Kolonien

Deutsches Reich * Friedrich Fabri, ein aus Franken stammender Missionsleiter, Expansionspublizist, Kolonial- und Sozialpolitiker, veröffentlicht eine aufsehenerregende Broschüre, in der er die Frage stellte: „Bedarf Deutschland der Kolonien?“ 

Fabri gilt gemeinhin als Vater der deutschen Kolonialbewegung. Er sieht in der Überbevölkerung, der Überproduktion und dem Kapitalüberschuss die eigentlichen Ursachen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisenerscheinungen des Kaiserreichs.

Friedrich Fabris Krisentherapie besteht aus einer Exportoffensive an Waren, Kapital und Menschen. Durch eine „gelenkte Auswanderung“ und gegebenenfalls auch der Deportation der Kräfte aus der sich emanzipierenden sozialistischen Arbeiterschaft, die an ihren systemverändernden Absichten festhielten, könnte auch die Soziale Frage nach Übersee exportiert werden.

Friedrich Fabri stilisierte damit die Frage nach deutschen Kolonien zu einer deutschen Überlebensfrage hoch. 

28. März 1884
Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft wird gegründet

Berlin * Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft wird gegründet, um eine deutsche Ackerbau- und Handelskolonien in Übersee zu errichten. Die deutsche Reichsregierung steht dem Projekt von Anfang an ablehnend gegenüber. Reichskanzler Otto von Bismarck spricht über das, was Peters der Regierung vorlegt abschätzig: „ein Stück Papier mit Neger-Kreuzen drunter“.

Nachdem aber Carl Peters damit drohte, das Land an König Leopold von Belgien zu geben, lenkt Bismarck ein und lässt einen kaiserlichen Schutzbrief für die Erwerbungen der Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft ausstellen. Damit ist der Grundstein für die spätere Kolonie Deutsch-Ostafrika gelegt. 

8. Juni 1886
Professor Bernhard von Gudden attestiert eine unheilbare Paranoia

München * Professor Dr. Bernhard von Gudden und drei weitere Ärzte attestieren König Ludwig II. - rund zehn Wochen nach Auftragserteilung - eine sehr weit fortgeschrittene und unheilbare Paranoia. Sie stützen sich dabei im Wesentlichen auf Aussagen der Hofbediensteten und ohne mit dem Patienten auch nur ein einziges Wort gesprochen zu haben. 

Mit dem psychiatrischen Gutachten sind aber die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für die Beendigung der Regentschaft von König Ludwig II. gegeben.

Ludwigs Onkel, Prinz Luitpold, erklärt sich nach längerem Zögern und Zaudern zur definitiven Übernahme der Regentschaft - nach der Entmündigung des Königs - bereit und verständigt noch am selben Tag die größeren deutschen Souveräne und Kaiser Franz Joseph von Österreich.

26. Juni 1887
Ein Festzug zur Einweihung eines Kriegerdenkmals in Tölz

Tölz * Die Marktgemeinde Tölz hat „zur Erinnerung an die Gefallenen des Krieges gegen Frankreich 1870/71“ ein Kriegerdenkmal errichtet. Dazu wird die Figur des Kaiserlichen Feldhauptmanns und Herzoglichen Pflegers zu Tölz“ Kaspar Winzer, verwendet werden. 

Als besonderen Glanzpunkt der Enthüllungsfeier und des dazugehörigen Festzugs wird der „Einzug des Feldobersten Kaspar von Winzer zu Roß an der Spitze seiner Landsknechte, Hackenschützen und Hellbeardierer in Tölz nach der Siegeschlacht von Pavia 1525“ nachgestellt. Der Münchner Restaurator Karl Joseph Zwerschina gewinnt dazu Freunde und Kollegen, die in den Kostümen nicht nur eine „gute Figur“ machen, sondern sich auch in ihre Rollen hinein leben. Sie nennen sich „Winzerer Fähndl“.

9. März 1888
Staatstrauer überschattet die Starkbiersaison 

Berlin - München-Au * Die Starkbiersaison steht von Beginn an unter einem schlechten Stern. Am 9. März stirbt Kaiser Wilhelm I. im Alter von 90 Jahren in Berlin. Sein Tod löst im gesamten Deutschen Reich eine mehrwöchige Staatstrauer aus. 

Auch in München prägen Trauerbeflaggung und Einschränkungen öffentlicher Vergnügungen das gesellschaftliche Leben. Die ausgelassene Stimmung des Salvatorausschanks steht damit in einem deutlichen Gegensatz zur offiziell angeordneten Trauer. Nur wenige Wochen später kommt es dennoch zur gewaltsamen „Salvatorschlacht“. 

11. März 1888
Salvatorausschank ohne Musik und Gesang

München-Au * Zwei Tage nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. beginnt auf dem Salvatorkeller der diesjährige Starkbierausschank. Wegen der reichsweiten Staatstrauer untersagt die Polizeidirektion jede musikalische Begleitung und jeden Gesang. 

Das Verbot soll die gebotene Trauer wahren und zugleich verhindern, dass sich die Stimmung unter den zahlreichen Gästen durch Musik, gemeinsames Singen und rhythmisches Krügepoltern aufheizt. Der Ausschank selbst darf jedoch stattfinden.

16. März 1888
Salvatorkeller bleibt zur Kaiserbeisetzung geschlossen

Berlin - München-Au * Kaiser Wilhelm I. wird am Freitag, dem 16. März, im Mausoleum des Schlossparks Charlottenburg beigesetzt. Aus Anlass der Trauerfeier bleibt der Münchner Salvatorkeller an diesem Tag vollständig geschlossen. 

Damit folgt die Brauerei den staatlichen Trauervorschriften. Öffentliche Vergnügungen und der sonst stark besuchte Ausschank des Salvatorbiers müssen während der Beisetzungsfeier ruhen. 

24. März 1888
Der Starkbierausschank wird um einen Tag verlängert

München-Au * Nach einer Übereinkunft aus dem Jahr 1833 endet der Ausschank des Märzenbocks [= Salvator] auf dem Nockherberg am Samstag vor dem Palmsonntag, da dann die Karwoche beginnt. Die Schmederer-Brauerei möchte jedoch den Umsatzausfall ausgleichen, der durch die Schließung während der Beisetzung Kaiser Wilhelms I. am 16. März entstanden ist. Sie beantragt deshalb, den Starkbierausschank um einen Tag zu verlängern. Die Behörden genehmigen die Verlängerung.

25. März 1888
Die Salvatorschlacht

München-Au * Das Musikverbot wegen der Staatstrauer um den verstorbenen Kaiser Wilhelm I. dämpft zwar zunächst die Stimmung auf dem Nockherberg, verhindert aber keine Ausschreitungen. Der genaue Auslöser der „Salvatorschlacht“ lässt sich später nicht mehr feststellen. Vermutlich entstehen an verschiedenen Stellen gleichzeitig zwei zunächst unbedeutende Streitigkeiten, die sich in der dicht gedrängten Menge überlagern und rasch ausweiten. 

Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich daraus eine gewaltige Massenschlägerei. Mehrere Hundert Besucher geraten aneinander. Der als Verlängerung des Starkbierfestes genehmigte zusätzliche Ausschanktag geht als „Salvatorschlacht“ in die Münchner Stadtgeschichte ein.

8. September 1891
Kaiser Wilhelm II. besucht die Stadt München

München-Graggenau * Kaiser Wilhelm II. besucht - verkleidet in der Uniform seines bayerischen Ulanenregiments - die Stadt München. Im Neuen Rathaus trägt er sich mit den Worten „Suprema lex regis voluntas“ [= Das höchste Gesetz ist der Wille des Königs] ins Goldene Buch der Stadt ein. Der mit einer Adlerfeder geschriebene - völlig unzeitgemäße - Satz erregt bei vielen Bayern Ärger. 

Mai 1894
Kaiser Wilhelm II. tritt Adolf Friedrich von Schacks Erbe an

München-Maxvorstadt * Kaiser Wilhelm II. tritt Adolf Friedrich von Schacks Erbe an. Der Nachlass soll aber in München bleiben. Das ist keineswegs so großzügig wie es den Anschein hat, sondern beruht auf politischem Kalkül. Der Kaiser will mit der Verlegung der Schack-Galerie nach Berlin das seit der Reichsgründung angespannte Verhältnis zwischen Preußen und Bayern nicht noch mehr belasten.

Selbstverständlich ist jedoch, dass vor der Galerie in der Brienner Straße - und später an der Prinzregentenstraße - das kaiserliche Hoheitszeichen - der Reichsadler“- auf hohen Standarten aufgerichtet wird.

1896
Der „Kaisergarten“ an der Lilienstraße wird abgerissen

München-Au * Die seit dem 17. Jahrhundert bestehende Gastwirtschaft „Zum Kaisergarten“ wird abgerissen. 

Das Grundstück der Wirtschaft gehörte lange Zeit nicht zur Vorstadt Au, sondern lag auf dem Gebiet des Münchner Burgfriedens. Selbst als die Au am 1. Oktober 1854 nach München eingemeindet wurde, war dieses Grundstück noch immer ein Teil der Isarvorstadt. Es dauerte noch bis zum Jahr 1875, bis der „Kaiserwirt“ der Vorstadt Au zugeschlagen wurde. 

Der Garten des „Kaisergartens“, auf dem sich auch die Vorstadt-Theater der Familie Schweiger befanden, war aber auf Auer Gemeindegebiet.

14. November 1897
Kaiser Wilhelm II. lässt die Kiautschou-Bucht besetzen

Kiautschou-Bucht - China * Nachdem am am 1. November 1897 zwei deutsche Missionare ermordet worden sind, lässt Kaiser Wilhelm II. die Kiautschou-Bucht besetzen. Die Aktion ist jedoch keinesfalls eine spontane Reaktion auf die Ermordung der Deutschen, sondern nur der offizielle Vorwand eines über Jahre sorgfältig vorbereiteten Unternehmens. 

11. Juni 1898
Der Prinzregent eröffnet die II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung

München-Isarvorstadt * Am Samstag, dem 11. Juni 1898, eröffnet Prinzregent Luitpold die II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung 1898 auf der Kohleninsel, die auch „zu etwas anderem gut sei als zu schmutzigen Schuppen, nächtlichem Aufenthalt lichtscheuen Gesindels und ab und zu einer verschwiegenen Mord- oder Gewalttat“. München ist damit Gastgeber eines der bedeutendsten technischen Ereignisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts. 

  • Die Ausstellung ist als Leistungsschau konzipiert, die einem breiten Publikum die technischen Neuerungen, industriellen Errungenschaften und den Fortschritt der Maschinenbauindustrie zugänglich machen soll. 
  • Sie ist sowohl für Fachbesucher, als auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich und stellt eine bedeutende Leistungspräsentation für moderne Technik und Industrie dieser Zeit dar. 
  • Dadurch wird sie zu einem Meilenstein für die Technik und zu einem Symbol des technischen Fortschritts im Deutschen Kaiserreich. 
  • Als ein Spiegelbild der Industrialisierung und des Innovationsgeists der damaligen Zeit zieht die Ausstellung Ingenieure, Unternehmer, Wissenschaftler und Technikinteressierte aus ganz Europa an. 
  • Sie präsentiert die gesamte Bandbreite der modernen Maschinen und Arbeitsgeräte - von Dampfmaschinen und Elektromotoren über Werkzeugmaschinen bis hin zu landwirtschaftlichen und industriellen Maschinen. 

Viele der vorgestellten Maschinen finden rasch Eingang in den industriellen Alltag und tragen zur Steigerung der Produktivität und maßgeblich zur Entwicklung des Maschinenbaus im Deutschen Kaiserreich bei. Sie bietet zudem den heimischen Unternehmen die Gelegenheit, ihre Produkte international zu vermarkten und so die Exportwirtschaft zu stärken. 

Der Ausstellungsbau ist ein gewaltiges Gebäude im neoklassizistischen Stil mit einer imponierenden, säulengeschmückten Eingangshalle, einem 45 Meter hohen Rundturm, dessen Aussichtsgalerie über einen elektrischen Fahrstuhl erreicht werden kann, und weiteren Nebengebäuden. Zusammen mit der integrierten Isarkaserne stehen rund 4.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung.

Architektonisch folgt man zwar den großen Vorbildern der Weltausstellungen, doch der schöne Schein ist trügerisch, denn die Bauten bestehen aus zusammengenagelten und weiß getünchten Brettern, die Säulen und der üppige Figurenschmuck sind lediglich Gips und Stuck - und damit nur für eine begrenzte Dauer konzipiert. 

Im südlichen Teil der Insel erreicht man über einen Park das Hauptrestaurant. Dem gegenüber befindet sich das Automatenrestaurant, in dem man sich - eine absolute Neuheit für die Münchner - gegen Geldeinwurf verpflegen kann. Im Park gibt es außerdem eine große Gartenschau und täglich stattfindende Standkonzerte.

Eine weitere Attraktion der II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung ist die Wasserrutschbahn am östlichen Ufer der Kohleninsel. Für 20 Pfennige kann man von der Plattform eines Turmes - in 13 ½ Metern über dem Wasserspiegel und auf einer schiefen Ebene von 67 Metern Länge - in zwei, auf Schienen laufenden flachen, durch ihre eigene Schwerkraft angetriebenen Boote in die Isar hineinrutschen. Das Abenteuer ist völlig harmlos und ohne Gefahr, und ruft sowohl bei den Teilnehmern als auch bei den Zuschauern das „unbändigste“ Vergnügen hervor. 

10. September 1898
Die österreichische Kaiserin Elisabeth wird in Genf ermordet

Genf * Die österreichische Kaiserin und Apostolische Königin von Ungarn, Elisabeth [Sisi], wird in Genf ermordet. Gegen 13:30 Uhr stößt ihr der 25-jährige italienische Anarchist Luigi Lucheni eine scharf geschliffene Feile ins Herz.

Kaiserin Elisabeth war zur falschen Zeit am falschen Ort, denn Ihr Mörder hat es ursprünglich nicht auf sie abgesehen, sondern auf den französischen Thronanwärter, den Prinzen Henri Philippe d’Orléans. Da das auserkorene Opfer aber kurzfristig seine Reisepläne änderte, ermordet Lucheni kurzerhand die 60-jährige Elisabeth, die im Hotel Beau Rivage abgestiegen war. Sisi bemerkt den Einstich nicht, kann ihre Vorhaben zunächst weiter verfolgen, bricht dann aber zusammen und stirbt um 14:40 Uhr. 

27. Mai 1899
Positive Kritiken für den Kaisergarten

München-Au * Im „Münchener Lokal-Anzeiger“, der ehemaligen Zeitschrift „Münchener Ratsch-Kathl“ ist zu lesen: „Der neue ‚Kaisergarten‘ am Eingange der Au, nächst der äußeren Ludwigsbrücke, hat in seinem jetzigen Besitzer, Herrn Betz, den richtigen Mann gefunden hinsichtlich des Betriebs dieser altbekannten Volksquelle. 

Der große Parterre-Saal ist wie geschaffen zur Abhaltung volkstümlicher Unterhaltungen, die denn auch alle Sonn- und Feiertage, sowie Samstage, durch Sing- und Komikergesellschaften veranstaltet werden und sich eines recht regen Besuches erfreuen.“

16. Juli 1899
Das Friedensmonument wird eingeweiht

München-Haidhausen * Für die Einweihungsfeierlichkeiten für das Friedensmonument wird der Tag gewählt, „an dem vor 28 Jahren die bayerischen Truppen ihren Siegeseinzug in München gehalten“. Gleichzeitig ist der 16. Juli auch der Jahrestag der Mobilmachung der deutschen Truppen anno 1870. 

Auf der unteren Terrasse ist ein Festzelt aufgestellt worden. Durch Böllerschüsse werden die anwesenden Gäste darüber informiert, dass der Prinzregent die Residenz verlassen hat. 

An der Brücke empfangen ihn die Vertreter der Stadtgemeinde, von wo aus sich Prinzregent Luitpold durch ein Fahnenspalier der Veteranen, der studentischen Corporationen, der Turner und Sänger zum Festzelt begibt. Von dort hatte er den Blick auf das noch verhüllte Denkmal und die Terrassenwand, mit seiner eigenen Monumentalbüste in der Mitte. In den beiden Seitennischen sind Porträtbüsten der deutschen Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II. untergebracht. 

15. April 1900
Kaiserwitwe Cixi und die „Boxer“ als Verbündete gegen die Ausländer

Shandong - China * Die „Boxer“ werden offiziell verboten. Da sich jedoch reguläre kaiserliche Truppen mit ihnen verbünden, lässt sich das Verbot nicht durchsetzen. Nun ändert die Kaiserinwitwe Cixi und ein Teil der hohen Beamtenschaft erneut ihre Meinung und beginnen, in den „Boxern“ Verbündete gegen die Ausländer zu sehen. 

27. Juli 1900
Kaiser Wilhelm II. hält seine berühmt-berüchtigte Hunnenrede

Bremerhaven * Kaiser Wilhelm II. hält in Bremerhaven seine berühmt-berüchtigte „Hunnenrede“. Anlässlich der Verabschiedung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxeraufstandes im Kaiserreich China spricht der Kaiser die Worte: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“

„Wie vor tausend Jahren die Hunnen [...] sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“ 

Seit dem Jahr 1903
Michael Faulhaber stuft Frauen als „Menschen zweiter Wahl“ ein

Straßburg - Speyer * Bis zu seiner Ernennung zum Bischof von Speyer im Jahr 1911 ist Michael Faulhaber Inhaber eines Lehrstuhls eines Professors für alttestamentarische Exegese und biblische Theologie an der Kaiser-Wilhelm-Universität in Straßburg. 

Bereits während dieser Zeit nimmt er ultrakonservative Positionen ein. Unter anderem stuft er Frauen als „Menschen zweiter Wahl“ ein, wenn er sagt: „Die hausrechtliche Stellung der Frau ist dem Gotteswort umzirkelt, das Weib soll die Gehilfin des Mannes sein. [...] Diese untergeordnete Stellung ist der ursprüngliche Wille des Schöpfers.“  

Demzufolge ist auch die Entscheidung der Reichsregierung, wonach eine verheiratete Frau auch Lehrerin werden darf, gegen den Willen Gottes. Er bezeichnet die Regelung als eine „Missgeburt mit einem doppeltem Gesichte, weil man nicht im Nebenamt Mutter sein und weil eine Person nicht zwei Berufe erfüllen kann“.

Natürlich hat die Kirche nichts gegen die Frauenbildung, doch auf den Hochschulen sollen die Damen die Ausnahme und in der Kirche haben sie stumm zu sein. Gerne zitiert er das Paulus-Wort: „Wenn sie [die Frauen] lernen wollen, sollen sie zu Hause ihre Männer fragen. Es ist eine Schande, wenn in den gottesdienstlichen Versammlungen eine Frau das Wort nimmt.“

31. März 1905
Kaiser Wilhelm II. besucht die marokkanische Hafenstadt Tanger

Tanger * Während seiner traditionellen Mittelmeerreise besucht Kaiser Wilhelm II. die marokkanische Hafenstadt Tanger. In seiner Rede betont der deutsche Kaiser die „Unabhängigkeit des Scherifenreichs“ Marokko und bietet hierfür den „Schutz Deutschlands“ an. Er beabsichtigt mit seiner Ansprache, Frankreich und Großbritannien über die „Marokkofrage“ zu spalten und fordert eine internationale Konferenz zur Regelung der „Souveränität Marokkos“.  

Es kommt zur sogenannten „Marokko-Krise“, die, weil das deutsche Verhalten für Frankreich eine scharfe Provokation darstellt, sofort zu einem Krieg führen könnte. Angesichts dieser drohenden Gefahr gehen die Großmächte auf die Forderung Deutschlands ein und rufen eine internationale Konferenz über die weitere Zukunft Marokkos zusammen. 

12. November 1906
Kaiser Wilhelm II. eröffnet die Ausstellung des Deutschen Museums

München-Lehel * Kaiser Wilhelm II. eröffnet die provisorische Ausstellung des Deutschen Museums im Alten Nationalmuseum an der Maximilianstraße, dem heutigen Museum Fünf Kontinente. Bis 1925 erhalten Besucherinnen und Besucher hier einen Vorgeschmack auf das künftige Museum, bevor die Sammlungen auf die Museumsinsel umziehen.

13. Dezember 1906
Mehrheit gegen die Fortsetzung des südwestafrikanischen Kolonialkrieges

Berlin * Bei der Abstimmung im Reichstag kommt eine knappe Mehrheit von 177 zu 168 gegen den Nachtragshaushalt zur Fortsetzung des südwestafrikanischen Kolonialkrieges zustande. Daraufhin lässt Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow - in Einvernehmen mit Kaiser Wilhelm II. - noch am gleichen Tag den Reichstag auflösen. 

18. September 1909
Kaiser Wilhelm II. eröffnet die Schack-Galerie

München-Lehel * Der Deutsche Kaiser und König von Preußen, Wilhelm II., eröffnet die Schack-Galerie an der Prinzregentenstraße 9. Die Münchner Neuesten Nachrichten schreiben: „Als Kunstfreund und Mäcen ist der Kaiser bei uns erschienen, nachdem er erst als oberster Kriegsherr, umgeben vom Glanz seines militärischen Gefolges, die friedlichen Schlachtfelder im Frankenland verlassen“.

Im Giebelfeld des neuen Kultur-Tempels, das von massigen Säulen getragen wird, befindet sich der preußische Adler und die Inschrift: „Kaiser Wilhelm II. der Stadt Muenchen zur Mehrung ihres Ruhmes und grossen Kuenstlern zum Gedaechtnis“. In diesem Sinne ist auch die kaiserliche Eröffnungsrede gehalten, in der er die wohlgesetzten Worte spricht: „Ich weiß mich eins mit der vaterländischen Gesinnung des Münchner Bürgertums, auf welches ganz Deutschland, von der Meeresküste bis zu den bayerischen Bergen, ein Recht hat, stolz zu sein.“ 

24. November 1910
Carl Gabriel eröffnet das „Gabriels Tonbildtheater“ in der Lilienstraße

München-Au * Carl Gabriel eröffnet im ehemaligen Varieté-Theater im Kaiserhof an der Lilienstraße 2 das „Gabriels Tonbildtheater“ mit 220 Sitzplätzen. Aus diesem Kino gehen die heutigen Museum-Lichtspiele hervor.

Das Filmtheater bietet ein abwechslungsreiches Programm, das ganz auf die Unterhaltung eines breiten Publikums ausgerichtet ist. Gezeigt werden kurze Spielfilme, Dokumentationen, Wochenschauen, Komödien und Melodramen.

Die Vorführungen werden in der Regel live musikalisch begleitet und häufig von einem sogenannten „Explikateur“ kommentiert – einem Filmerklärer, der das Geschehen auf der Leinwand erläutert und einordnet.

 

29. September 1913
Rosa Luxemburg ruft zum Widerstand gegen den Militärdienst auf

Frankfurt am Main-Bockenheim * Rosa Luxemburg ruft in Anbetracht der Kolonialpolitik und des Militarismus des Deutschen Kaiserreichs zum Widerstand gegen den Militärdienst auf. Sie wird vors Gericht gezerrt und am 14. April 1914 wegen Aufforderung zur Ungehorsamkeit gegen Gesetze und Anordnungen der Obrigkeit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. 

14. April 1914
Rosa Luxemburg wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt

Frankfurt am Main * Rosa Luxemburg steht wegen Aufforderung zur Ungehorsamkeit gegen Gesetze und Anordnungen der Obrigkeit in Frankfurt vor dem Landgericht. Sie wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Knast bleibt der gehbehinderten Frau, die Berufung gegen das Urteil einlegt, vorerst erspart. 

5. Juli 1914
Kaiser Wilhelm II. sichert Österreich-Ungarn Unterstützung zu

Berlin * Exakt eine Woche nach dem Attentat von Sarajevo sichert Kaiser Wilhelm II. seinem Verbündeten Österreich-Ungarn die volle Unterstützung zu, auch wenn die Russen ihrem Bündnispartner Serbien zu Hilfe kommen würden. Diese Zusage geht als „Blankoscheck“ in die Geschichte ein, denn für die Habsburger ist damit die Kriegsentscheidung gefallen. 

26. Juli 1914
Betrunkene und fanatisierte Patrioten demolieren das Café Fahrig

München-Kreuzviertel * Am 25. Juli, nur wenige Stunden nachdem Serbien das Ultimatum für Österreich-Ungarns nicht ausreichend devot umgesetzt hat, berauschen sich im Café Fahrig, in der Neuhauser Straße, die Gäste an der Aussicht, dass jetzt Krieg droht. Die Menschen - im Café Fahrig und sonst wo - lassen Bayerns König Ludwig III. und Deutschlands Kaiser Wilhelm II. hochleben. Die Kapelle spielt die „Wacht am Rhein“, „Heil Dir im Siegerkranz“ und viele andere patriotische Lieder. Es wird viel gelacht, gefeiert, gesungen und natürlich getrunken.  

Weil der Sohn des Gaststättenhabers Franz Fahrig einen Streit unter Gästen schlichten will, lässt er die Musik kurz unterbrechen. Doch plötzlich fliegen Stühle durchs Lokal. Die Polizei wird angefordert und räumt das Café gegen zwei Uhr früh. Die sozialdemokratische Münchener Post schreibt über die Vorgänge: „Durch ungeschicktes Benehmen des Kapellmeisters wurde die betrunkene und fanatisierte Menge wild und demolierte das ganze Lokal“.  

Doch das ist noch nicht das Ende der Affäre. Wilde Gerüchte sind im Umlauf. Einer erzählt, eine serbische Kapelle hätte den Kaiser und das Reich geschmäht. Der andere hat Spione im Café Fahrig gesehen. Da ist es zu dem Schritt, der Café-Inhaber Franz Fahrig steht mit dem Feind im Bunde nicht mehr weit. Die Volksseele kocht. Um kurz vor drei Uhr fliegt der erste Pflasterstein in eine der Fensterscheiben des Lokals. Am Morgen ist das Café Fahrig innen und außen verwüstet. 

27. Juli 1914
Das Deutsche Reich lehnt britischen Konferenz-Vorschlag kategorisch ab

Berlin * Das Deutsche Reich lehnt den britischen Vorschlag einer Außenministerkonferenz zur Beilegung des Konflikts kategorisch ab und besteht auch weiterhin auf einer Lokalisierung des Konflikts.

Der aus dem Urlaub zurückgekehrte Kaiser Wilhelm II. sieht in der serbischen Antwort eine „Kapitulation demütigster Art“, mit der jeder Grund zum Krieg entfallen sei. Sein Auftrag an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, in Wien entsprechend zu intervenieren, wird von diesem jedoch ignoriert und erst verspätet weitergegeben.

28. Juli 1914
Der Eine ist zu alt, der Andere zu jung

Wien * Der bei Kriegsbeginn kurz vor seinem 84. Geburtstag stehende österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. ist zu schnellen und grundsätzlichen Entscheidungen kaum noch in der Lage, auch wenn er versucht, täglich seine Akten pflichtbewusst und akribisch zu bearbeiten.

Sein Thronfolger, Erzherzog Karl, ist gerade 27 Jahre alt und politisch wie militärisch noch ohne Erfahrung. Weil aber die Oberbefehlsgewalt von einem adeligen Mitglied des Erzhauses übernommen werden muss, fällt die Wahl auf der 58-jährigen Erzherzog Friedrich. Er besitzt allerdings nur wenige Eigenschaften, die ihn zum Oberbefehlshaber der österreichisch-ungarischen Armee befähigen. Erzherzog Friedrich wird als eher ängstlich beschrieben, der nur wenig persönliche Initiative entwickelt und sich hauptsächlich mit seiner Frau beratschlagt, welche Uniform er tragen soll. 

31. Juli 1914
Kaiser Wilhelm II. verhängt den Zustand drohender Kriegsgefahr

Berlin * Kaiser Wilhelm II. bereitet sein Volk auf den kommenden gerechten Verteidigungskrieg gegen angreifende Feinde vor. „Infolge der andauernden und bedrohlichen Rüstungen Russlands“ verhängt er gemäß des Artikels 68 der deutschen Reichsverfassung den „Zustand drohender Kriegsgefahr“.

Nachfolgend die Kernsätze seiner Rede, die mit der Überschrift „An mein Volk!“ in schriftlicher Form verbreitet wird: „Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand. Ich hoffe, dass, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Einsehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, dass wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können.

Enorme Opfer an Gut und Blut würde ein Krieg vom deutschen Volk erfordern. Den Gegnern aber würden wir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreifen. Und nun empfehle ich Euch Gott!  Jetzt geht in die Kirche, kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer! 

Kaiser Wilhelm II.“

31. Juli 1914
Kaiser Wilhelm II. verhängt den Kriegszustand - außer in Bayern

Berlin - München * Mit der kaiserlichen Verhängung des Kriegszustands verändern sich auch die Rahmenbedingungen für Bayerns Eigenständigkeit grundlegend. Die bisher auf den bayerischen König vereidigte Armee wird damit nämlich dem Deutschen Kaiser unterstellt. Doch ist dazu zuvor eine offizielle Feststellung des Kriegszustandes von Seiten des bayerischen Königs notwendig. 

31. Juli 1914
Die Königstochter Wiltrud ist stolz auf Bayern und ihren Vater

München-Maxvorstadt * Voller Stolz beschreibt die Königstochter Wiltrud die Situation: „Wie herrlich sticht hervor, dass Bayern doch die größte Selbstständigkeit besitzt gegenüber anderen Staaten, denn im Reiche außer Bayern verhängte den Kriegszustand Kaiser Wilhelm II., hier aber Papa.“ 

31. Juli 1914
Ausfuhrverbot von Futtermitteln, Tieren und anderer Waren

Berlin * Gleichzeitig mit der Kriegserklärung erlässt der deutsche Kaiser das „Verbot der Ausfuhr von Nahrungsmitteln aller Art ins gegnerische Ausland“. Damit dürfen nur noch neutrale und die verbündeten Länder Österreich, Ungarn und Türkei sowie die deutschen Truppen im Ausland mit Bier beliefert werden.  

Das Versandbuch der Paulanerbrauerei macht diese Krise des Exportes deutlich sichtbar. Erst nach beiden Weltkriegen können die Münchner Brauereien in den 1970er Jahren wieder Exportzahlen wie um 1900 erzielen. 

1. August 1914
Ein radikal eingeschränkter Kriegsfahrplan

Berlin * Nachdem Kaiser Wilhelm II. am 1. August 1914 um 17 Uhr für den nächsten Tag die Mobilmachung ausgerufen hat, bedeutet das den Beginn des Ersten Weltkriegs.

Die Folge sind Masseneinberufungen, die natürlich auch das männliche Personal der Städtischen Straßenbahnen betreffen. Dadurch ist ein planmäßiger Fahrbetrieb nicht mehr aufrecht zu erhalten. Ein radikal eingeschränkter Kriegsfahrplan ist das Ergebnis und zugleich der erste spürbare Einschnitt für die Zivilbevölkerung.

1. August 1914
Kaiser Wilhelm II. erklärt Russland den Krieg

Berlin * Am Nachmittag versammelt sich vor dem Berliner Schloss eine große Menschenmenge. Spannung liegt in der Luft. Man wartet nicht mehr auf die Erhaltung des Friedens, sondern auf die Erklärung des Krieges.

Gegen 17:30 Uhr ordnet Kaiser Wilhelm II. für das Deutsche Reich - mit Ausnahme von Bayern - die Mobilmachung an und erklärt gleichzeitig Russland den Krieg. Damit geht der Oberbefehl über die bayerischen Truppen auf das Kaiserreich über.

Wilhelm II. erklärt: „Ich bin gezwungen, zur Abwehr eines durch nichts gerechtfertigten Angriffs das Schwert zu ziehen und mit aller Deutschland zu Gebote stehenden Macht den Kampf um den Bestand des Reiches und unserer nationalen Ehre zu führen“.

Die Menge singt anschließend Nun danket alle Gott und Extrablätter verbreiten die Generalmobilmachung. 

1. August 1914
Nun erfolgt auch die Mobilmachung der bayerischen Armee

München - Berlin * Nun erfolgt auch die Mobilmachung der bayerischen Armee. König Ludwig III. telegraphiert an Kaiser Wilhelm II. die folgenden Zeilen: „Das bayerische Heer ist heute mit dem Beginn der Mobilisierung unter deinen Befehl als Bundesfeldherr getreten. [...] In dieser Erwartung heiße ich Bayerns Söhne, sich um ihre Fahnen zu scharen, und bitte zu Gott, er möge, wenn der Kampf entbrennt, den deutschen Waffen den Sieg verleihen“.

An die Armee richtete er das Manifest „An mein Heer!“ 

4. August 1914
Die „Kriegskredite“ werden auch von der SPD bewilligt

Berlin * Mit 96 zu 14 Stimmen beschließt die SPD-Reichstagsfraktion die Bewilligung der Kriegskredite. Hugo Haase, der stellvertretende Vorsitzende der SPD und Kriegskreditgegner, gibt - gegen seine Überzeugung - die Erklärung ab: „Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich“.

Kaiser Wilhelm II. gibt daraufhin seine ebenso berühmte Antwort: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“.

4. August 1914
König Ludwig III. schwört seine Untertanen auf den Krieg ein

München * König Ludwig III. schwört seine Untertanen auf den Krieg ein.  In seiner Bekanntmachung „An meine Bayern!“ wendet er sich nicht nur an die Soldaten, sondern vor allem an die Menschen in der Heimat:  

„Deutschland hat den Kampf nach zwei Fronten aufgenommen. Der Druck der Ungewissheit ist von uns gewichen, das deutsche Volk weiß, wer seine Gegner sind. In ruhigem Ernst, erfüllt von Gottvertrauen und Zuversicht, Scharen unsere wehrhaften Männer sich um die Fahnen. Es ist kein Haus, das nicht teil hätte an diesem uns frevelhaft aufgedrungenen Krieg.  

Bewegten Herzens sehen wir unsere Tapferen ins Feld ziehen. Der Kampf, der unser Heer erwartet, geht um die heiligsten Güter, um unsere Ehre und Existenz. Gott hat das deutsche Volk in vier Jahrzehnten rastloser Arbeit groß und stark gemacht, er hat unser Friedenswerk sichtbar gesegnet. Er wird mit unserer Sache sein, die gut und gerecht ist.  

Wie unsere tapferen Soldaten draußen vor dem Feind, so stelle auch zu Hause jeder seinen Mann. Wollen wir, jeder nach seiner Kraft, im eigenen Land Helfer sein für die, die hinausgezogen sind, um mit starker Hand den Herd der Väter zu verteidigen. Tu jeder freudig die Pflicht, die sein vaterländisches Empfinden ihn übernehmen heißt. [...]  

Bayern! Es gilt das Reich zu schützen, das wir in blutigen Kämpfen mit erstritten haben. Wir kennen unsere Soldaten und wissen, was wir von ihrem Mut, ihrer Manneszucht und Opferwilligkeit zu erwarten haben.  

Gott segne unser tapferes deutsches Heer, unsere machtvolle Flotte und unsere treuen österreichisch-ungarischen Waffenbrüder! Er Schütze den Kaiser, unser großes deutsches Vaterland, unser geliebtes Bayern!“. 

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9. August 1914
Die Invasion Belgiens verläuft nicht nach Plan

Belgien * Die Invasion Belgiens verläuft keineswegs nach Plan. Nur unter großen Anstrengungen und dem Einsatz schwerster Geschütze gelingt es den deutschen Soldaten, die belgischen Verteidigungsanlagen zu durchbrechen. Der Vormarsch des deutschen Heeres gerät immer wieder ins Stocken. Die Ursache hierfür ist ein nicht erwarteter, zeitweise sogar erbitterter Widerstand der belgischen Armee und der einheimischen Miliz-Einheiten.  

Überrascht vom starken Verteidigungswillen der - laut dem deutschen Generalstab - angeblich so „wenig leistungsfähigen belgischen Truppen“, kommt es zu häufigen Übergriffen deutscher Soldaten auf belgische Zivilisten. Kaiser Wilhelm II. warnt vor einem drohenden Volksaufstand in Belgien. 

13. August 1914
Der Vorabdruck des Romans „Der Untertan“ wird eingestellt

München * Die Zeitschrift „Zeit im Bild“ stellt den seit 1. Januar 1914 laufenden Vorabdruck des Romans von Heinrich Mann „Der Untertan“ ein. Begründung: „Im gegenwärtigen Augenblick kann ein großes öffentliches Organ nicht in satirischer Form an deutschen Verhältnissen üben“. Außerdem meint die Redaktion, „dürften wir bei der geringsten direkten Anspielung politischer Natur, etwa auf die Person des Kaisers, die ärgsten Zensurschwierigkeiten bekommen“. 

Ab dem 23. August 1914
Kronprinz Rupprecht wird zunächst als bedeutender Feldherr gefeiert

München - Berlin * Gleich unmittelbar nach der Schlacht wird der bayerische Kronprinz Rupprecht als „bedeutender Feldherr“ gefeiert. Der „Sieger von Lothringen“ wird sowohl von seinem Vater, König Ludwig III., mit dem er in militärischen Fragen nur selten im Einklang steht, als auch von Kaiser Wilhelm II. mit den höchsten Auszeichnungen dekoriert. In zahlreichen Darstellungen auf Postkarten wird Rupprecht regelrecht zum Kriegshelden hochstilisiert.  

Doch nur wenige Wochen später, nachdem die Kampfhandlungen eine ungünstige Wendung genommen haben, spricht man in den Kreisen führender Militärs laut und deutlich hörbar Kritik an Rupprechts Vorgehen in Lothringen aus. Es heißt, sein persönliches Prestigebedürfnis habe ihn zur Offensive entgegen dem Schlieffen-Plan angetrieben. Dieses Verhalten wird Deutschland nun sehr teuer zu stehen kommen. 

28. August 1914
Paul von Hindenburg wird zum „Retter des Vaterlandes“

Tannenberg - Gilgenburg - Ortelsburg * Paul von Hindenburg weiß, wie man Geschichte schreibt. Denn während die Presse noch zu Beginn von der „Schlacht bei Gilgenburg und Ortelsburg“ schreibt und Kaiser Wilhelm II. Hindenburg den Dank für den „Sieg bei Allenstein“ ausspricht, richtet der Oberbefehlshaber der 8. Armee seinen Blick auf Tannenberg. Dort wütete anno 1410 eine Schlacht zwischen dem Deutschen Orden und der Polnisch-Litauischen Union.  

Paul von Hindenburgs Version klingt deshalb so: „Bei Tannenberg, das zwischen Gilgenburg und Hohenstein liegt, wurde 1410 das Ordensheer von den Polen und Litauern vernichtet. Jetzt, nach 504 Jahren, kam die Revanche.“ Die geschickte Verknüpfung mit Tannenberg trägt zur Entstehung des Mythos um den siegreichen Feldherrn Hindenburg, dem „Russen-Schreck“, bei. Tannenberg wird zum in Deutschland ersehnten Sieges-Mythos, Hindenburg zum „Retter des Vaterlandes“. 

5. September 1914
Kaiser Wilhelm II. kommt persönlich aufs Schlachtfeld

Nancy * Kaiser Wilhelm II. kommt persönlich aufs Schlachtfeld. Er will Nancy fallen sehen und - wie sein Vater im Jahr 1870 - als Sieger in die Stadt einreiten. Die Stadt Nancy erlebt ihren ersten Luftangriff. Zwei Flugzeuge werfen einige Bomben ab, wobei nur geringe Sachschäden erzielt werden. 

11. September 1914
Die Schlacht an der Marne ist verloren

Marne * Die Marne-Schlacht ist beendet. 250.000 Tote, Verwundete und Gefangene hat die Schlacht auf deutscher Seite gekostet, rund 300.000 auf alliierter Seite.

Generalstabschef Helmuth von Moltke erleidet einen Nervenzusammenbruch und sieht den Krieg verloren. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine, doch Kaiser Wilhelm II. will einen Siegfrieden und keinen Kompromissfrieden. 

13. September 1914
Die Schlacht um Nancy ist beendet

Nancy * Die Schlacht um Nancy ist beendet - und zugleich der Plan des Kaiser Wilhelms II. gescheitert. Die Bedeutung der Schlacht um Nancy wurde und wird häufig unterschätzt. Wenn die Stadt gefallen wäre, hätten die Deutschen einen freien Weg nach Paris gehabt. Für manche Analytiker ging die Große Schlacht im Westen nicht an der Marne, sondern bereits in Lothringen verloren. 

25. Dezember 1914
In den Staub mit allen Feinden Deutschlands. Amen.

Luxemburg - Charleville-Mézières * Kaiser Wilhelm II. äußert seine Weihnachtswünsche an das deutsche Volk aus dem sich in Luxemburg befindlichen Großen Hauptquartier der Obersten Heeresleitung - OHL in Charleville-Mézières.

Der Kaiser will das Weihnachtsfest im Kreise seiner Militärs begehen. Seine Ansprache vor dem Weihnachtsbaum beschließt er mit einer Variation des Satzes des preußischen Dichters Heinrich von Kleist, mit dem sein Drama „Der Prinz von Homburg“ schließt: „In den Staub mit allen Feinden Deutschlands. Amen.“ 

29. August 1916
Kaiser Wilhelm II. ernennt die dritte Oberste Heeresleitung - OHL

Berlin * Kaiser Wilhelm II. ernennt Paul von Hindenburg zum Chef des Generalstabs und Erich Ludendorff zum Generalquartiermeister. Dies ist die dritte Oberste Heeresleitung - OHL. Sie wird sich zu Deutschlands wirklicher Regierung - eine Militärdiktatur - entwickeln.

11. November 1916
Fürstliches Blut für die Ehre des Vaterlandes

Berlin - München * Kaiser Wilhelm II. Beileidstelegramm zum Tode des wittelsbachischen Prinzen Heinrich zielt ausdrücklich auf das „fürstliche Blut“, das der Prinz „für den Ruhm des bayerischen Königshauses und für die Ehre des deutschenh Vaterlandes treulich zum Opfer gebracht“ hat. 

2. Januar 1917
Das Große Hauptquartier der OHL zieht wieder nach Bad Kreuznach

Pleß - Bad Kreuznach - Bad Münster - Bad Homburg * Das Große Hauptquartier der Obersten Heeresleitung - OHL zieht vom Schloss Pleß in Oberschlesien in das Parkhotel Kurhaus in Bad Kreuznach und Bad Münster am Stein-Ebernburg. Kaiser Wilhelm II. residierte im Schloss Bad Homburg. 

6. Juli 1917
Der Interfraktionelle Ausschuss wird gegründet

Berlin * Der Interfraktionelle Ausschuss wird gegründet. Es ist ein inoffizielles Gremium, das die Arbeit der Reichstagsfraktionen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands - SPD, der Zentrumspartei und der Fortschrittlichen Volkspartei - FVP koordiniert. Bis Januar 1918 beteiligen sich auch Abgeordnete der Nationalliberalen Partei - NLP an den Beratungen im Interfraktionellen Ausschuss.

Diese Parteien stellen seit der Reichstagswahl vom 12. Januar 1912 die Mehrheit im Reichstag, weshalb auch von der Reichstagsmehrheit gesprochen wird.

Der Interfraktionelle Ausschuss bildet den Auftakt zur Parlamentarisierung des Deutschen Kaiserreiches. 

13. Juli 1917
Kronprinz Rupprecht: Ludendorff soll politisch gebändigt werden

Lille - München * Kronprinz Rupprecht berichtet seinem Vater, König Ludwig III., es sei „wahrhaft unglaublich, wie es in Berlin zugeht - der Kanzler ist wohl unhaltbar. Ludendorff muss aber unbedingt auf sein militärisches Fach beschränkt werden und darf sich nicht in alle Fragen der inneren und äußeren Politik mengen“.

Er bittet seinen Vater zum Kaiser nach Berlin zu fahren, denn es steht „viel auf dem Spiel, um nicht zu sagen Alles!“.

Kronprinz Rupprecht fürchtet die Einführung des Parlamentarismus auf Reichsebene am meisten, da das das Ende der Einzelstaaten bedeuten würde. 

14. Juli 1917
Antimonarchische Stimmung durch Kaiser Wilhelm II.

Lille * Kronprinz Rupprecht bedauert in seinem Tagebuch die sich in weiten Teilen des Deutschen Reiches um sich greifende antimonarchische Stimmung. Die Schuld daran gibt er Kaiser Wilhelm II..

„Durch seine fortgesetzten Missgriffe und seine Untätigkeit ist der Kaiser um alles Ansehen gekommen und die Verstimmung geht so weit, dass manche monarchisch gesinnte und ernsthaft denkende Leute bezweifeln, ob die Dynastie der Hohenzollern den Krieg überdauern wird“. 

28. Juli 1917
Offene Propaganda gegen die Glaubensbrüder der verfeindeten Nationen

München - Berlin * Der Feldprobst der bayerischen Armee, der Münchner Erzbischof Michael von Faulhaber, schreibt an Kaiser Wilhelm II., dass „auch die Seelsorge mit dem Schwert des Geistes, das ist mit dem Wort Gottes, das heilige Recht unseres treuen Vaterlandes zu verteidigen und die Seelen zum höchsten Kraftaufgebot zu wecken bemüht war“.

Der deutsche Klerus hat sich damit in die Kriegsrhetorik eingefügt und betreibt offen Propaganda gegen die Glaubensbrüder der verfeindeten Nationen. Faulhaber predigt den bayerischen Truppen. Und diese Rhetorik geht so: „Ein Mann nach dem Herzen Gottes handelt nach dem Willen Gottes. Hat man einmal klar erkannt: ‚Das ist Gottes Wille, das ist meine Pflicht, bei dieser Fahne ist mein Platz‘, dann bleibt‘s dabei, heute und morgen und übermorgen.“ 

2. September 1917
Die Deutsche Vaterlandspartei - DVLP wird gegründet

Königsberg * Am Tag des Friedens bei Sedan wird die erzkonservative, nationalistische, völkische und antisemitische Deutsche Vaterlandspartei - DVLP von ultrarechten Kräften, darunter Großadmiral Alfred von Tirpitz und dem ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, gegründet.

Innenpolitisch kündigt die Vaterlandspartei den Burgfrieden von rechts auf. Sie plädiert für einen unterdrückenden und autoritären Kurs gegenüber der Arbeiterbewegung und greift auch bürgerliche Politiker heftig an, die sich – wie beispielsweise den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger - für eine Reform des politischen Systems unter Einbeziehung der SPD aussprechen.

Die Parteiführung verfolgt den Plan, mit Hilfe eines „starken Mannes“ einen autoritären Staatsumbau einzuleiten und dabei den Reichstag und die Linksparteien auszuschalten. Im äußersten Fall sollte auch der „zu weiche Kaiser“ Wilhelm II. bei einer sich bietenden Gelegenheit für „regierungsunfähig“ erklärt und der weit rechts stehende Kronprinz von Preußen zum Regenten ernannt werden. 

Außenpolitisch tritt die Vaterlandspartei für einen deutschen Siegfrieden und ein umfassendes Programm direkter und indirekter Expansion ein.

Mit ihren Kampagnen gegen einen Verzichtfrieden - oder Judenfrieden genannten Verständigungsfrieden - und gegen Schlappheit und Verrat an der Heimatfront legt die Deutsche Vaterlandspartei - DVLP den Grundstein für den Nachkriegsdiskurs über die Novemberverbrecher und die Dolchstoß-Legende. 

9. Januar 1918
Die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk werden fortgesetzt

Brest-Litowsk * Die Friedensverhandlungen zwischen den Mittelmächten und Sowjetrussland werden in Brest-Litowsk fortgesetzt. Die großen Hoffnungen, die man in die Friedensverhandlungen gesetzt hatte, werden bitter enttäuscht. Die harten Bedingungen, die das Deutsche Reich hinsichtlich der Gebietsabtretungen stellt, machen deutlich, dass die deutsche Regierung an einem Verständigungsfrieden nicht interessiert ist. 

Die Generalität will den Frieden mit Russland nur, um mit den dort frei werdenden Truppen und gestützt auf die Getreide- und Kohlelieferungen aus den besetzten russischen und ukrainischen Gebieten eine neue Offensive im Westen starten zu können. Für das Deutsche Kaiserreich gibt es nur Sieg oder Niederlage, dazwischen gibt es nichts. So rückt der Frieden in immer weitere Ferne.

27. Januar 1918
Kaiser Wilhelm II. feiert seinen Geburtstag mit kirchlichem Segen

Berlin - Deutsches Reich * Kaiser Wilhelm II. feiert an einem Sonntag bei Kaiserwetter seinen 59. Geburtstag. Von vielen Kanzeln wird gepredigt: „Möge ihn der Herr segnen wie er auch uns segnet.“

Dabei werden die lauteren Absichten des „Friedensfürsten“ herausgestellt, „der seine Friedenshand immer wieder gereicht, die [aber] vom Feinde so schmählich zurückgewiesen“ wurde. Der Kaiser, der „auch in Zukunft allen Stürmen, mögen sie noch so verheerend toben, unerschrocken entgegen sehe“. 

10. März 1918
Kaiser Wilhelm II. will den Feinden einen Siegfrieden aufzwingen

München * In der Münchener Allgemeinen Zeitung bekennt sich Kaiser Wilhelm II. zu einem „Siegfrieden“, der den Feinden „aufgezwungen“ werden muss. „Völkerbeglückende Weltbürgerschaftsgedanken finden darin keinen Platz. Nur das nackte eigene Interesse und die Garantie eigener Sicherheit und Größe dürfen maßgebend sein“. 

Ab 21. März 1918
Die Große deutsche Frühjahrsoffensive beginnt

Bapaume - Nordfrankreich * Mit einem mehrstündigen, für die Gegenseite in seiner Massivheit vollkommen unerwarteten „Sturm aus Feuer und Stahl“, wie man ihn bis dahin noch nicht erlebt hat, beginnen die deutschen Truppen die „Operation Michael“. Es ist die erste von fünf Schlachten der deutschen Frühjahrsoffensive, die zugleich der letzte Versuch des Deutschen Kaiserreichs ist, an der Westfront einen für die Mittelmächte günstigen Kriegsausgang zu erreichen.

Was die Briten in der Flandernschlacht in zwei Wochen verschossen hatten, verbrauchen die Deutschen in nur wenigen Stunden. Es werden nicht nur Sprenggranaten, sondern auch Giftgas-Granaten verschossen. Schon am ersten Tag des Unternehmens kann die Verteidigung des Gegners durchbrochen werden. In den Folgetagen dringen die deutschen Truppen auf einer Breite von 80 Kilometern etwa 65 Kilometer tief in französisches Territorium ein.

Die Entente soll zurückgeschlagen werden, ehe die US-Amerikaner in Europa landen. Dies würde, so die Überlegung Erich von Ludendorffs, das Deutschen Reich in eine gute Ausgangsposition bei den Friedensverhandlungen setzen.

  • Die Offensive wird nur am Anfang erfolgreich sein, aber kein Triumphlauf werden.
  • Die Übermacht der alliierten Streitkräfte,
  • erhebliche Versorgungsprobleme und
  • große Verluste sind Ursachen für den Untergang der deutschen Truppen.
  • Am ersten Tag der „Michael-Offensive“ werden auf deutscher Seite von 39.929 Mann 10.851 getötet, 28.778 verwundet und 300 Mann gefangen genommen.
  • Von den eingesetzten 38.512 Briten fallen 7.512, etwa 10.000 werden verwundet und 21.000 gehen in Gefangenschaft. 
8. Juli 1918
Staatssekretär Kühlmann wird vom Kaiser entlassen

Berlin * Kaiser Wilhelm II. versetzt den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Richard von Kühlmann, in den einstweiligen Ruhestand.

  • Damit hat die Politik gegenüber den Militärs erneut klein beigegeben.
  • Ein Konflikt mit der Obersten Heeresleitung - OHL wird nicht eingegangen. 
  • Die Militärs brauchen die Reichstagsmehrheit nicht zu fürchten. 
18. Juli 1918
Staatschef Swerdlow rechtfertigt die Bluttat an der Zarenfamilie

Moskau - Jekaterinburg * Staatschef Jakow Michailowitsch Swerdlow teilt dem Präsidium des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees - GZEK mit, dass sich am Tag zuvor konterrevolutionäre Truppen auf den Weg nach Jekaterinburg begeben hatten und zu befürchten war, dass sie die dort gefangen gehaltene Ex-Kaiserfamilie befreien wollten. Deshalb wurde der Befehl zur Erschießung der Zarenfamilie erteilt. 

26. Juli 1918
Der Reichsfinanzhof in die Bogenhauser Ruine

Berlin * Das Gesetz zur Errichtung des Reichsfinanzhofs und die förmliche Bewerbung der Stadt München als Sitz dieses Gerichts bringt eine Wende in der Frage, was aus der „Bogenhausener Ruine“ werden soll. Dass der Reichsfinanzhof nach München kommt, ist keineswegs selbstverständlich - Berlin wäre als 

  • Reichshauptstadt der „natürliche“ Standort gewesen. Ausschlaggebend ist, dass die Entscheidung nicht beim Reichstag, sondern beim Bundesrat, der Länderkammer des Kaiserreichs, liegt. Dieser bestimmt München zum Sitz des neuen Gerichts. Die Gründe für die Entscheidung zugunsten Münchens sind: 
  • Bayerische Eigeninteressen: Das Königreich drängt darauf, ein Reichsorgan auf seinem Territorium zu erhalten, nachdem Leipzig bereits das Reichsgericht und Berlin die meisten Reichsbehörden beherbergt. Als zweitmächtigster Bundesstaat nach Preußen will Bayern nicht leer ausgehen. 
  • Föderaler Ausgleich: Die Standortwahl ist ein Zugeständnis an Bayern und Ausdruck der Anerkennung seiner Bedeutung im Reich.
  • Politische Stabilität: Kurz vor Kriegsende soll Bayern als wichtiger Bundesstaat enger an das Reich gebunden werden. 
  • Praktische Voraussetzungen: München verfügt über die notwendige juristische und verwaltungstechnische Infrastruktur. 
  • Zudem steht mit dem „Fleischer-Schlössl“ ein geeignetes Gebäude zur Verfügung, das nach Ausbau als Dienstsitz des Reichsfinanzhofs genutzt werden konnte. 
14. August 1918
Die OHL erklärt die Fortführung des Krieges für aussichtslos

Spa * Die Oberste Heeresleitung - OHL erklärt nach der Schlacht von Amiens - im Beisein von Kaiser Wilhelm II. und dem österreichischen Kaiser Karl I. - erstmals die Fortführung des Krieges für „aussichtslos“.

  • Die Übermacht der alliierten Truppen,
  • erhebliche Versorgungsprobleme und
  • große Verluste

sind die Ursachen für den Untergang der deutschen Truppen. Der 14. August 1918 wird deshalb auch als „Schwarzer Tag des deutschen Heeres“ bezeichnet. 

28. August 1918
Österreichs Kaiser Karl sieht den Krieg verloren

München * Der österreichisch-ungarische Kaiser Karl besucht König Ludwig III. und schildert diesem „die verzweifelte Lage unserer Mächtegruppe“, was der König mit den Worten „Also haben wir den Krieg verloren“ bestätigt. Der habsburgische Kaiser bittet den König „inständig, in seiner Eigenschaft als ältester und mächtigster deutscher Bundesfürst, Kaiser Wilhelm die Lage klipp und klar zu schildern und kategorisch auf einen möglichst baldigen Friedensschluss zu drängen“. Bayerns König Ludwig III. erklärt sich damit einverstanden. 

1. September 1918
In Bayern herrscht Unzufriedenheit mit der Regierung und dem König

München - Berlin * Karl Georg von Treutler, der preußische Gesandte in Bayern, der als Vertrauter Kaiser Wilhelms II. auch „Die graue Exzellenz“ genannt wird, berichtet an den aus Bayern stammenden Reichskanzler Georg Graf von Hertling.

In seinem Schreiben bringt er zum Ausdruck, dass hier eine „ganz ausgesprochene Unzufriedenheit nicht nur mit der Bayerischen Regierung, sondern besonders auch mit der Person Seiner Majestät des Königs“ herrscht. Man macht dem König zwar nicht zum Vorwurf, dass er den Krieg und damit die Katastrophe herbei geführt hat. Dennoch wirft man ihm Machtlosigkeit vor, um das Unheil abzuwenden.

Es ist deshalb höchste Zeit, die Form des bayerischen Regierungssystems den Realitäten anzupassen und einem parlamentarischen System volle Entscheidungsgewalt zu gewähren. 

12. September 1918
Der Interfraktionelle Ausschuss will eine Regierungsneubildung

Berlin * Der Interfraktionelle Ausschuss, das gemeinsame Gremium von MSPD, Zentrum und Linksliberalen, loten erstmals seit den Januarstreiks aus, welche Gemeinsamkeiten ihnen geblieben sind. In der Sitzung suchen die Mehrheitsparteien gemeinsam nach einem Ausweg, zu dem auf jeden Fall eine Regierungsneubildung gehören muss. 

Man ist sich einig über die Unglaubwürdigkeit unserer Regierung im Ausland. Mit dem Kaiser, der Obersten Heeresleitung und der Regierung Hertling wird es keinen Verständigungsfrieden geben können. Es wird deutlich, was die  Spitze der Mehrheitssozialdemokratie will: keine Revolution, keinen Bürgerkrieg, dafür eine rasche Demokratisierung einschließlich einer gleichberechtigten Arbeiterschaft. 

14. September 1918
Kaiser Karl möchte einen Frieden unter Erhaltung der Monarchie

Wien * Der österreichisch-ungarische Kaiser Karl bietet den Entente-Mächten nach vier Kriegsjahren und über einer Million Toten Friedensverhandlungen unter Erhaltung der Monarchie an.

„Die österreichisch-ungarische Regierung hat beschlossen, allen Kriegführenden, Freund und Feind, einen von ihr für gangbar gehaltenen Weg zu weisen und ihnen vorzuschlagen, im freien Gedankenaustausch gemeinsam zu untersuchen, ob jene Voraussetzungen gegeben sind, welche die baldige Einleitung von Friedensverhandlungen als aussichtsvoll erscheinen lassen. Zu diesem Behufe hat die k. und k. Regierung die Regierungen aller kriegführenden Staaten zu einer vertraulichen und unverbindlichen Aussprache an einem Orte des neutralen Auslandes eingeladen und an sie eine in diesem Sinne verfaßte Note gerichtet.“ 

17. September 1918
Ablehnung des österreichisch-ungarischen Vorschlages

Washington - Wien * US-Präsident Woodrow Wilson lehnt eine halbe Stunde nach Erhalt der Note den österreichisch-ungarischen Vorschlag vom 14. September für eine inoffizielle Konferenz ab.

In der Begründung heißt es: „Wir haben wiederholt und in vollkommener Klarheit die Bedingungen bekanntgegeben, unter denen die Vereinigten Staaten wegen eines Friedens verhandeln wollen, und wir können und wollen keinen Vorschlag in Erwägung ziehen für eine Konferenz über eine Angelegenheit, in der die Vereinigten Staaten ihre Stellung und Absichten bereits klar bekanntgegeben haben.“ 

22. September 1918
Flugblätter zur Steigerung des Preußenhasses

München • Innenminister Dr. Friedrich Ritter von Brettreich berichtet über Flugblätter, die die Überschrift  „Preußenherzen hoch“ tragen. Es ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um „überaus gefährliche Fälschungen“ handelt, die äußerst geschickt den in Bayern neu auflebenden Preußenhass in neue Höhen steigern und so die Geschlossenheit des deutschen Volkes sprengen soll. Hier einige Auszüge aus dem Flugblatt, das nur in Altbayern mit der Post verbreitet wird. Der Poststempel stammt aus Berlin: 

„In tiefernster Stunde wenden wir uns an alle echten Preußen mit dem dringenden Mahnruf: Helft Preußen, helft Deutschland retten!  […] Vielmehr von innen als von außen droht unserem vielgeliebten Preußenlande toternste Gefahr. […] Ein Süddeutscher Reichskanzler, ein Süddeutscher Vizekanzler, ein Süddeutscher Reichstagspräsident […], alle wichtigen Ämter in der Hand von Bayern! Ist es da ein Wunder, wenn die Politik auf eine völlige Lahmlegung Preußens, der Kaiserkrone und der Heeresleitung gerichtet ist, und […] Preußen und Deutschland an den Abgrund geführt hat ?

[…] Aus bayerisch-partikularistischem Hasse will man Preußens Macht zerstören um selbst in Preußen zu herrschen. […] Auch die Heeresfront ist durch Bayern zerrissen worden. Die Disziplinlosigkeit im bayerischen Heere hat seit einem Jahr den größten Umfang angenommen. […] Durch diese Handlungen haben preußische und andere Regimenter die größten Verluste erlitten. […] Jetzt, wo das Vaterland wieder in der größten Gefahr schwebt, sind es wieder die Bayern, die versagen und die Gefahr vergrößern. […].“ 

29. September 1918
Ludendorff erhält die Zustimmung für sein Waffenstillstandsgesuch

Spa - Berlin * Staatssekretär Paul von Hintze verhandelt am Vormittag mit Generalquartiermeister Ernst Ludendorff über das weitere Vorgehen. Ludendorffs Forderung nach einem Waffenstillstandsersuchen binnen 24 Stunden, das  unter die Verantwortung der Reichstagsmehrheit gestellt wird, wird - bei aller Gefahr für Heer, Volk, Reich und Monarchie - von Hintze befürwortet. Ludendorff begründet es damit, dass er nicht mehr dafür garantieren kann, eine militärische Katastrophe an der Westfront zu verhindern. 

Staatssekretär Paul von Hintze will eine „Revolution von oben“ und damit einen vollständigen Systemwechsel vornehmen. Eine Umbildung der jetzigen Regierung lediglich durch Hinzuziehen einiger Parteienvertreter hält er nicht für ausreichend. Der Gedanke gefällt Ludendorff, da ein radikaler Bruch mit der bisherigen Regierung die Glaubwürdigkeit gegenüber den Kriegsgegnern erhöhen würde.

Der Generalquartiermeister erhält die Zustimmung für das weitere Vorgehen vom Staatssekretär Paul von Hintze und vom greisen Reichskanzler Georg Friedrich Graf von Hertling.

Anschließend informiert Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg gemeinsam mit Staatssekretär Hintze, aber ohne den Reichskanzler, Kaiser Wilhelm II.. Dieser ist sowohl mit der Regierungsumbildung als auch mit dem Waffenstillstandsgesuch einverstanden. 

29. September 1918
Max von Baden wird als künftiger Reichskanzler vorgeschlagen

Spa * Graf Siegfried von Roedern schlägt dem Kaiser Prinz Max von Baden als künftigen Reichskanzler vor. Wilhelm II. findet dagegen „seinen Vetter als einen Mann von weichem, schwankendem Charakter […], der weder militärisch noch sonst im Leben etwas geleistet“ habe. 

30. September 1918
Wilhelm II. verkündet die Errichtung einer parlamentarischen Regierung

Spa * Mit dem sogenannten Parlamentarisierungserlass verkündet Kaiser Wilhelm II. die Errichtung einer parlamentarischen Regierung im Deutschen Reich. Die Regierung soll künftig nicht mehr vom Monarchen, sondern von den Mehrheiten im Reichstag bestimmt werden. Diese Revolution von oben ist allerdings der entscheidende Geburtsfehler. 

30. September 1918
Kaiser Wilhelm II. entlässt Reichskanzler Georg Graf von Hertling

Spa * Da der amtierende Reichskanzler der vom Kaiser angekündigten Parlamentarisierung nun im Weg steht, bleibt Georg Graf von Hertling nur noch der Rücktritt, den er umgehend einreicht.

Im Entlassungsschreiben macht Kaiser Wilhelm II. deutlich: „Ich wünsche, daß das deutsche Volk wirksamer als bisher an der Bestimmung der Geschicke des Vaterlandes mitarbeitet. Es ist daher mein Wille, daß Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in weitem Umfange teilnehmen an den Rechten und Pflichten der Regierung.“ 

1. Oktober 1918
Die OHL setzt Max von Baden als Reichskanzler durch

Spa - Berlin - Karlsruhe * Die Oberste Heeresleitung - OHL übernimmt wieder einmal die politische Führung und setzt bei Kaiser Wilhelm II. - der dagegen „schärfsten Widerspruch“ einlegt - Prinz Max von Baden als Kanzlerkandidat der Krone durch.  

Umgehend wird der Marschbefehl für den badischen Monarchen zur sofortigen Reise nach Berlin erstellt. Vorsorglich reist Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg gleich mit. 

2. Oktober 1918
Ludendorff will keinesfalls Verantwortung übernehmen

Berlin * Um nicht selbst die Verantwortung für den verlorenen Krieg übernehmen zu müssen, drängt Generalquartiermeister Erich Ludendorff auf die Bildung einer parlamentarisch getragenen Regierung. Im Kreis des Generalstabs erklärt Generalquartiermeister Erich Ludendorff, dass er Kaiser Wilhelm II. gebeten habe, „jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, dass wir so weit gekommen sind. Die sollen nun den Frieden schließen, der jetzt geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben!“ 

Ludendorff geht es nur um das Abwälzen der Verantwortung für die sich abzeichnende Niederlage, auf der sich später die „Dolchstoßlegende“ aufbauen wird. 

3. Oktober 1918
Max von Baden wird Reichskanzler 

Berlin * Kaiser Wilhelm II. ernennt Prinz Max von Baden zum Reichskanzler. Seine Regierung stützt sich auf die Reichstagsmehrheit aus Zentrum, linksliberaler Fortschrittlicher Volkspartei und Mehrheitssozialdemokraten. Erstmals gehören mit Philipp Scheidemann und Gustav Bauer zwei Sozialdemokraten als Staatssekretäre der Reichsregierung an. Der Regierungswechsel leitet den Übergang zur parlamentarischen Monarchie ein. 

6. Oktober 1918
Wenig Ängste vor der Abdankung des Kaisers

Berlin - München * Der bayerische Gesandte am Kaiserhof, Hugo Graf von Lerchenfeld, berichtet in einem Brief an den Ministerpräsidenten Otto von Dandl:

„Wenn etwa der Frieden von der Abdikation [= Abdankung] abhängig gemacht werden sollte, so würde der Kaiser ohne Zweifel in den Schritt einwilligen. Selbst in den königstreuesten Kreisen der Hauptstadt wird die Abdikation als ein unter Umständen nicht abwendbarer Schritt besprochen.“ 

6. Oktober 1918
Deutschland ist sowohl friedensbereit als auch kampfentschlossen

Berlin * Das Berliner Tageblatt, die auflagenstärkste Tageszeitung im Deutschen Kaiserreich mit linksliberaler Ausrichtung, stellt unter der Überschrift „Des Kanzlers Friedensschritt“ fest, dass die Rede des Reichskanzlers Max von Baden vom Vortag signalisiere, Deutschland ist sowohl „friedensbereit“ als auch „kampfentschlossen“. 

12. Oktober 1918
Die erste öffentliche Rücktrittsforderung an den Kaiser

Berlin * Die rechtsorientierte Deutsche Zeitung aus Berlin distanziert sich als erste Zeitung von Kaiser Wilhelm II.: „Wer sich das Zepter aus der Hand winden lässt, der kann es nicht führen. Für uns gibt es nur die Frage, was wird aus unserem Reich?“ 

Die übrigen Zeitungen halten sich noch bis Ende Oktober an das Verbot, nichts über Rücktrittsforderungen an den Kaiser zu berichten. 

13. Oktober 1918
Weitreichende Forderungen der bayerischen SPD

München-Au * Auf dem Münchner Parteitag der SPD im Franziskaner-Keller an der Hochstraße forderte der Chefredakteur der Fränkischen Tagespost, Adolf Braun, die Abdankung des Kaisers. Unterstützung erhält er von dem Nürnberger SPD-Landtagsabgeordneten Ernst Schneppenhorst, der gleichzeitig auch den Rücktritt des bayerischen Königs Ludwig III. fordert. Erhard Auer versucht dagegen seine Parteigenossen zu beschwichtigen und plädiert zum Abwarten, bis die Zeit reif ist für einen Regierungswechsel auf legalem Weg.

Abschließend beschließt der Parteitag

  • die Abschaffung der Monarchie,
  • die Einführung des Acht-Stunden-Tages,
  • das Wahlrecht für beiderlei Geschlecht und
  • die Einführung einer Arbeitslosenversicherung. 

Der SPD-Landesparteitag fordert aber auch

  • die Überführung Deutschlands in einen Volksstaat mit vollkommener Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des Volkes in Reich, Staat und Gemeinde. 
16. Oktober 1918
Österreichs Kaiser Karl I. erlässt das Kaisermanifest

Wien * Der österreich-ungarische Kaiser Karl I. erlässt das sogenannte Kaisermanifest, das die Umwandlung der österreichischen Reichshälfte in einen Bundesstaat, einer Konföderation freier Völker, vorsieht. Dazu werden die einzelnen Nationalitäten Österreichs aufgerufen, eigene Nationalräte zu bilden. 

17. Oktober 1918
Drohungen und Drohbriefe an die königliche Familie

München * Prinzessin Wiltrud sieht der politischen Realität ganz bewusst ins Auge, als sie schreibt: „Die politische und militärische Lage ist seit einigen Wochen sehr beunruhigend für uns. […] Unsere Truppen sollen nicht mehr recht kämpfen mögen. Wenn der Geist von 1914 noch in ihnen wäre, würden sie dem Feind besser standhalten können. Die 18-jährigen halten eben viel weniger aus als die Männer von dazumal. […]

Man muss jetzt mit allem rechnen,

  • dass der Kaiser und der Kronprinz abdanken müssen,
  • dass vielleicht Papa und der Kaiser Karl abdanken müssen,
  • dass es Revolution gibt,
  • dass die gekrönten Häupter nur eine Rolle der Repräsentation spielen dürfen wie König Georg von England. […]  

Die Ungerechtigkeit wird diesmal wohl siegen. […] Deutschland wird sich demokratisieren, Österreich im besten Falle Staatenbund werden. […] Vielleicht ist die Demütigung Deutschlands zum Heil des Volkes, und wenn sich dies in dieser ernsten Zeit fängt, dann kann aus der Rückkehr zur Einfachheit viel Gutes entstehen.“

Vorausgegangen war eine erlebte Situation. Als sie mit ihrem Vater durch die Maximilianstraße fährt, schreit ein Arbeiter: „Dank ab!“. Eine neben ihm stehende Frau hält dem Rufer den Mund zu, um weitere Gefühlsausbrüche zu unterbinden. 

19. Oktober 1918
Kaiser Wilhelm II. könnte nie fahnenflüchtig werden

Berlin * Bei einer Unterredung zwischen Reichskanzler Max von Baden und Kaiser Wilhelm II. äußert dieser, „dass er nie daran denken könne, fahnenflüchtig zu werden. Er wisse auch, dass wenn für ihn als Kaiser und König von Preußen Gefahr drohe, sein Volk und seine Armee sich um ihn scharen würden“.

Der mit anwesende bayerische Gesandte am Kaiserhof, Hugo Graf von Lerchenfeld, bringt den Mut auf und weist den König darauf hin, „dass es noch andere Elemente im Reich“ gibt. 

19. Oktober 1918
Die Juden als Blitzableiter für alles Unrecht benutzen

Berlin * Der Vorsitzende des Alldeutschen Verbands - ADV, Heinrich Claß, äußert sich auf der Sitzung der Führungsspitze: „Die Bundesfürsten haben sich ebenso behandeln lassen [wie der Kaiser]. Sollen wir die Monarchie noch verteidigen, nachdem sie sich selbst überall aufgegeben?“

In der selben Sitzung verabschiedet der Vorstand einen Aufruf, in dem sich der Verband erstmals öffentlich zum Antisemitismus bekennt.

  • Es gelte „die Juden als Blitzableiter für alles Unrecht zu benutzen, Furcht und Schrecken […] in der Judenschaft [zu verbreiten]. […]  
  • Ich werde […] vor keinem Mittel zurückschrecken und mich in dieser Hinsicht an den Ausspruch Heinrich von Kleist’s, der auf die Franzosen gemünzt war, halten: Schlagt sie tot, das Weltgericht fragt Euch nach Gründen nicht!“ 
22. Oktober 1918
Lobeshymnen zum 60. Geburtstag der Kaiserin

Potsdam * Kaiserin Auguste Viktoria feiert im Neuen Palais im engsten Kreise ihrer Familie ihren 60. Geburtstag. Eine größere Feierlichkeit vermeidet man aus Angst vor Gegendemonstrationen oder gar öffentlicher Herabsetzung. Das hält den Hofprediger Ernst von Dryander dennoch nicht ab, sie in seiner Predigt zur „Herrin des deutschen Volkes“ hochzustilisieren. 

23. Oktober 1918
Kurt Eisner hält im Schwabinger-Bräu seine erste Wahlkampfrede

München-Schwabing * Kurt Eisner hält im Schwabinger Bräu seine erste Wahlkampfrede seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Nur neun Tage nach seiner Haftentlassung lockt er bereits 2.000 Zuhörer in seine Versammlung. Er referiert über das Thema „Regierungssozialisten oder Sozialistenregierung“ und wirft darin dem Flügel um Erhard Auer vor, nicht das Interesse des Volkes, sondern nur das der Regierung im Auge zu haben. In der weiteren Rede fordert Kurt Eisner 

  • die Abdankung des Kaisers und
  • einen Frieden ohne Annexion. 
  • Kurt Eisner verspricht sich nicht viel vom jetzigen demokratischen System und tritt ein
  • für die Beseitigung aller bestehender Gewalten durch Umsturz und Revolution ein. 

Am Schluss verlangt er

  • „eine große deutsche Republik mit Einschluss Deutsch-Österreichs“ und
  • die „Rückkehr zu den Idealen der Revolution von 1848“. 

„Bissig, heiser und mit einem fanatischen Elan rechnete er mit seinen Gegnern ab. Alles um ihn war dicht besetzt. Kopf an Kopf. Er stand auf dem Podium inmitten der hockenden Leute und gestikulierte mitunter wild. Langes Haar, das fast bis auf seine Schultern herabwallte, einen noch zerzausteren Bart hatte er jetzt. Wie ein Apostel sah er aus, nur dass er einen Kneifer trug“, schreibt Oskar Maria Graf über Kurt Eisner. 

23. Oktober 1918
US-Präsident Wilson will ein republikanisches Deutschland

Washington - Berlin * US-Präsident Woodrow Wilson erklärt sich in seiner Antwort auf das Schreiben vom 20. Oktober nur zur Aufnahme von Waffenstillstandsgesprächen gemeinsam mit den Regierungen der Alliierten bereit, wenn der deutsche Verhandlungspartner eine vom Volk gewählte Regierung ist.

Die amerikanische Regierung will „mit keinen anderen als wahrhaften Vertretern des deutschen Volkes verhandeln“. Aus ihrer Sicht gibt es bislang aber keinen Hinweis dafür, dass „die Grundsätze einer dem deutschen Volk verantwortlichen Regierung jetzt bereits vollständig angenommen sind“ und die Systemänderung im Deutschen Reich auf Dauer sein wird. Die Amerikaner geben deutlich zu erkennen, dass sie gegenüber einem republikanischen Deutschland oder zumindest einem Deutschland ohne Kaiser mehr Nachsicht üben würden.

Sie setzen offenbar aber auch darauf, dass jeder zusätzliche Kriegstag die Position des Deutschen Reichs und seiner Verbündeten weiter schwächen und die Friedensbedingungen für die USA positiver gestalten würden. 

24. Oktober 1918
Hindenburg und Ludendorff wollen den Kaiser überzeugen

Spa - Berlin * Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Generalquartiermeister Erich Ludendorff verlassen entgegen der Anweisung des Reichskanzlers Max von Baden das Hauptquartier in Spa. Sie wollen Kaiser Wilhelm II. von ihrem Vorhaben überzeugen. 

24. Oktober 1918
Heeresbefehl zur Entscheidungsschlacht gegen England

Spa * Die Operationsplaner der Marine haben ihr Konzept für den Beitrag der Seestreitkräfte zum Endsieg fertiggestellt. Admiral Reinhard Scheer erteilt - trotz der von der Reichsregierung befohlenen Einstellung des U-Boot-Krieges - der Hochseeflotte den Befehl, gegen die Kanalküste und die Themsemündung vorzustoßen und die Entscheidungsschlacht gegen Großbritannien zu suchen. Die Seekriegsleitung - SKL zieht eine „ehrenvolle Niederlage“ einer drohenden Übergabe der Flotte uneingeschränkt vor. Es geht wieder einmal um die „Ehre der kaiserlichen Flotte“. 

24. Oktober 1918
Der Kaiser merkt nichts von der Wut und Verachtung gegen ihn

Bern * Der Diplomat Harry Graf von Kessler, der von Bern aus die Vorgänge im Deutschen Reich beobachtet, notiert: „Dass der Kaiser fort muss, wird jetzt so gut wie allgemein anerkannt; nur er selbst tut noch immer so, als ob er Nichts merkte. Vielleicht merkt er in der Tat Nichts von der Wut und Verachtung, die gegen ihn emporsteigen.“ 

25. Oktober 1918
OHL: Die diplomatischen Beziehungen sollen beendet werden

Berlin * Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Generalquartiermeister Erich Ludendorff drängen Wilhelm II. dazu, die diplomatischen Beziehungen und den Notenwechsel mit dem US-Präsidenten Woodrow Wilson sofort zu beenden. Der Kaiser, der vom Staatssekretär des Äußeren, Paul von Hintze, vom Gegenteil überzeugt und eingeschworen worden war, geht auf die Forderungen nicht ein.

Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, bieten die beiden Offiziere ihren Rücktritt an. Doch auch der bettlägerige Reichskanzler Max von Baden droht am selben Abend seinen Rücktritt an, falls „ein Wechsel in der Obersten Heeresleitung nicht möglich ist“.

Der Kaiser ist inzwischen auch darüber informiert worden, dass Ludendorff seit Frühjahr und Sommer 1918 von einem Großteil der Heerführer als überaus negativ angesehen wird. 

Um 25. Oktober 1918
Die Worte Kaiserfrage und Revolution beschäftigen das Volk

Deutsches Reich * Spätestens seit der dritten Note des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson vom 23. Oktober sind die Worte „Kaiserfrage“ und „Revolution“ in aller Munde. Viele Männer in verantwortlichen Positionen, einschließlich des Reichskanzlers Max von Baden und des Vorsitzenden der MSPD-Reichstagsfraktion Friedrich Ebert, sehen in dem Thronverzicht des Kaisers das einzige Mittel zur „Rettung der Monarchie“.

Vizekanzler Friedrich von Payer berichtet: „Die allerwildesten Kaiserstürzler sind die rechts stehenden Leute. Die Herren der Hochfinanz und der Großindustrie, ja bis hoch in die Offizierskreise hinein kann man mit einer erstaunlichen Offenheit sagen hören: Der Kaiser muss sofort zurücktreten. […] Je länger die Hetzte fortdauert, desto stärker wird die Forderung hervortreten, dass man überhaupt keine Monarchie mehr brauchte, sondern eine Republik errichten sollte.“ 

26. Oktober 1918
Kaiser Wilhelm II. kontert Ernst Ludendorffs Rücktrittsdrohung

Berlin * Kaiser Wilhelm II. entlässt den Generalquartiermeister Ernst Ludendorff im Schloss Bellevue nach dessen Rücktrittsdrohung mit den Worten: „Na, wenn Sie durchaus gehen wollen, dann meinetwegen“. Dies geschieht auch aufgrund seiner Verärgerung über Ludendorffs

  • politisches Manöver gegen den Reichskanzler Max von Baden und
  • seinem eigenmächtigen Armeebefehl vom 24. Oktober.

Das Rücktrittsgesuch des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg ignoriert Kaiser Wilhelm II. und bittet ihn sogar in der Obersten Heeresleitung - OHL im Amt zu bleiben. Sein Rückhalt in der Bevölkerung ist noch so groß, dass man seine Entlassung fürchtet. Hindenburg entspricht dem Wunsch des Kaisers und lässt Ernst Ludendorff fallen wie die berühmte heiße Kartoffel. Der geschasste Generalquartiermeister fühlt sich derart verletzt und hintergangen, dass er sich sogar weigert, gemeinsam mit Hindenburg im Auto nach Spa zu fahren.

Mit dem Rausschmiss Ludendorffs will der Kaiser aber auch gegenüber den USA glaubhaft machen, dass im Deutschen Reich neue Männer das Ruder übernommen haben. 

26. Oktober 1918
Kaiser Wilhelm II. verkündet den Übergang zur parlamentarischen Monarchie

Berlin * Kaiser Wilhelm II. verkündet den Übergang zur parlamentarischen Monarchie. Die Kommandogewalt geht nun vom Kaiser auf den Reichskanzler als Chef der Regierung über, der künftig seinerseits der Kontrolle durch den Reichstag unterworfen ist. Eine Gewerkschaftszeitung schreibt: „Herrlich, es ist das eingetreten, was unsere Alten verheißen haben!“ 

28. Oktober 1918
Neue politische Verhältnisse und der alte Kaiser

München * Die Münchner Neuesten Nachrichten betonen in einem mit „Der Kaiser und die neue Zeit“ überschriebenen Leitartikel, dass die neuen politischen Verhältnisse „alle Grundlagen seiner Auffassung vom Herrscherberuf über den Haufen“ geworfen hätten. Daraus sollte jetzt die Folgerung gezogen werden. Sonst entsteht ein innerlich unwahrer Zustand, der über kurz oder lang zu Konflikten führen müsse.

Das ist zwar noch eine sehr verklausulierte und versteckte politische Kritik an Wilhelm II., aber damit wird das sich selbst auferlegte Verbot, den Kaiser nicht anzugreifen oder zu demontieren, immer öfter durchbrochen. 

28. Oktober 1918
Gesetzentwurf zur Änderung der Reichsverfassung unterzeichnet

Berlin - Deutsches Reich * Kaiser Wilhelm II. unterzeichnet den Gesetzentwurf zur Änderung der Reichsverfassung, der am 4. November veröffentlicht wird. Damit tritt die Änderung der Verfassung von 1871 in Kraft. Die wesentlichste Bestimmung lautet: „Der Reichskanzler bedarf zu seiner Amtsführung des Vertrauens des Reichstags“. Damit ist das Deutsche Reich eine Parlamentarische Monarchie.

Außerdem sagt der Kaiser seine loyale Zusammenarbeit mit der Volksvertretung und der von dieser gestellten Regierung an. Auf Rücktrittsforderungen geht er mit keinem Wort ein. 

29. Oktober 1918
Soll das Kaisertum überhaupt gerettet werden ?

München * Im Falle einer Thronentsagung des Kaisers wollen die Wittelsbacher den neuen Regenten im Königreich Preußen nicht automatisch als Verweser des Reiches anerkennen.

Ministerpräsident Otto von Dandl informiert den bayerischen Gesandten am Kaiserhof, Hugo Graf von Lerchenfeld, von Überlegungen, „ob das Kaisertum überhaupt gerettet werden soll”, da ein „preußischer Prinz, der eine geeignete Persönlichkeit zur Führung der Regentschaft im Reiche wäre, nicht vorhanden ist”. Wenn, dann müsste „ein Regent präsentiert werden, der dem ganzen deutschen Volk, auch außerhalb Preußens sympathisch“ ist. 

29. Oktober 1918
Kaiser Wilhelm II. macht dem Reichskanzler Vorwürfe

Berlin * Kaiser Wilhelm II. nimmt dem Reichskanzler Max von Baden übel, dass er den Generalquartiermeister Erich Ludendorff entlassen musste. Wilhelm II. schreibt ihm: „Ludendorff hat, um Dir die Situation zu erleichtern, gehen müssen.“ Und weiter: „Sein Fortgehen ist militärisch ein schwerer Verlust fürs Heer.“ 

30. Oktober 1918
Kaiser Wilhelm II. flieht vor der Abdankungsdebatte

Potsdam - Spa * Kaiser Wilhelm II. verlässt unabgemeldet und überstürzt seine Hauptstadt und begibt sich ins Große Hauptquartier der Obersten Heeresleitung - OHL nach Spa, wo er von seinen ihm treu ergebenen Militärs umgeben ist.

Er entzieht sich damit den als taktlos empfundenen Abdankungsdebatten in der Hauptstadt. Aber erst, nachdem man sich darüber Gewissheit verschafft hatte, dass die OHL alles tun werde, um einer Abdankung des Kaisers entgegenzuwirken. 

31. Oktober 1918
Keiner will dem Kaiser die Abdankungs-Nachricht überbringen

Berlin * Statt endlich den Pflichten seines Amtes als Reichskanzler nachzukommen und den Kaiser über den Ernst der Lage genau und umfassend zu informieren, versucht Prinz Max von Baden diese Aufgabe zu delegieren. Er selbst will es dem Kaiser keinesfalls sagen, da er sich als badischer Thronfolger und deutscher Fürst nicht dazu berufen fühlt. Viel lieber möchte der Reichskanzler dazu Großherzog Ernst Ludwig von Hessen gemeinsam mit Hugo Graf von Lerchenfeld, der mit einem Mandat des bayerischen Königs Ludwig III. ausgestattet werden soll, in das OHL-Hauptquartier nach Spa zu Kaiser Wilhelm II. schicken.

Doch sowohl der Großherzog als auch der bayerische Gesandte am Kaiserhof erteilen dem Reichskanzler eine Abfuhr. Bei Großherzog Ernst Ludwig sind es nicht überlieferte persönliche Gründe. Graf Lerchenfeld wird dagegen vom Ministerpräsident Otto von Dandl zurückgepfiffen, weil

  • „Rücksichten auf monarchische Empfindungen“ gegen diese Aktion sprechen und
  • es im Falle einer Ablehnung des königlichen Rates zu „bedenklichen Folgen“ für die künftigen Beziehungen der beiden Länder kommen könnte.
  • Im Übrigen ist aus bayerischer Sicht allein der Reichskanzler zu dieser Aufgabe berufen und sogar verpflichtet, „die Initiative zu ergreifen“.

Reichskanzler Max von Baden nimmt daraufhin den preußischen Innenminister Bill Drews in die Pflicht als Beamter und schickt ihn als Vorbote nach Spa. Auch Prinz August Wilhelm von Preußen und Prinz Friedrich Karl von Hessen-Kassel lassen den Reichskanzler im Regen stehen, sodass das ganze Unternehmen kläglich scheitern wird. 

31. Oktober 1918
Die Stellung des Kaisers ist eine ganz unhaltbare geworden

Lille * Der bayerische Kronprinz Rupprecht legt seine Gedanken zur möglichen Abdankung des Kaisers in seinem Tagebuch nieder:

„So bedauerlich es hinsichtlich des monarchischen Ansehens ist, wenn ein Fürst zur Abdankung genötigt wird, scheint mir die Stellung des Kaisers eine ganz unhaltbare geworden zu sein, da er beim Volke jedes Vertrauen und Ansehen verloren hat und täglich heftigere Angriffe in der Presse - nicht bloß in der sozialistischen - gegen ihn erfolgen.“

Und an anderer Stelle: „Ich fürchte aber, es wird nur beraten und nicht gehandelt, indes die Gefahr der Revolution immer drohender empor wächst. Sogar in dem sonst so ruhigen Bayern gärt es bedenklich.“ 

1. November 1918
Stimmen gegen einen Rücktritt des Kaisers

Spa - Berlin * Generalquartiermeister Wilhelm Groener schreibt an den Vizekanzler Friedrich von Payer zu den Rücktrittsforderungen gegenüber Kaiser Wilhelm II.: „Das Rückgrat der Armee ist gebrochen, wenn diesen Männern […] ihr oberster Dienstherr, dem sie Treue geschworen haben, genommen wird und sie dadurch in ihren innersten Gefühlen verletzt werden.“ 

1. November 1918
Der Kaiser kanzelt Innenminister Bill Drews ab

Spa * Zwischen 14 und 16 Uhr findet das Gespräch zwischen Kaiser Wilhelm II. und dem preußischen Innenminister Bill Drews statt. Reichskanzler Max von Baden hat den Innenminister zu diesem Gespräch verpflichtet. Die zur weiteren Unterstützung avisierten Hochadeligen haben alle ihre Teilnahme abgesagt.

Aus einer Niederschrift vom 3. November geht hervor, dass der Kaiser den „preußischen Beamten und Untertan“ ziemlich abgekanzelt hat. „Wie denken Sie sich die Sache, was wird? Meine Söhne haben mir in die Hand versprochen, dass keiner von ihnen meine Stelle annimmt. Also mit mir tritt das ganze Haus Hohenzollern zurück.“ 

1. November 1918
Der Reichskanzler ist auf allen Gebieten politisch gescheitert

Spa - Berlin * Die nächste Gardinenpredigt erteilt Kaiser Wilhelm II. dem Reichskanzler Max von Baden per Telefon. Das Gespräch nimmt den badischen Prinzen so mit, „dass er in einen Zustand krankhafter Erregung geriet“. Der Reichskanzler ist auf allen Gebieten politisch gescheitert. 

1. November 1918
Kronprinz Rupprecht warnt vor der Gefahr einer Revolution

Lille * Kronprinz Rupprecht warnt aus seinem Standort Lille an der Westfront

  • vor dem außerordentlichen Ernst der Lage und
  • sieht ein Übergreifen der revolutionären Bewegungen, die in Norddeutschland sich vorbereiten, auch auf das Königreich Bayern.

Er bittet seinen Vater König Ludwig III. inständig: „Könntest Du nicht den Kaiser aufsuchen und ihn zu einem Beschlusse bewegen oder ihm doch wenigstens Deine Auffassung der Lange brieflich mitteilen“. Obwohl der greise König gegen die Abdankung des ungeliebten Kaisers keine Einwände erhebt, bleibt er dennoch passiv und untätig. 

2. November 1918
Der Auftakt der Revolution

München * Auf einer vom Liberalen Verein Frei München veranstalteten Volksversammlung ruft Kurt Eisner: „Es kommt nicht zur Reichstagswahl, vor dem 17. November kommt die Revolution.“ Der „struppige Prophet“ wird zwar wegen seines Aussehens belächelt, trotzdem gilt diese Versammlung als der Auftakt der Revolution. 

Kurt Eisner hat bereits vor seiner Haftentlassung die Strategie der Obersten Heeresleitung - OHL durchschaut, die mit der vorgeschobenen Parlamentarisierung lediglich die Verantwortung für den Ausgang des Krieges und den ungünstigen Friedensschluss auf das Parlament abwälzen wollte.

Aus Eisners Sicht sollte nicht nur das verhasste System restlos verschwinden, sondern gleichzeitig mit ihm auch seine Repräsentanten. Gemeint sind jene, die für das vier Jahre dauernde sinnlose Morden die Verantwortung trugen. Schließlich befand sich die Mehrheit der führenden Militärs und Spitzenbeamten in Reich und Länder ebenso in Amt und Würden wie der deutsche Kaiser und die Landesfürsten. Sie aber waren die Symbole einer expansiven Außen- und einer undemokratischen Innenpolitik.

3. November 1918
Prinzessin Wiltrud: „Vielleicht sind wir auch in einiger Zeit abgesetzt“

München-Graggenau * Die bayerische Prinzessin Wiltrud schreibt nach der Veranstaltung der USPD auf der Theresienwiese in ihr Tagebuch: „Was noch alles werden wird, vielleicht sind wir auch in einiger Zeit abgesetzt.“

Sehr gut hat sie beobachtet, dass bei dieser Massenveranstaltung für einen sofortigen Frieden aus der Forderung nach Abdankung eine solche nach Absetzung des deutschen Kaisers geworden ist. 

3. November 1918
Wilhelm II. denkt nicht an Abdanken

Spa * In einer Niederschrift über das von Reichskanzler Max von Baden beauftragte Abdankungs-Ansinnen an Kaiser Wilhelm II. versichert dieser, dass er auf seinem Posten bleiben will.

„Ich denke gar nicht daran abzudanken. Der König von Preußen darf Deutschland nicht untreu werden und in dieser Stunde am allerwenigsten; ich habe auch meinen Eid geschworen und den werd‘ ich halten. Ich denke gar nicht daran, den Thron zu verlassen wegen der paar Hundert Juden und der tausend Arbeiter.“ 

4. November 1918
Kaiser Wilhelm II. verweigert Kronprinz Rupprecht den Oberbefehl

Lille * Kaiser Wilhelm II. besucht die 4. Armee und lehnt einen Rücktritt und Amtsverzicht ab.

Die Bitte des bayerischen Kronprinzen Rupprecht, um Übertragung des Oberbefehls an der Tiroler Grenze, um Bayern vor dem Vordringen der Italiener zu schützen, lehnt der Kaiser ab. 

6. November 1918
Erhard Auer spricht zum Thema: Was wollen wir Sozialdemokraten?

München-Au * Im Franziskanerkeller spricht der SPD-Reichstagskandidat Erhard Auer zum Thema „Was wollen wir Sozialdemokraten“ und fordert

  • die Abdankung des Kaisers und des deutschen Kronprinzen,
  • die Ausschaltung aller reaktionären Elemente aus der politischen Verwaltung,
  • die Änderung des Mannschaftsbeschwerdegesetzes,
  • eine Arbeitslosenversicherung und
  • den Achtstundentag. 

Die Anwendung von Gewalt lehnt er ab.

6. November 1918
Ebert: Die letzte Gelegenheit zur Rettung der Monarchie

Berlin * Der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert erscheint in der Reichskanzlei, wo sich auch Generalquartiermeister Wilhelm Groener befindet. Ebert, der die Monarchie als solche noch immer retten will, fordert ultimativ die Abdankung des Kaisers, „wenn man den Übergang der Massen in das Lager der Revolutionäre verhindern will“. Das, so Ebert weiter, ist „die letzte Gelegenheit zur Rettung der Monarchie“.

Als Groener den Vorschlag als indiskutabel ablehnt, erklärt Ebert: „Wir danken Ihnen, Exzellenz, für die offene Aussprache und werden uns stets gern der Zusammenarbeit mit Ihnen während des Krieges erinnern. Von nun an trennen sich unsere Wege. Wer weiß, wo wir uns je wieder sehen werden.“ 

7. November 1918
Gemeinsame Forderungen von SPD und USPD formuliert

München * Am Vormittag treffen sich die Veranstalter der Kundgebung, USPD und SPD, im Gewerkschaftshaus zur Abstimmung des Ablaufs der Massendemonstration. Sie einigen sich auf einen gemeinsamen, acht Punkte umfassenden Forderungskatalog. Er beinhaltet:

  • Den sofortigen Abgang des Kaisers und den Verzicht seines Thronfolgers.
  • Die Vereidigung des deutschen Heeres auf die Verfassung.
  • Die Beseitigung aller Verfassungsbestimmungen, die der Freiheit des gesamten deutschen Volkes entgegenstehen und den Ausbau Deutschlands zu einem demokratischen Staatswesen hemmen.
  • Ausschaltung aller reaktionären Elemente aus der politischen Verwaltung und völlige Demokratisierung der Verwaltungsorganisation.
  • Annahme der Waffenstillstandsbedingungen; grundsätzliche Ablehnung des von den Alldeutschen propagierten Gedankens der nationalen Verteidigung.
  • Sofortige Ergreifung aller Maßregeln, welche die Ordnung, Sicherheit und Ruhe bei Abrüstung und Heimbeförderung der Truppen verbürgen.
  • Schaffung wirksamster Garantien für das Beschwerderecht der Soldaten.
  • Umfassende soziale Fürsorgemaßnahmen für die Notleidenden; Arbeitslosenversicherung; achtstündiger Arbeitstag. 

Bei der Besprechung hat Kurt Eisner „darauf aufmerksam gemacht, dass die Massen doch vielleicht etwas anderes wollen als eine Art feierlichen Spaziergangs“. 

7. November 1918
Die Stimmung beim Abendessen ist eher gedrückt

München-Graggenau * Die vom Spaziergang heimkehrenden Prinzessinnen werden mit Parolen wie: „Der Kaiser soll abdanken! Nieder mit Wilhelm! Nieder mit dem Haus Wittelsbach! Nieder mit der Dynastie! Nieder mit dem Haus Habsburg! Die Republik soll leben!“ konfrontiert. Auch „Vom Millibauern, Papas Spitznamen, schrien sie etwas.“ Diese und weitere Wahlsprüche vermerkte Prinzessin Wiltrud jedenfalls in ihrem Tagebuch.

Die Stimmung beim Abendessen ist eher gedrückt. Es gibt Hirschkalbsbraten, Kartoffelnudeln und Erbsen. Prinzessin Wiltrud greift beherzt zu: „Ich nahm zwei Stücke, denkend es ist gut, wenn man bei Kräften ist, wer weiß, wann wir wieder ein solches Essen bekommen.“ 

7. November 1918
SPD-Forderungen an Reichskanzler Max von Baden

Berlin * Die SPD-Reichstagsfraktion und der SPD-Vorstand stellen eine Reihe von Forderungen an den Reichskanzler Max von Baden. Die Wichtigste beinhaltet

  • den Rücktritt des Deutschen Kaisers und
  • den Thronverzicht des Kronprinzen bis zum Mittag des nächsten Tages.

Bei Nichterfüllung der Forderungen will die SPD aus der Regierung austreten. 

7. November 1918
Abdankung oder Revolution

Berlin * Reichskanzler Prinz Max von Baden bittet Friedrich Ebert zu einem Vieraugengespräch in die Reichskanzlei. Max von Baden will Kaiser Wilhelm II. im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung - OHL in Spa zum Thronverzicht auffordern. Er will von Ebert wissen: „Habe ich Sie dann auf meiner Seite im Kampf gegen die soziale Revolution?“. Ebert antwortet ganz unzweideutig: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“

Die Reise findet nicht mehr statt. Die Revolution ist schneller. 

7. November 1918
Wenn Versammlungsverbot - dann Revolution

Berlin * Die Unabhängige Sozialdemoktatische Partei - USPD hat für den Abend 26 Versammlungen angesetzt. Die Regierung will diese verbieten.

Friedrich Ebert und die SPD sind davon überzeugt, dass ein Versammlungsverbot umgehend die Revolution auslösen würde. Deshalb fordert Ebert vom Reichskanzler Prinz Max von Baden: „Heute abend müssen wir das Ultimatum von jeder Tribüne verkünden, sonst läuft uns die ganze Gesellschaft zu den Unabhängigen. Der Kaiser muss sofort abdanken, sonst haben wir die Revolution.“ 

8. November 1918
Thomas Mann und die Revolutionäre

München-Bogenhausen * Thomas Mann hatte sich während des Krieges als kaisertreuer Anhänger einer elitären, nicht auf demokratischen, sondern oligarchischen Prinzipien [= Herrschaft von Wenigen] beruhenden Gesellschaftsordnung bekannt und zudem die deutsche Kriegspolitik verteidigt. Er schreibt in sein Tagebuch:

„München, wie Bayern, regiert von jüdischen Literaten. Wie lange wird es sich das gefallen lassen? […] Bei uns ist Mitregent ein schmieriger Literaturschieber wie Herzog, der sich durch Jahre von einer Kino-Diva aushalten ließ, ein Geldmacher und Geschäftsmann im Geist, von der großstädtischen Scheißeleganz des Judenbengels, der nur in der Odeonbar zu Mittag aß, aber Ceoni‘s [Zahnarzt auch der Familie Mann] Rechnungen für die teilweise Ausbesserung seines Kloakengebisses nicht bezahlte. Das ist die Revolution! Es handelt sich so gut wie ausschließlich um Juden.“ 

9. November 1918
Der fingierte Thronverzicht

Berlin * Während in den meisten großen deutschen Städten rote Fahnen über den Regierungsgebäuden und Residenzen wehen, beginnen in Berlin die Auseinandersetzungen erst. Die Lage spitzt sich dramatisch zu, als die Revolutionären Obleute für diesen Tag große Demonstrationen angekündigt haben. Die Bewegung droht der Regierung und den Mehrheitssozialdemokraten endgültig zu entgleiten.

Reichskanzler Max von Baden befürchtet, dass die Demonstranten siegen und ihrerseits die Absetzung des Kaisers ausrufen könnten. Deshalb veröffentlicht er mittags um 12 Uhr völlig eigenmächtig eine Erklärung, in der darstellt, dass sich der Kaiser des Deutsches Reichs und zugleich König von Preußen entschlossen hat, dem Thron zu entsagen.

Gleichzeitig überträgt der Prinz von Baden an den sozialdemokratischen Parteiführer Friedrich Ebert das Amt des Reichskanzlers, um die Staatsführung vor dem revolutionären Zugriff zu bewahren. 

9. November 1918
Der Kaiser ist über den Verrat empört

Spa * Als Kaiser Wilhelm II. im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung von den Vorgängen in Berlin erfährt, ist er empört über den „Verrat“ des Prinzen Max von Baden.

Auf den dringenden Rat des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg sucht der Kaiser um politisches Asyl in den Niederlanden nach.

Nach dem 9. November 1918
Die Schack-Galerie wird beschlagnahmtes preußisches Kronvermögen

Berlin - München-Lehel * Mit der Revolution und der damit verbundenen Beendigung der Monarchie und des Kaisertums fällt die Schack-Galerie in der Münchner Prinzregentenstraße unter das beschlagnahmte Kronvermögen und wird künftig von der Krongutverwaltung des Berliner Finanzministeriums betreut.

10. November 1918
Bauernführer Ludwig Gandorfer verunglückt tödlich

Schleißheim * Der blinde Bauernführer Ludwig Gandorfer wird von Kurt Eisner beauftragt nach Niederbayern zu fahren, um die Ablieferung und den Transport der Lebensmittel nach München zu organisieren. Die Fahrt wird in einem vom Soldatenrat beschlagnahmten Auto erfolgen. Es ist der Fiat des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen, ein Verwandter Kaiser Wilhelms II..

In der Nähe von Schleißheim kommt das mit sieben Personen besetzte Fahrzeug in einer Kurve von der Straße ab, prallt gegen einen Baum und stürzt die Böschung hinab. Ludwig Gandorfer, der mit zwei Begleitern auf der Rückbank sitzt, wird aus dem Automobil geschleudert und stirbt am Unfallort an einem Schädelbruch.

Der Unfall wird in der Bevölkerung als rätselhaft empfunden: Da ist

  • die Streckenführung nach Niederbayern vom Landtag über Schleißheim,
  • das Unfallauto verschwindet spurlos und taucht nie mehr auf,
  • weder das Unfallprotokoll noch die Aussagen der Überlebenden sind auffindbar.
  • Es gibt Gerüchte, wonach die Leichenfrau auf Gandorfers Stirn einen Einschuss gesehen haben will.

Sein Nachfolger als Vorsitzender des Bayerischen Bauernbundes - BBB wird sein Bruder Karl Gandorfer. 

10. November 1918
Der Rat der Volksbeauftragten als provisorische Regierung

Berlin * Bildung des Rats der Volksbeauftragten als Provisorische Regierung beim Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik.

Das Gremium besteht aus je drei Vertretern der Mehrheitssozialdemokraten - MSPD und der Unabhängigen Sozialdemokraten - USPD. Die MSPD entsendet: Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Landsberg, die USPD: Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth. Ebert und Haase sind gleichberechtigte Vorsitzende.

Der Rat der Volksbeauftragten beaufsichtigt das Regierungskabinett, das weiterhin im Amt ist. 

10. November 1918
General Wilhelm Groener gibt eine Loyalitätserklärung ab

Spa - Berlin * Der Generalquartiermeister in der Obersten Heeresleitung - OHL, Wilhelm Groener, gibt eine Loyalitätserklärung gegenüber gegenüber Reichskanzler Friedrich Ebert ab und bietet ihm die Unterstützung der Reichswehr an. Im Gegenzug verlangt er von der Regierung

  • die Bekämpfung des Bolschewismus und
  • die Ausschaltung der Soldatenräte.

Ebert lässt sich auf diesen Bündnisvorschlag ein,

  • da er damit die Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin in Schach halten
  • und das Offizierskorps ohne Reibungsverluste vom Kaiserreich in die neue Demokratie hinüber retten kann. 
11. November 1918
Österreichs Kaiser Karl I. tritt zurück

Wien * Karl I., der schon eine Woche vorher von einzelnen Medien als „der ehemalige Kaiser“ bezeichnet worden war, wird von den republikanisch gesinnten deutsch-österreichischen Spitzenpolitikern und seiner letzten k.u.k. Regierung dazu bewogen, auf „jeden Anteil an den Staatsgeschäften“ zu verzichten.

Die förmliche Abdankung hatte er zuvor abgelehnt. Am selben Tag entlässt der Ex-Kaiser die funktionslos gewordene k.u.k. Regierung. 

Personen: Karl I. Kaiser
28. November 1918
Kaiser Wilhelm II. dankt ab

Amirong * Kaiser Wilhelm II. unterzeichnet seine Abdankungsurkunde.

„Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf die Rechte an der Krone Preußens und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone. Zugleich entbinde ich alle Beamten des Deutschen Reiches und Preußens, sowie alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften  der Marine, des preußischen Heeres und der Truppen der Bundeskontingente des Treueeides, den sie mir als ihrem Kaiser, König und obersten Befehlshaber geleistet haben.

Ich erwarte von ihnen, dass sie bis zur Neuordnung des Deutschen Reiches den Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland helfen, das deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der Anarchie, der Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen.
Urkundlich unter unser höchst eigenhändigen Unterschrift und beigedrücktem kaiserlichen Insiegel.
Gegeben Amirong, den 28. November 1918. gez. Wilhelm“
 

Suchbegriffe: Revolution, Abdankung
6. Dezember 1918
Matrosen und Soldaten für die Wahl zur Nationalversammlung

Berlin * Am späten Nachmittag versammeln sich vor der Reichskanzlei Matrosen und Soldaten. Ein Feldwebel Spiro, der Vorsitzende des Soldatenrats des Ersatz-Bataillons des Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2, hält eine Ansprache, in der er darstellt, dass „Deutschland in dem unermesslichen Unglück einer vollen Katastrophe“ steht, „die nur durch bewusste Zusammenfassung aller Kräfte und durch freiwillige Unterordnung jedes Einzelnen unter das gemeinsame Wohl überwunden werden kann“.

Er fordert abschließend, dass die Nationalversammlung für den 20. Dezember einberufen wird. Danach ernennt er - „gestützt auf die bewaffnete Macht und im Bewusstsein für die ganze Nation zu sprechen“ - Friedrich Ebert zum Präsidenten Deutschlands. 

Ebert antwortet mit „ruhiger, fester, durchdringender Stimme: Kameraden und Genossen! Der Ruf, der an mich ergangen ist, kann und will ich nicht annehmen, ohne vorher mit meinen Freunden in der Regierung gesprochen zu haben. Das ist eine hoch wichtige Angelegenheit, deren Entscheidung allein in den Händen des Rates der Volksbeauftragten liegt“.

Feldwebel Spiro zieht daraufhin mit seinen Truppen geschlossen ab. Das Ziel der Soldaten ist, die Revolution faktisch zu beenden und die Kräfte links des Reichspräsidenten Friedrich Ebert zu entmachten. 

30. Dezember 1918
US-Bürger fordern Lebensmittel-Lieferungen für Deutschland

München-Maxvorstadt - Washington * Im Hotel Kaiserhof verfassen US-amerikanische Bürgerinnen und Bürger eine Petition an den Präsidenten der USA, Woodrow Wilson, in der sie die baldige Einfuhr von Lebensmitteln nach Deutschland fordern.  

Außerdem sprechen sie sich für den Abschluss eines Präliminarfriedens [= Vorfrieden oder vorläufiger Frieden] aus. 

6. April 1919
Ein Aufruf „An das Volk in Baiern!“ zur Gründung der Räterepublik

München * „Der revolutionäre Zentralrat Baierns“ veröffentlicht einen Aufruf „An das Volk in Baiern!“ zur Gründung der Räterepublik. Darin heißt es: 

  • „Die Entscheidung ist gefallen. Baiern ist Räterepublik. Das werktätige Volk ist Herr seines Geschickes. Die revolutionäre Arbeiterschaft und Bauernschaft Baierns, darunter auch alle unsere Brüder, die Soldaten sind, durch keine Parteigegensätze mehr getrennt, sind sich einig, dass von an jegliche Ausbeutung und Unterdrückung ein Ende haben muss. Die Diktatur des Proletariats, die nun zur Tatsache geworden ist, bezweckt die Verwirklichung eines wahrhaft sozialistischen Gemeinwesens, in dem jeder arbeitende Mensch sich am öffentlichen Leben beteiligen soll, einer gerechten sozialistisch-kommunistischen Wirtschaft.
  • Der Landtag, das unfruchtbare Gebilde des überwundenen bürgerlich-kapitalistischen Zeitalters, ist aufgelöst, das von ihm eingesetzte Ministerium zurückgetreten. Von den Räten des arbeitenden Volkes bestellte, dem Volk verantwortliche Vertrauensmänner erhalten als Volksbeauftragte für bestimmte Arbeitsgebiete außerordentliche Vollmachten. Ihre Gehilfen werden bewährte Männer aus allen Richtungen des revolutionären Sozialismus und Kommunismus sein; die zahlreichen tüchtigen Kräfte des Beamtentums, zumal der unteren und mittleren Beamten, werden zur tatkräftigen Mitarbeit im neuen Baiern aufgefordert. Das System der Bürokratie aber wird unverzüglich ausgetilgt.
  • Die Presse wird sozialisiert.
  • Zum Schutz der baierische Räterepublik gegen reaktionäre Versuche von außen und von innen wird sofort eine rote Armee gebildet. Ein Revolutionsgericht wird jeden Anschlag gegen die Räterepublik sofort rücksichtslos ahnden.  Die Baierische Räterepublik folgt dem Beispiel der russischen und ungarischen Völker. Sie nimmt sofort die brüderliche Verbindung mit diesen Völkern auf. Dagegen lehnt sie jedes Zusammenarbeiten mit der verächtlichen Regierung Ebert, Scheidemann, Noske, Erzberger ab, weil diese unter der Flagge einer sozialistischen Republik das imperialistisch-kapitalistisch-militaristische Geschäft des in Schmach zusammengebrochenen deutschen Kaiserreichs fortsetzt.
  • Sie ruft alle deutschen Brudervölker auf, den gleichen Weg zu gehen. Allen Proletariern, wo immer sie für Freiheit und Gerechtigkeit, wo immer sie für den revolutionären Sozialismus kämpfen, in Württemberg und im Ruhrgebiet, in der ganzen Welt, entbietet die Baierische Räterepublik ihre Grüße.
  • Zum Zeichen der freudigen Hoffnung auf eine glückliche Zukunft für die ganze Menschheit wird hiermit der 7. April zum Nationalfeiertag erklärt. Zum Zeichen des beginnenden Abschied vom fragwürdigen Zeitalter des Kapitalismus ruht am Montag, den 7. April1919, in ganz Baiern dieArbeit, soweit sie nicht für das Leben des werktätigen Volkes notwendig ist, worüber gleichzeitig nähere Bestimmungen ergehen.

Es lebe das freie Baiern! Es lebe die Räterepublik! Es lebe die Weltrevolution!“ 

7. April 1919
Die Räterepublik lehnt Zusammenarbeit mit Reichsregierung ab

München * Die Baierische Räterepublik lehnt die Zusammenarbeit mit der Reichsregierung ab und bezeichnet diese als „verächtliche Regierung Ebert, Scheidemann, Noske, Erzberger, weil diese unter der Flagge einer sozialistischen Republik das imperialistisch-kapitalistisch-militärische Geschäft des in Schwachheit zusammengebrochenen deutschen Kaisertums unterstützt“.

7. April 1919
Die Räteregierung informiert Ungarns Regierung

München - Budapest * Die bayerische Räteregierung informiert umgehend den Revolutionären Regierungsrat in Budapest über den politischen Schritt. Der ungarische Regierungschef Bela Kun unterbricht daraufhin die Regierungssitzung und verliest das Münchner Telegramm unter tosendem Beifall:

  • „Die Bayerische Räterepublik folgt dem Beispiel des russischen und ungarischen Volkes. Sie nimmt sofort die brüderliche Verbindung mit diesen Völkern auf.
  • Dagegen lehnt sie jede Zusammenarbeit mit der verächtlichen Regierung Ebert, Scheidemann, Noske, Erzberger ab, weil dieser unter der Flagge einer sozialistischen Republik das imperialistisch-kapitalistisch-militaristische Geschäft des in Schmach zusammen gebrochenen deutschen Kaisertums fortsetzt“.

Damit gibt es in Europa schon drei Räterepubliken. 

17. April 1919
Der Vollzugsrat macht Ernst Toller Vorwürfe

München * Der Vollzugsrat wirft Ernst Toller vor, dass er die Verteidigungslinie bei Dachau allzu leichtfertig preisgegeben habe. Das wird mit Verrat gleichgesetzt.

Im Protokoll des Vollzugsrats steht: „Dieses Vorgehen ist unerhört, man müsse denken, man stehe im Krieg, da dürfe ein Genosse nicht auf eigene Faust handeln. Wenn Toller das in der kaiserlichen Armee getan hätte, wäre er wegen Hochverrat vor das Kriegsgericht gestellt worden“. 

6. Mai 1919
21 Kolpinggesellen werden im Keller des Prinz-Georg-Palais ermordet

München-Maxvorstadt * Etwa dreißig Mit­glieder des Katholischen Gesellenvereins Sankt-Joseph treffen sich in ihrem Vereinslokal, dem Maxkasino, in der Augustenstraße 41. Dem preußischen Kaiser-Alexander-Garde-Grenadier-Regiment war zuvor von einem Denunzianten mitgeteilt worden, dass dort am Abend eine Versammlung von Rotarmisten stattfindet.

Noch während sich im Kasino die Vereinsmitglieder unterhalten, wird das „Spartakistennest“ von Regierungssoldaten beobachtet und 25 Teilnehmer sowie der Wirt kurz vor 21 Uhr verhaftet.

Die Möglichkeit, gegenüber den Soldaten das Miss­verständnis aufzuklären und sich zu legitimieren, wird von diesen gewaltsam un­terbunden. Erste Gewehrkolbenhiebe gegen die Arretierten und Zurechtweisungen sind die Folge. Mit dem Abmarsch zum Quartier des Alexander-Regiments beginnt der weitere Leidensweg für die Gefangenen, denn bald geht die Begleit­mannschaft dazu über, die angeblichen Spartakisten nicht nur zu beschimpfen, sondern auch mit Pistolen und Gewehren auf sie einzuschlagen.

Nun werden die 26 katholischen Gefangenen in das Prinz-Georg-Palais am Karolinenplatz 5 gebracht. Im Hof beginnt das eigentliche Massaker. Sechs der Gesellen werden im hinteren Teil des Hofes gegen das Tor eines Schuppens gestoßen. Dann eröffnen die Soldaten mit Gewehren und Pistolen das Feuer, bis alle sechs tot sind. Die verbliebenen zwanzig Kolpinggesellen werden zum Eingang des Kellers geführt. Dort erwischt es einen siebten Gefangenen. Er wird auf den Boden geworfen und mit einem gezielten Pistolenschuss ermordet.

Die Übrigen werden jetzt zur Zielscheibe sadistischer Spiele ihrer Peiniger. Man stößt sie mit Flüchen und Beschimpfungen die Treppe zum Keller hinunter. Dort müssen sie sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen. Dann beginnen die Erschießungen. Auf grauenhafte Weise werden 14 Kolpinggesellen ermordet. Wer nicht durch die Schüsse stirbt, wird mit dem Bajonett erstochen. Manche Gefangene stellen sich tot oder sind bewusstlos.

Nur durch das Eingreifen eines hohen Offiziers wird das Morden beendet. Nach dem Massaker werden 21 Tote in das Pathologische Institut gebracht. Unter den Erschossenen befinden sich zwei Brüderpaare, bei zwei weiteren wird jeweils einer getötet. Zwei Schwerverletzte werden in das Reservelazarett an der Zollstraße eingeliefert. Drei Opfer brauchen keine Krankenhausbehandlung.

Alle Ermordeten sind eingeschriebene Mitglieder der konservativen Bayerischen Volkspartei - BVP. Der Fall wird deshalb vor Gericht ausführlich untersucht. Man ist jedoch von Regierungsseite geneigt, nichts mehr über den Vorfall an die Presse zu geben. Die Folge davon ist, dass die von den Militärbehörden erstellten unwahren Berichte überall, auch im Ausland, Verbreitung finden.

 Ansonsten achten die Zensurbehörden streng darauf, dass keine publikumswirksame Veröffentlichung über das blutige Geschehen unter die Leute kommen können. So wird beispielsweise die Sondernummer der Süddeutschen Illustrierten Kriminal-Zeitung vom November 1919, die darüber berichtet, sofort nach ihrem Erscheinen beschlagnahmt. 

7. Mai 1919
Josef Hofmiller analysiert die Lage der SPD

München-Haidhausen * Josef Hofmiller, der Herausgeber der reaktionären Zeitschrift Süddeutsche Monatshefte, analysiert die Situation: „Die Sozialdemokratie ist in einer Zwickmühle: sie ist gezwungen Farbe zu bekennen, und diese Farbe ist nicht rot, wie die Masse geglaubt hat. Sie hat niemals gewagt, den trennenden Strich zwischen sich und den Kommunisten zu ziehen; die Leute aber, die die Regierung Hoffmann jetzt erschießen lässt, sind lauter Kommunisten.

Die Sozialdemokratie hat die Massen immer auf den großen Kladderatatsch [= eine alte, in der Kaiserzeit gebrauchte, humorvolle Bezeichnung für die Revolution] vertröstet und scharf gemacht; jetzt, wo die Massen den Kladderatatsch machen und ausnützen wollen, lässt sie auf sie schießen.

Man sieht es jeder Nummer der ‚Münchener Post‘ an, wie greulich der offiziellen Sozialdemokratie die durch ihre eigene Schuld unheilbar gewordene Lage ist.“ 

1922
Die Inflation und die Straßenbahn

München * Die Inflation, die durch die Kriegsfinanzierungspolitik des Kaiserreichs verschuldet und von der Weimarer Republik zur Dämpfung der Arbeitslosigkeit fortgeführt worden ist, bringt das Münchner Verkehrsunternehmen an den Rand des Erträglichen. Weitere Streckenausbauten und dringend notwendige Neubeschaffungen im Wagenpark können nicht realisiert werden. 

Die Anpassung der Tarife hechelte der Geldentwertung hinterher. Alleine im Jahr 1922 gibt es 13 Tariferhöhungen. Kosten zwei Teilstrecken am 1. März noch 1,50 Mark, so erhöht sich der Preis bis zum 31. Dezember auf 70 Mark. Doch dann geht‘s erst richtig los. 

20. Oktober 1934
Die erste deutschlandweite Razzia der Nazis gegen Homosexuelle

München-Angerviertel * Die deutschlandweit erste, groß angelegte Razzia der Nazis gegen Homosexuelle. Im Zentrum dieser Maßnahme steht der Gasthof Schwarzfischer in der Dultstraße, zusammen mit dem Arndthof am Glockenbach und diversen einschlägig bekannten Parks, Bedürfnisanstalten und Privatwohnungen.  

Insgesamt werden bei dieser Aktion 145 Männer festgenommen und in die Ettstraße gebracht. Dort wird abgeglichen, ob es sich um Wiederholungstäter handelt, die sich anschließend Umerziehungsmaßnahmen unterziehen müssen. 39 Festgenommene kommen ins KZ Dachau, viele werden auch nach ihrer Freilassung noch jahrelang schikaniert. Wiederholungstäter ist, wer in der berüchtigten Rosa Liste verzeichnet ist. Dieses Verzeichnis der Homosexuellen besteht bereits seit der Kaiserzeit. 

Ab 4. Oktober 1960
Die Beatles wechseln in den Hamburger Kaiserkeller 

Hamburg-St. Pauli * Die Beatles beginnen ihr Gastspiel im Kaiserkeller an der Großen Freiheit. Clubbetreiber Bruno Koschmider stellt den Musikbetrieb im Indra nach Beschwerden über den Lärm ein. Im Kaiserkeller wechseln sie sich mit Rory Storm and the Hurricanes ab und lernen deren Schlagzeuger Ringo Starr kennen.  

Während ihres Gastspiels gewinnen die Beatles neue Anhänger und Freunde, darunter den Grafiker Klaus Voormann und die Fotografin Astrid Kirchherr. Die Begegnungen finden im Verlauf ihres Hamburger Aufenthalts statt und lassen sich nicht sämtlich auf den 4. Oktober datieren. 

Ab 1975
Der Antonius-Altar wird vollkommen neu konzipiert

München-Lehel * In den Jahren 1975 und 1976 widmet man sich den beiden Hauptseitenaltären im Mittelschiff der Anna-Klosterkirche. Der Antonius-Altar wird dabei vollständig neu konzipiert. Ursprünglich als Nepomuk-Altar errichtet, später zum Ludwigs-Altar umgestaltet, erhält er nun seine heutige Bestimmung als Antonius-Altar.

Der heilige Antonius gilt als Patron der bayerischen Franziskaner. Seine Oberarm-Reliquie, die Kaiser Ludwig IV. der Baier im Jahr 1330 den Münchner Franziskanern schenkte, wurde 1480 in einem spätgotischen Reliquiar gefasst und später in einem barocken Schrein präsentiert. Seit 1827 befindet sie sich in der Annakirche im Lehel. Der Überlieferung nach rettete ein Franziskanermönch die kostbare Reliquie nach dem Bombenangriff aus dem brennenden Gotteshaus.

Die 1682 entstandene Antonius-Statue auf dem Altar wird heute von kleinformatigen, modern gestalteten Bildtafeln gerahmt.

2003
Ein Denkmal für die Currywurst-Erfinderin

Berlin-Charlottenburg * Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen enthüllt am Haus Kantstraße 101, Ecke Kaiser-Friedrich-Straße, eine Gedenktafel für Herta Heuwer. 

Die Tafel erinnert an den früheren Imbissstand und verweist darauf, dass Heuwer hier am 4. September 1949 die würzige „Chillup“-Sauce für die Currywurst erfunden haben soll. Damit bekräftigt Berlin seinen Anspruch, Geburtsort der Currywurst zu sein.

Die Berliner Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen enthüllt eine Gedenktafel am Haus Kantstraße 101, Ecke Kaiser-Friedrich-Straße. Die Tafel erinnert an den früheren Imbissstand und hält fest, dass Herta Heuwer hier am 4. September 1949 die würzige „Chillup“-Sauce für die Currywurst erfunden haben soll. Berlin unterstreicht damit seinen Anspruch, Geburtsort der Currywurst zu sein.

6. August 2026
Gedenktafel für Wilhelm von Ockham im Alten Hof genehmigt

München-Graggenau * Die Untere Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt München genehmigt die Anbringung einer Gedenktafel für Wilhelm von Ockham im Alten Hof. Die Initiative geht vom Rotary Club München aus, nachdem die vorgeschlagene Würdigung am Max-Joseph-Platz abgelehnt worden ist. 

Mit dem Standort will der Club an Ockhams Wirken als Philosoph und Berater Kaiser Ludwigs des Baiern erinnern. Seine Wohnstätte befindet sich im Mittelalter im Franziskanerkloster am heutigen Max-Joseph-Platz.